Chance Praxis - Das Fachmagazin für Praxisgründer

25. Oktober 2011 |  Kommentar

Zahnärztinnen sind auch Kollegen

von Chefredakteurin Dr. Marion Marschall *

 

Es ist noch gar nicht so lange her, da sprach ein Bundeskanzler von „Frauen und Gedöns“ – und meinte das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Inzwischen haben wir eine Bundeskanzlerin, eine Ärztin, Mutter von sieben Kindern, als Arbeitsministerin und eine junge Mutter als Familienministerin. Es wird heftig über Frauen in Top-Führungspositionen und Quoten diskutiert. Es geht um qualifizierte Kinderbetreuung, wir haben Elterngeld und Vätermonate. Die Zahl der berufstätigen Frauen und Mütter steigt, sie muss steigen, weil Deutschland sie als qualifizierte Arbeitskräfte braucht.

Deutschland braucht auch die vielen jungen Frauen, die jedes Jahr ein Zahnmedizinstudium beginnen und die an vielen Universitäten längst die Mehrheit der Studierenden und der Absolventen stellen. Erfreulicherweise wagen viele von ihnen derzeit den Schritt in die Freiberuflichkeit, gründen oder übernehmen eine Praxis. Und ein wachsender Teil auch der jungen Männer wählt zunächst – oder dauerhaft – den Weg ins Angestelltenverhältnis.
Nur in der zahnärztlichen Standespolitik ist davon noch nicht viel angekommen. Weder in ihren Gremien noch in den dort diskutierten Themen und Anträgen. Auch beim Freien Verband „Fehlanzeige“ (außer bei ZoRa, und da vermag man als Außenstehender nicht zu erkennen, was davon tatsächlich in die Politik des FV eingeht).

„Da haben wir noch Nachholbedarf, das gestehe ich Ihnen gerne zu“, so der Vorstandsvorsitzende der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) im Interview mit DZW-TV (zu sehen in dieser Woche unter www.dzw-tv.de). Immerhin gibt es jetzt ein Memorandum der Bundeszahnärztekammer zum Thema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“.

Die Rahmenbedingungen für Freiberuflerinnen gleich welcher Sparte sind unter den Aspekten Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Absicherung bei Schwangerschaft und Krankheit und im Alter derzeit sicher nicht zufriedenstellend. Für viele Freiberufler ist beruflicher und wirtschaftlicher Erfolg eng verbunden mit extremer Arbeitsbelastung bis hin zur Selbstausbeutung und einer „Work-Life-Disbalance“. Das kann – auch angesichts der Arbeitsverdichtung und der hohen Kosten von Burn-out-Erkrankungen nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Allgemeinheit – kein Modell für die Zukunft sein. Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf – wohlgemerkt für Frauen und Männer –, Möglichkeiten zur adäquaten Absicherung im Alter etc. sind daher aktuelle Themen für die Vertretungen der freien Berufe und damit auch der Zahnärzteschaft.

Im ungelösten Problem der adäquaten Bezahlung von Assistenzzahnärzten und angestellten Zahnärzten liegt zudem weiterer Sprengstoff für den Berufsstand. Es geht nicht an, sie nur als „Punktemäuse“ oder billige Prophylaxehelferinnen einzusetzen und jungen Frauen bei Kinderwunsch noch schnell zu kündigen. Wenn angestellte Zahnärzte als hochqualifizierte Akademiker von ihrer Arbeit in ihrem Beruf nicht leben können, geschweige denn eine Familie ernähren, ist das ein Armutszeugnis auch für den Berufsstand selbst. Niemand erwartet dabei, dass ein angestellter Zahnarzt ein Chefgehalt bekommt, aber eine faire Bezahlung ist unter Kollegen geboten.

Solche Initiativen wie die von Dr. Alexandra Reil (siehe obenstehenden Beitrag) sind daher dringend an der Zeit, damit nicht vor lauter (ja durchaus wichtiger) Diskussion um die GOZ-Novelle etc. wichtige Weichenstellungen für die Sicherstellung der vertragszahnärztlichen Versorgung und die Zukunft des gesamten Berufsstands, die ja so gerne in Freiberuflichkeit gesehen wird, verpasst werden. Mit einem Sicherstellungsauftrag bei den Kassen hätten die dann sicher lieber angestellten Zahnärzte, organisiert à la „Marburger Bund“ und mit einer „Trainingsrunde“ bei dessen Ex-Vorsitzenden Montgomery, sicher bessere Voraussetzungen im Kampf um adäquate Gehälter. Wie das geht, sehen sie ja aktuell bei den angestellten Ärzten.
Wie lange die jungen Zahnärztinnen (und Zahnärzte), die jetzt den Schritt in Freiberuflichkeit und Selbstständigkeit gewagt haben und noch wagen, darin erfolgreich sind, wird sich auch daran entscheiden, wie sich die Rahmenbedingungen für die gewünschte „Work-Life-Balance“ weiter entwickeln. Sonst wird es immer mehr „Lebensabschnittspraxen“ geben mit Zahnärztinnen und Zahnärzten, die nach acht, zehn oder mehr erfolgreichen Jahren ihre Praxen zugunsten der Familie, des Partners aufgeben und mitunter ganz aus dem Beruf herausgehen.

„Früher haben die Zahnärztinnen das ja auch irgendwie hinbekommen“, wird jetzt manch ein Kollege sagen. Ja, haben sie, aber oft im Dauerstress, unter Einsatz der gesamten Familie und Freunde. Oder sie haben ganz auf Familie und Kinder verzichtet. Und es waren deutlich weniger als heute. Wer in der DDR gearbeitet hat, konnte zumindest auf die staatliche Kinderbetreuung bauen. Aber die Zeiten haben sich geändert, der Berufsstand verändert sich.

Bleibt daher zu hoffen und zu wünschen, dass sich Nachahmerinnen und Nachahmer finden, die in ihren Körperschaften ähnliche Anträge einbringen und die Diskussion um diese wichtigen Fragen für das Selbstverständnis und die Zukunft des Berufsstands in Gang bringen. Wie die Körperschaften in Bayern und anderswo mit diesen Anträgen und den Antragstellern umgehen, wird aufmerksam zu beobachten sein. Sie unter „Frauen und Gedöns“ abzutun und den „Mädels“ – wie so gern geübt – „rein emotionale Diskussionen“ oder „Unsachlichkeit“ zu unterstellen, wo man doch gerade „große Politik“ mache, ist mit Sicherheit von vorgestern. Schließlich sollen die gewählten Delegierten und die Vorstände in den Körperschaften die Interessen ihrer zahnärztlichen Kollegen vertreten. Und Zahnärztinnen sind auch Kollegen. Ebenso wie Assistenzzahnärztinnen und -zahnärzte und angestellte Zahnärztinnen und Zahnärzte.

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