Dentale Erosionen haben wie Karies eine multifaktorielle Ätiologie

Besonders Kinder weisen veränderte Trinkgewohnheiten auf, die dentale Erosionen begünstigen.
08. September 2015
Dentale Erosionen haben wie Karies eine multifaktorielle Ätiologie
Interview mit Prof. Dr. Adrian Lussi – Ernährungslenkung ist enorm wichtig

Abrasion, Erosion und Karies – was gibt es hierzu Neues? Prof. Dr. Adrian Lussi, Universität Bern, klärt im Interview über die Zusammenhänge auf und verrät, warum Ernährungslenkung eine so wichtige Rolle spielt.

Anlässlich des „CP Gaba Prophylaxe-Symposiums 2015“ in Berlin führte die Redaktion der Fachzeitschrift Prophylaxe impuls (pi) ein Interview mit Prof. Dr. Adrian Lussi, Universität Bern, über die Themen Abrasion, Erosion und Karies, aus dem wir nachfolgend Auszüge veröffentlichen. Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der pi, die am 9. September 2015 erscheint (zu beziehen über den Zahnärztlichen Fach-Verlag, Herne).

pi: Werden Abrasion und Erosion nach der Karies zu einer neuen „Volkskrankheit“ – wie hoch schätzen Sie die Prävalenz dentaler Substanzverluste?

Prof. Dr. Adrian Lussi: 1991 haben wir in der Schweiz eine Untersuchung durchgeführt und bei 30 Prozent der Untersuchten deutliche Erosionen – also die Demineralisation der Zähne ohne Beteiligung von Bakterien – festgestellt.

Dieser Wert ist dann 25 Jahre etwa auf dem gleich hohen Niveau geblieben und hat sich stabilisiert. Auch eine vor zwei Jahren auf europäischer Ebene durchgeführte Studie bestätigte in etwa die Prävalenz: Knapp 30 Prozent der 20- bis 30-Jährigen wiesen an mindestens einem Zahn eine deutliche Erosion auf.

Trotz Rückgang ist aber die Karies nach wie vor das Hauptproblem: Auch heute noch stellen wir bei 80 Prozent der 40-Jährigen Karies fest.

Wo sich dentale Erosionen zeigen, hängt von den Ursachen ab

pi: Wo treten erosive Defekte häufiger auf – im Ober- oder Unterkiefer?

Lussi: Wie Studien zeigen, treten Erosionen immer an mehren Zähnen auf. Bei Erwachsenen sind vestibulär am meisten die Eckzähne/Prämolaren des Ober- und Unterkiefers betroffen, okklusal die Molaren des Unterkiefers und oral die Schneidezähne des Oberkiefers.

Wo sich dentale Erosionen zeigen, hängt von den Ursachen ab. Treten Säureschäden vor allem an den Palatinalflächen der Oberkieferfrontzähne auf, ist eine Exposition aufgrund endogener Säuren zum Beispiel durch Erbrechen wahrscheinlich. Bei Menschen, die kräftig erbrechen, sind die Frontzähne im Oberkiefer palatinal betroffen. Leidet jemand unter Reflux – davon sind rund 10 Prozent der Bevölkerung betroffen – und schläft auf dem Bauch, sind mehr die Zähne im Unterkiefer befallen. Bei Reflux wird häufig auch eine Asymmetrie der Erosionsschäden beobachtet.

An den Läsionen kann man die bevorzugte Schlaflage erkennen: Jemand, der vornehmlich auf der rechten Seite schläft, zeigt auch dort Substanzverluste, und bei Patienten, die rechts schlafen und unter Reflux leiden, sind dann auch rechts mehr Erosionen zu sehen, oft auch bukkal.

Man kann nicht generell sagen, alle Zähne sind gleich anfällig, aber im Unterkiefer lingual gibt es kaum Erosionen, dort ist genügend Speichel vorhanden.

Prof. Dr. Adrian Lussi (Foto: CP Gaba)
"Dentale Erosion ist drin in den Köpfen"

pi: Erosionen und Abrasionen haben unterschiedliche Ursachen. Worauf sind insbesondere die Erosionen zurückzuführen und ist dafür eigentlich der ebenfalls benutzte Begriff Biokorrosion treffender?

Lussi: Man könnte diese Defekte auch „Abresionen“ nennen, aus Erosion und Abrasion. Aber Erosion hat sich eingebürgert, und obwohl allen klar ist, dass es eigentlich der falsche Begriff für diesen Prozess ist, sollte er bleiben. Wir haben vor 20 Jahren auch versucht, diesen Begriff einzuführen, aber dentale Erosion ist drin in den Köpfen. Im Übrigen ist Korrosion noch viel komplexer und auch nicht zu verstehen. Darüber hinaus wird Biokorrosion der Sache auch nicht gerecht, denn „bio“ wird mit „gesund“ assoziiert, Korrosion zerstört, und bio sollte nicht zerstören.

Dentale Erosionen haben wie die Karies eine multifaktorielle Ätiologie mit exogenen und endogenen Faktoren. Beispielsweise haben sich die Trink- und Ernährungsgewohnheiten geändert: Allein der Konsum von Softdrinks hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht, und besonders Kinder und Jugendliche praktizieren mit schluckweisem Trinken, Saugen an Flaschen oder Ziehen des Getränks durch die Zähne veränderte Trinkgewohnheiten. Neben diesen extrinsischen Faktoren spielen aber auch die intrinsischen, mit zum Beispiel einer Reflux-Prävalenz von 10 Prozent, eine große Rolle.

Die Ernährungslenkung ist enorm wichtig

pi: Welche neuen Präventionsstrategien gibt es?

Lussi: Die Ernährungslenkung ist enorm wichtig. Ihr müssen eine Untersuchung und ein Protokoll zur Risikoabklärung ebenso vorausgehen wie die Beschreibung des Patienten über seine Ernährung während einiger Tage. Ziel der Ernährungsabklärung ist eine Reduktion des Säureinputs und die Änderung schädigender Gewohnheiten durch Verminderung von säurehaltigen Speisen und Getränken – ohne Verbote, sondern mit Hinweisen auf Produkte, die keine Erosionen verursachen, und mit der Empfehlung, erosive Lebensmittel rasch zu verzehren.

In jedem Fall sollten keine stark abrasive Zahnpasta, eine weiche Zahnbürste und eine schonende Bürsttechnik angewendet werden. Nach der Säureattacke empfehle ich bei Patienten mit aktiven Erosionen, den Mund sofort mit einer zinn- und fluoridhaltigen Spüllösung oder mit Wasser zu spülen.

Speichel braucht lange, um erweichte Zahnhartsubstanz zu reparieren

pi: Über Jahre haben die Menschen gelernt, möglichst nach jedem Essen sofort die Zähne zu putzen und nach sauren Lebensmitteln eine halbe Stunde damit zu warten. Muss diese Empfehlung jetzt überdacht und neu formuliert werden – und wenn ja, wie lauten Ihre Empfehlungen?

Lussi: Die Wartezeit von einer halben Stunde bringt nichts. Die Zeit genügt nicht, denn der Speichel braucht bedeutend länger, um erweichte Zahnhartsubstanz so zu reparieren, dass sie dem Zähneputzen widerstehen kann. Eine Wartezeit zu instruieren ist auch gesundheitspolitisch gefährlich, da die Zähne dann unter Umständen gar nicht gereinigt werden.

Saure Candysprays sind ganz schlimm

pi: Bei Kindern und Jugendlichen stehen saure Süßigkeiten zurzeit hoch im Kurs. Verbote bringen sicher nichts – was empfehlen Sie?

Lussi: Es ist auch Aufgabe der Eltern, ihre Kinder weder auf Bonbons, die in der Wangentasche gehalten bukkal natürlich auch Erosionen verursachen, noch auf andere saure Süßigkeiten zu konditionieren. Ganz schlimm wirken die sauren Candysprays, die unmittelbar auf die Zahnflächen gesprüht werden. Verbote sind oft nicht erfolgsversprechend, aber mit der Aufklärung der Eltern kann man die Ernährung schon sehr gut steuern.

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