Chance Praxis - Das Fachmagazin für Praxisgründer

11. Oktober 2011 |  Kommentar

(K)ein Silberstreif am Horizont

Eigentlich sieht alles gut aus: Es wurden mit großer Mehrheit politische Beschlüsse gefasst, der GOZ-Entwurf wurde nicht im Vorhinein „in die Tonne getreten“, und Bemühungen in diese Richtung soll es zumindest vonseiten des Freiverbands-Bundesvorstands auch vorerst nicht geben. Man will in den GOZ-Kernforderungen eng mit den Körperschaften beisammen stehen. Es gab sogar Beschlüsse zur Öffentlichkeitsarbeit und zur besseren Abstimmung unter den politisch (Stichwort freie Berufe) aktiven Freiverbändlern.

Und auch beim Personal lief am Ende alles glatt: Der Bundesvorsitzende Dr. Karlheinz Sundmacher setzte sich gegen ZA Joachim Hoffmann aus Westfalen-Lippe – der mit einer schlecht vorbereiteten Kandidatur angetreten war – durch. Alle weiteren Kandidaten wurden ebenfalls problemlos gewählt, es gibt mit Dr. Ulrike Stern eine zweite, standespolitisch schon aktive Frau im Vorstand. Der neue BV will zudem einen Ausschuss zur Zukunft des Verbands ins Leben rufen.

Also alles in Butter, die „letzte Ausfahrt Karlsruhe“ geschafft? – Für mehr als ein Drittel der Delegierten sieht das nicht so aus. Der BV sei viele Antworten auf dezidierte Fragen nach der Zukunftsorientierung schuldig geblieben, hieß es. Die Verlängerung der Amtsperiode auf vier Jahre sei einfach „niedergebrüllt“ worden.

Und auch in der Sachdiskussion blieben die BV-Mitglieder vielfach inhaltlich schwach und vage (vor allem bei der GOZ). „Konzepte sind nicht zu erkennen“, „programmatisch nur Luftschlösser“, „kein Silberstreif am Horizont für Änderungen in Sicht“, „nur Potemkinsche Dörfer“, lauteten denn auch die ernüchterten Kommentare im Nachgang.

Auffällig war, dass diesmal mehr jüngere und neue Delegierte in Karlsruhe saßen. Das trug angenehm zur Versachlichung der Diskussion bei, auch wenn die endlosen (Selbst-)Darstellungen einiger „altgedienter“ Freiverbands-Delegierter und unsachliche bis peinliche Ausfälle vor allem gegenüber der BZÄK-Spitze wieder „zum Programm“ gehörten. In der Diskussion, gerade um die schwierige Positionierung zur GOZ, wurde deutlich, dass die Interessen dieser jüngeren Freiverbändler und die der älteren Kollegen deutlich divergieren. „Ich bin Ihre Zielgruppe, ich muss mit dem leben, was Sie hier beschließen. Ich muss mir meine Existenz noch aufbauen, Sie haben sich in den letzten 23 Jahren schon Speck angefuttert“, brachte Dr. Andrea Albert aus Bayern die Sache auf den Punkt. „Es geht ein Riss durch diese BV“, konstatierte ein Delegierter.

In Karlsruhe wurde erneut deutlich, dass im FVDZ etwas passieren muss, inhaltlich und nicht zuletzt in den Strukturen, wenn man junge Zahnärztinnen und Zahnärzte nicht nur für kurzfristige Mitgliedsvorteile (da hatte man ja schnell wieder Angebote parat), sondern auch für die Freiberuflichkeit und eine längerfristige politische Arbeit begeistern will. Wie schon in den vergangenen Jahren, waren auch diesmal einige Zahnmedizinstudenten als Gäste in Karlsruhe dabei. Und die fühlten sich von den Strukturen, der Art und mitunter auch dem Niveau der Diskussion nicht gerade motiviert, im FV mitzumachen. Die vom Bundesvorsitzenden in der Pressekonferenz geäußerte Idee, den „Jungen“ auch so etwas wie eine Verbandsstruktur mit eigenem Bundesvorstand zu geben und ihnen Sitze im „großen“ Bundesvorstand einzuräumen, dürfte daher eher abschreckende Wirkung entfalten.

In der standespolitischen Diskussion werden die Karlsruher Beschlüsse kaum echte Wirkung entfalten, auch wenn sie sicher wieder als Anträge in der Vertreterversammlung der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) und der Bundesversammlung der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) aufschlagen werden. Die Spitzen der Spitzenvertretungen der Zahnärzteschaft jedenfalls waren in Karlsruhe wegen anderer Termine verhindert. Die im Vergleich zu früheren Zeiten in geringer Zahl anwesenden Kammer- und KZV-Vorstände waren gleichzeitig Delegierte. Mit dieser schwindenden Wirkung aber scheint sich der BV abgefunden zu haben, wenn sein Vorsitzender in der Pressekonferenz feststellt, dass es heute nicht mehr möglich sein werde, wie noch 1987 die Zahnärzte gegen die GOZ auf die Straße zu bekommen. Dass dies vielleicht auch an den politischen Konzepten und der Art, wie sie vertreten werden, liegt, wurde – und wird – nicht offen und kritisch diskutiert.

Das überwiegend privat ausgerichtete Krankenversicherungssystem in der Schweiz erscheint vielen Ärzten und Zahnärzten wie ein Paradies – aber es hat auch seine Mängel und Tücken und ist auf deutsche Verhältnisse mit mehr als 130 Jahren Sozialversicherungsgeschichte nicht übertragbar. Das ist auch von keiner politischen Seite wirklich gewollt. So ein System als mögliche Alternative vorzustellen, mag informativ sein, ist aber als politisches Ziel nicht mehr Vision, sondern Utopie.

In vielen Landesverbänden gärt es also auch nach Karlsruhe weiter. „Wir müssen selbst was machen“, heißt es, auch wenn man wegen der besonderen Strukturen des FVDZ mit den weitreichenden Durchgriffsrechten und Kontrollmechanismen der Bundesebene bis auf die unteren Verbandsebenen (Finanzen) immer „Störfeuer“ befürchten muss.

Wer auf Veränderungen gehofft hat, wird wohl weiter hoffen müssen – auch darauf, dass sich in zwei Jahren diejenigen, die Veränderungen wollen – und dafür auch Verantwortung übernehmen wollen –, besser vorbereitet und mit neuen Konzepten an den Start begeben.

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