Individuelle Immunreaktion spielt eine sehr große Rolle

Individuelle Immunreaktion spielt eine sehr große Rolle
DDHV-Kongress: Parodontaltherapie kann die Pulswellengeschwindigkeit um bis zu 0,5 m/s verminden

Ende Januar 2016 hat der jährliche Kongress des Deutschen DentalhygienikerInnen Verbands e.V. (DDHV) im Zentrum für Zahn-, Mund- und Kiefergesundheit der Universität Würzburg statgefundent. Eröffnet wurde die Veranstaltung von der DDHV-Vorsitzenden Beate Gatermann.

Dr. René Sanderink ging mit seinem Vortrag "Immunmikrobiologische Aspekte der klinischen Parodontologie" sofort tief in medias res. Heute gilt zum Beispiel die unspezifische Plaquehypothese von Löe als überholt, und die heikle These einer unvermeidbaren Parodontitis ist nicht mehr ganz von der Hand zu weisen. Mit der altersassoziierten Immunoseneszenz beschrieb er das allmähliche Nachlassen der Leistungsfähigkeit des Immunsystems mit Zunahme an chronischen Erkrankungen unter anderem durch Thymusinvolution (ausbleibende Reifung der T-Lymphozyten) und gesteigerte Ausschüttung von proinflammatorischen Zytokinen.

Eine vermehrte Freisetzung von Radikalen (oxidativer Stress) in den Zellen verändert die Ablesefähigkeit proteincodierter Genabschnitte. Dies führt zur Dysbiose (Gleichgewichtsstörung der Darmflora), Metaflammation (Stoffwechselentzündung) und kann schließlich zu einer Parodontitis führen, da die Krankheitsanfälligkeit allgemein im Alter erhöht ist. Sicher ist, dass die individuelle Immunreaktion mit die größte Rolle spielt.

Schwierig zu handhaben sind zudem posttherapeutisch persistierende Parodontalpathogene in Dentintubuli, auf der Zunge und im Speichel – auch nach totaler Extraktion. Diese sind durch zunehmend fehlgesteuerte Immunreaktionen (verlorene "alte" Infektionen, verminderte kommensale Erreger und die der natürlichen Umgebung, neue "Crowd"-Erreger) weniger erfolgreich zu eliminieren.

Außerdem kommt es zur Alterung durch einen persistierenden niedrigen Entzündungsstatus (Inflammaging), dessen Leitsymptom ein multimodal gesteuerter entzündlicher Plasmastatus ist. Einfach formuliert: Die erfolgreichste Therapie besteht aus einer Entprägung der oralen Mikroflora durch eine Full-Mouth-Desinfection (FMD) und Sc/Rp und einer auf diesem "Reset" neu entstandenen Eubiotisierung mit Probiotika.

Gut gelaunte Referenten: PD Dr. Gregor Petersilka und Dr. Yvonne Jockel-Schneider
(Foto: Bahrs)

Dr. med. dent. Yvonne Jockel-Schneider sprach über die häufigste Todesursache der koronaren Herzkrankheit, der zerebro-vaskulären Erkrankung und der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit. "Parodontale Entzündungen und deren Verbindungen und Auswirkungen auf kardiovaskuläre Erkrankungen" sind zwar eher moderat assoziiert, aber bei jedem Patienten ein mögliches Risiko, denn eine Bakteriämie ist in einer korrekten und gründlichen Dentalhygienebehandlung unvermeidbar.

Da Parodontitis-Patienten eine signifikant höhere Pulswellengeschwindigkeit aufweisen, ist die bereits 1863 eingeführte Pulswellenmessung mittels Handgelenksmanschette – adäquat der Blutdruckmessung – ein unkomplizierteres und damit schnelleres Messverfahren als die Bestimmung der etablierten Parameter von Intima-media-Dicke oder flow related Dilatation etc. und misst auch den peripheren und zentralen Blutdruck.

Eine Erhöhung der Pulswellengeschwindigkeit von 10 Metern pro Sekunde (m/s) entspricht einem massiv höheren Gefäßalter (sicherer Prädiktor für Tod) von ca. 20 bis 25 Jahren. Diese Erhöhung kann durch eine Parodontaltherapie (je nach Indikation mit und/oder ohne Winckelhoff) um 0,5 m/s vermindert werden. Dadurch sind wir eine echte Konkurrenz zur Pharmalobby, die medikamentös nur eine leichte Verbesserung von 0,7 m/s Senkung erzielt.

PD Dr. med. dent. Gregor Petersilka schied Mythen von Fakten mit "Vom Hype über die Hybris in die Hölle: Was das Pulverstrahlen bieten kann". Pulver zum Pulverstrahlen basierte zunächst auf Natriumbikarbonat mit einer Korngröße von mehr als 200 Mikrometer (µm) zur Kavitätenpräparation. Die nächste Generation basierte auf Glycin mit weniger als 60 µm (auch mit Kalziumkarbonat oder Trikalziumphosphat). Heutige Produkte erhielten mit Erythritol eine Korngröße von 14 µm (inzwischen ohne Chlorhexidin zur Haltbarkeit und weniger als 1 Prozent Siliziumoxid zur Rieselfähigkeit mit Staublungen-Gefahr). Die Abrasivität ist abhängig von Härte, Größe, und Oberflächenbeschaffenheit des Pulvermaterials, von der Wassermenge, dem Abstand und Winkel der Düse zum Zahn (je höher, desto effizienter) und vom Gerät selbst. Eine Schädigung des Saumepithels ist durch Glycin als körpereigene Aminosäure nicht zu befürchten; Erythritol sei laut Herstellerkonkurrenten noch ungesichert.

Zusätzlich soll eine Abrundung von zum Beispiel Natriumbikarbonat oder Trikalziumphosphatkristallen durch Verstopfen der Tubuli gegen Hypersensibilität wirken. Jedoch sind solche Pulver – genau wie Kalzium-Natrium-Phosphosilicat oder Aluminium-Mischungen – viel zu abrasiv. Weitere Nachteile sind hohe Kosten, Empyhsemgefahr und Schädigungen durch zum Beispiel defekte Rückschlagventile.

Interessant war folgende These des Redners: Eine Plaqueentfernung vor der PZR mit Zahnbürste, Zahnseide und Interdentalbürstchen vermindere die Behandlungszeit um ein Drittel. Ebenfalls wichtig zu wissen: Der Biofilm kann die Implantatoberfläche derart verändern, dass körpereigene Zellen anders reagieren (zum Beispiel erschwerte oder keine Anheftung der Epithelzellen).

Prof. Dr. med. dent. Ulrich Schlagenhauf gab mit seinem Vortrag "Der Bachelor-Studiengang Dentalhygiene als integraler Bestandteil der universitären zahnmedizinischen Ausbildung" einen Einblick in die medizinische Versorgung Deutschlands. Mit 50.000 Zahnärzten bei 350.000 Ärzten scheint die Mundgesundheit eine gute Versorgung zu erhalten; jedoch liegt der GKV-Anteil für die Parodontologie bei nur 3,2 Prozent der Ausgaben für die Zahnmedizin (13,028 Milliarden Euro) – bei viel höherer Prävalenz!

Grund dafür ist unter anderem die 60 Jahre alte (und damit veraltete) Ausbildungsordnung aus dem Jahr 1955. Übrigens: Der Lehranteil von Parodontologie an der Universität Würzburg (die einzige mit eigener Parodontologie-Abteilung in Bayern) beträgt nur etwa 7,5 Prozent.

Auf der Hand liegt somit der gewaltige Bedarf an Fachkräften für die Unterstützende Parodontaltherapie (UPT). Bisher waren alle Herangehensweisen der Bedarfsdeckung durch die fehlende Praxis in den momentan angebotenen Lehrgängen eher Versuche. Mit 400 praktischen Stunden, wovon 170 in eigener Praxis zu absolvieren waren, war der Lernerfolg deutlich von der parodontologischen Kompetenz der Beschäftigungspraxis und deren verfügbarem Spektrum komplexer Fälle beeinflusst. Umso erfreulicher, dass endlich ein dreijähriges, 180-ECTS-Punkte (European Credit Transfer System) umfassendes Studium mit 1.500 bis 1.800 Stunden/Jahr inklusive Selbststudium/Lehrzeit mit der Zulassungsvoraussetzung Abitur oder erfolgreicher Berufsabschluss (zum Beispiel ZMP, ZMF oder DH) mit der Uni Würzburg lanciert wird. Zwei mögliche Wege stehen noch zur Diskussion: entweder der Studiengang Dentalhygiene an der Universität Würzburg oder eine Privatuniversität mit Anbindung und Nutzung des Lehrangebots der Universität Würzburg.

Der nächste Kongress findet am 21. Januar 2017 wieder im Würzburg statt.

Regine Bahrs, RDH

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