Xerostomie – häufige Ursache oraler Erkrankungen

Beneidenswert: Babies bleibt nie die Spucke weg. Sie erwecken eher den Eindruck, zuviel davon zu produzieren – im Gegensatz zu Patienten, die unter Xerostomie leiden.
21. April 2015
Xerostomie – häufige Ursache oraler Erkrankungen
Orale Mikroflora und Gewebe der Mundhöhle geraten schnell ins Ungleichgewicht – auch Medikamente als Auslöser

Durch mangelnden Speichelfluss oder unphysiologische Zusammensetzung des Speichels kommt es zu einem Ungleichgewicht zwischen der oralen Mikroflora und den Geweben der Mundhöhle

Die Differenzialdiagnose der zahlreichen möglichen Ursachen der Xerostomie bildet die Grundlage für ein individuell abgestimmtes Therapiekonzept. Die naheliegendste, aber nicht unbedingt häufigste Ursache der Mundtrockenheit ist eine Minderfunktion oder Dysfunktion der Speicheldrüsen. Eine Entzündung der Drüsen oder Sialadenitis kann sowohl bakteriell als auch viral bedingt sein. Dazu zählt beispielsweise durch Myxoviren ausgelöster Mumps; sehr viel häufiger sind aber Entzündungen durch Cytomegalieviren (CMV). Bei Letzteren kommt es nach einer oft schon im Kindesalter erfolgten Primärinfektion zu wiederkehrenden Entzündungsrezidiven im Erwachsenenalter. Daneben können granulomatöse Erkrankungen, wie die Sarkoidose oder das Heerfortsyndrom, zu einer epitheloidzelligen Sialadenitis und in der Folge zu einer Zerstörung des Drüsengewebes führen. Die Abklärung derartiger Erkrankungen erfordert eine Biopsie und Gewebeuntersuchung im pathologisch-histologischen Labor. Therapeutisch kommen bei gesicherter Diagnose Kortikosteroide und Pilocarpin zur Anregung der Speichelproduktion des erhaltenen Restgewebes zum Einsatz.


DDr. Christa Eder unter Mitarbeit von Laszlo Schuder, „Zahn Keim Körper“, 1. Auflage 2014, 304 Seiten, 21 Abbildungen, 69,90 Euro, Der Verlag Dr. Snizek e. U., Wien, www.der-verlag.at, ISBN 978-3-9502916-4-3


Problematisch sind auch die Folgen einer Radiotherapie im Rahmen von Krebsbehandlungen im Kopf-Hals-Bereich und einer Radiojodtherapie bei Schilddrüsenerkrankungen. Betroffen sind in diesen Fällen in erster Linie die großen Speicheldrüsen. Das Gewebe wird degenerativ verändert, und die Speichelproduktion sinkt auf unter ein Drittel des Normalwertes. Ähnliche Bilder mit zusätzlicher Atrophie und Ulzeration der Mundschleimhaut sind häufig die Folge einer Chemotherapie.

Medikamente als Auslöser von mangelndem Speichelfluss
Durch Arzneimittel verursachte Xerostomie ist besonders im mittleren und höheren Lebensalter ein sehr häufiges Problem. Immerhin kennt man über 500 verschiedene Wirkstoffe, welche die Speichelproduktion nachhaltig beeinflussen. Zu den häufigsten Verursachern gehören Antihypertensiva, wie Betablocker, Kalziumantagonisten und Alpha2-Blocker sowie Diuretika wie Hydrochlothiazid und Furosemid. Weiterhin zählen Neuroleptika wie Promethazin und Risperidon, Sympathikomimetika (Ephedrin, Amphetamin, Metamphetamin), diverse Antidepressiva, Scopalaminderivate (Antinausea), Vitamin-A-Derivate wie Isoretinoin und Bronchodilatoren (Ipratropium) zu den Risikomedikamenten. Eine exakte, regelmäßig aktualisierte Medikamentenanamnese kann bei plötzlich auftretender Xerostomie oft zur Klärung der Ursache beitragen. Hier ist zur Problemlösung in jedem Fall eine enge Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt und Allgemeinmediziner/Internist notwendig. Oft helfen Dosisanpassungen oder Reduktionen des entsprechenden Medikaments, die Nebenwirkungen zu lindern. In Extremfällen sollte, wenn medizinisch vertretbar, ein Wechsel des verursachenden Arzneimittels vorgenommen werden.

Systemische Erkrankungen und Xerostomie
Bekanntlich manifestiert sich eine Reihe von Erkrankungen des Allgemeinorganismus auch durch parallel auftretende Läsionen in der Mundhöhle. Einige dieser Krankheitsbilder können mit einer Beeinträchtigung der Salivation einhergehen. Zu den häufigsten Verursachern gehört Diabetes mellitus Typ II. Besonders schlecht eingestellte Diabetiker mit vermehrtem Auftreten von Blutzuckerspitzen leiden nicht selten unter massiven parodontalen oder mukosalen Entzündungen, welche ihrerseits wiederum zu systemischen Rückkoppelungen mit Stoffwechselentgleisungen führen. Daneben kommt es zu einer Beeinträchtigung des Speichelflusses mit allen weiteren Konsequenzen für die oralen Gewebe. Auch psychische Erkrankungen wie endogene Depression und schwerer psychischer Stress können neben körperlichen Symptomen, wie Verdauungsproblemen und Kreislaufstörungen, auch orale Probleme hervorrufen. Über die Achse Hypothalamus – Hypophyse – Nebennierenrinde wird das Kortisolsystem aktiviert. Daneben kommt es im Gehirn zu einer Überaktivierung von Acetylcholin. Depressive zeigen häufig einen manifesten Mangel an Serotonin, was wiederum zu einer verstärkten Freisetzung von Stresshormonen führt. Dazu werden vermehrt Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet. All diese Faktoren wirken auf die oralen Strukturen und hemmen letztlich die Speichelproduktion. Zusätzlich wird durch die Einnahme von Antidepressiva die vorbestehende Mundtrockenheit weiter verstärkt. Besonders trizyklische Antidepressiva wie Amitryptilin, Imipramin und Clomipramin führen oft zu einer ausgeprägten schweren Xerostomie.

Ähnliche Probleme haben auch Patienten mit Störungen der Schilddrüsenfunktion. Außerdem zeigen bis zu 25 Prozent der an Morbus Parkinson Erkrankten Symptome von Mundtrockenheit und Burning-Mouth-Syndrom. Erkrankungen der Niere, die mit einer allgemeinen Dehydratation einhergehen, gehören ebenfalls zu diesem Formenkreis. Ein typisches Beispiel für immunologisch bedingte Erkrankungen mit Xerostomie ist das Sjögren-Syndrom, bei welchem die Speicheldrüsen direkt befallen und in ihrer Funktion schwerwiegend geschädigt werden.

Für den behandelnden Zahnarzt ist die anamnestische Erhebung solcher Grunderkrankungen von großer Wichtigkeit. Die Therapie richtet sich in erster Linie nach der Ursache der Erkrankung. Dies erfordert enge interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den entsprechenden Fachärzten. Aus zahnärztlicher Sicht benötigen die Patienten intensivierte Vorsorge und Mundhygiene zur Erhaltung der oralen Gesundheit. Dazu gehört bei Bedarf auch die Verordnung speichelflussfördernder Medikamente wie Pilocarpin und Speichelersatzpräparate. Bei Bedarf müssen geeignete antimikrobielle und antiinflammatorische Wirkstoffe gegen die bei Mundtrockenheit häufig rezidivierenden bakteriell und fungal bedingten Entzündungen eingesetzt werden. Letztlich tragen all diese Maßnahmen entscheidend zur Lebensqualität der betroffenen Patienten bei.

DDr. Christa Eder, Dr. Laszlo Schuder, Wien

Nachdruck aus Zahn.Medizin.Technik, Wien, Ausgabe 4/2015, mit freundlicher Genehmigung des Verlags und der Autoren

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