
Letzte Ausfahrt Karlsruhe
Wer jetzt ob der Überschrift einen Kommentar zu den Aussichten einer Klage vor dem Karlsruher Bundesverfassungsgericht gegen die GOZ-Novellierung erwartet, dem sei versichert: Auch dieses Thema wird kommen, aber noch ist es zu früh dafür, die Abstimmungsprozesse im Bundesrat laufen ja gerade erst an.
Nein, es geht um den Freien Verband Deutscher Zahnärzte, der von Donnerstag bis Samstag dieser Woche in Karlsruhe seine diesjährige Hauptversammlung abhalten wird, inklusive Wahlen zum Bundesvorstand. Der Bundesvorsitzende Dr. Karlheinz Sundmacher stellt sich zur Wiederwahl, mit einem durchgewechselten Personaltableau dahinter.
Beim FVDZ wird – noch – alle zwei Jahre neu gewählt. Wer sich zur Wiederwahl stellt, von dem erwartet man eine Bilanz seiner geleisteten Arbeit und ein Programm, wie es denn weitergehen soll. Gerade diese Bilanzdiskussion verspricht in Karlsruhe heftig auszufallen, denn in vielen Landesverbänden gärt es.
Bei den Wahlen zu den Kassenzahnärztlichen Vereinigungen und Zahnärztekammern im vergangenen Jahr hat der FVDZ vielerorts nicht wirklich gut ausgesehen, einige Landesverbände hatten auch noch mit „friendly fire“ des Bundesvorstands zu kämpfen. In der bayerischen Kammer ging die Mehrheit verloren, es gab es eine unglückliche Patt-Situation, aus der das Kammerpräsidium nun versucht, das Beste zu machen. Dazu gibt es im bayerischen FV – mal wieder – interne Querelen.
Und auch auf Bundesebene sieht die Bilanz nicht erfreulich aus. Die letzte Aktion des BV in Sachen „Berliner Erklärung“/„Berliner Appell“ – nicht abgestimmt mit den Landesverbänden – wird von vielen als „Todesstoß für die Zahnärzteschaft“ empfunden, weil die dringend gebotene Einheit des Berufsstands zu einem absolut ungeeigneten Zeitpunkt gegenüber der Politik gebrochen wurde. Die GOZ-Protestaktion lief – allem Anschein nach nicht gut vorbereitet – politisch peinlich und mit Blick auf die Medien ins Leere.
Diskussionen um das weitere Agieren in Richtung Politik bei GOZ, Versorgungsstrukturgesetz etc. wurden mit Kammern, KZVen, Bundeszahnärztekammer und Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung nicht in den dafür eingesetzten Gremien geführt, in denen der FVDZ-Bundesvorstand als – heute bröckelnde – „dritte Säule“ der politischen Vertretung des Berufsstands ja (noch) sitzt. Dafür bekamen Präsidenten und Vorstände dann vielfach fachöffentlich, aber auch für die Politik sichtbar, Tritte vors Schienbein, wurde die so dringend gebotene Geschlossenheit nach außen ohne Not infrage gestellt. Qualifizierte Positionen und Argumente? – Vielfach Fehlanzeige.
Das ist überhaupt das große Dilemma: Für was steht der FVDZ? Freiberuflichkeit? Kostenerstattung? Vereinbarkeit von Familie und Beruf? – Das einzige weibliche Bundesvorstandsmitglied „rebbelt“ sich hier seit Jahren wirklich engagiert auf, aber ein echtes Konzept des Verbands ist nicht zu erkennen. Und damit wird auch eine gezielte und zielführende, schlagkräftige Zusammenarbeit mit anderen fast unmöglich. Oder ist das Politische nur noch ein Mäntelchen, das das Verkaufen von Produkten – von der Finanzanlage bis zum Praxis-T-Shirt – an die Mitglieder verhüllen soll? Der FVDZ als Service- und Marketinggesellschaft?
Der Eindruck drängt sich nicht nur bei der stetig abnehmenden Mitgliederschar auf, geht die Mitgliedszeitung Der Freie Zahnarzt mit einer Auflage von 51.500 Exemplaren doch in fast jede Praxis (aktuell sind noch gut 11.500 aktiv tätige Zahnärztinnen und Zahnärzte FVDZ-Mitglied, ingesamt sind es rund 17.900). Da stellt sich mancher die Frage, warum der FV seinen Mitgliedern jetzt Lesegeräte für die eGK verkauft, die er doch – mitunter im selben Heft – politisch so heftig bekämpft? Warum sich zur damals so heftig bekämpften und auch heute noch gerne gebrandmarkten „Zwangsfortbildung“ der Vertragszahnärzte nicht nur die (in der Regel sehr gut gemachten) FV-eigenen und CME-bepunkteten Fortbildungshefte finden, sondern auch allem Anschein nach von der Industrie finanzierte („mit freundlicher Unterstützung von …“), ebenfalls CME-bestückte „Fortbildungsbeilagen“?
Was ist mit der wachsenden Zahl der angestellten Zahnärztinnen und Zahnärzte? Was mit den Kolleginnen und Kollegen an den Universitäten, deren Arbeitsbedingungen und Entlohnung mitunter hahnebüchen sind? Die zahnärztliche Welt wird immer komplexer – auch darauf muss ein Berufsverband eine Antwort finden, wenn er sich als Vertretung aller Zahnmediziner positionert.
Karlsruhe ist vielleicht die letzte Chance, die „letzte Ausfahrt“ vor dem Absturz, um einen Weg zu eröffnen für eine Erneuerung des Verbands als echte Interessenvertretung der Kolleginnen und Kollegen in einem Berufsstand, der sich im Wandel befindet. Es gibt so viel zu tun – und in einigen Landesverbänden wird ja erfolgreich daran gearbeitet, den Verband zu verjüngen, mehr Frauen zu gewinnen, die Bedürfnisse der Kolleginnen und Kollegen zu ermitteln und Orientierung, Hilfestellung und Interessenvertretung zu geben – also im besten Sinne ein politischer Berufsverband zu sein.
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