Chance Praxis - Das Fachmagazin für Praxisgründer

10. Januar 2012 |  Politik aktuell

GKV treibt Verwaltungskosten bei Ärzten und Krankenhäusern hoch

Aufgeblasene GKV-Verwaltung – von einem Beitrags-Euro kommen nur 77 Cent dem Patienten zugute – Kearney-Studie mit 6.000 Leistungserbringern –

 

Die tatsächlichen Kosten für Verwaltungsaufgaben in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) liegen erschreckend deutlich über den in der GKV-Statistik offiziell ausgewiesenen 5,4 Prozent oder 9,5 Milliarden Euro. Insgesamt werden für Verwaltungskosten bei Kassen und Leistungserbringern im deutschen Gesundheitssystem 40,4 Milliarden Euro ausgegeben, davon werden insgesamt 27,5 Milliarden Euro (68 Prozent) durch die GKV verursacht.

Das entspricht, gemessen an den GKV-Gesamtausgaben von 176 Milliarden Euro (2010), einem Verwaltungskostenanteil in der GKV von 15,6 Prozent. Von den Gesamtverwaltungskosten werden mehr als 30 Milliarden Euro bei den sogenannten Leistungserbringern erzeugt, vor allem bei Krankenhäusern und Vertragsärzten. Der Hauptteil dieser Kosten geht dabei von der GKV aus, etwa 18 Milliarden Euro.

Das ist das Ergebnis einer Studie mit dem Titel Deutsches Gesundheitswesen auf dem Prüfstand. Kostenfalle Komplexität, die von der Unternehmensberatung A.T. Kearney (Düsseldorf, www.atkearney.com) erarbeitet wurde. Für diese Studie wurden im Rahmen einer Marktforschung von Juni bis August 2011 auch 6.000 Leistungserbringer im Gesundheitswesen – Krankenhausärzte, Vertragsärzte und Vertragszahnärzte (via Ärztenachrichtendienst/ Hippokranet), Physiotherapeuten, Apotheken, Sanitätshäuser – befragt.

Die Verwaltungskosten in der GKV würden heruntergespielt, so das Unternehmen. Wesentlicher Treiber für die ermittelten deutlich höheren Kosten von insgesamt 40,4 Milliarden Euro seien die von der GKV auf die Leistungserbringer übertragenen Verwaltungstätigkeiten. So hätten die niedergelassenen Ärzte 2010 für ihre Leistungen 43,6 Milliarden Euro von der GKV erhalten, sie stellen nach den Krankenhäusern den zweitgrößten Ausgabenblock in der GKV. Von den insgesamt 10,9 Milliarden Euro Verwaltungskosten in den Praxen wurden allein 7,9 Milliarden Euro nur durch die GKV verursacht. Klassisches Beispiel eines allein durch die GKV verursachten Aufwands sei das Einziehen der Praxisgebühr durch die Praxen, so die Studie.

Aus Sicht der Ärzte sind es oft überflüssige Kosten. Knapp drei Viertel der GKV-induzierten Verwaltungstätigkeiten seien nach den Angaben der Ärzte „überflüssig“. „Nach Selbsteinschätzung der von A.T. Kearney befragten Leistungserbringer können mindestens 50 Prozent ihrer durch die gesetzlichen Krankenkassen induzierten Verwaltungsaufwände und -kosten durch eine gezielte Verschlankung des Gesundheitssystems eingespart werden“, heißt es in der Studie.

Laut Studie kommen am Ende von einem Beitrags-Euro dem Patienten nur noch 77 Cent für die tatsächliche Gesundheitsdienstleistung zugute, 23 Cent gehen für die Verwaltung drauf. Davon werden rund 16 Cent dieser 23 Cent „für Verwaltungsprozesse ausgegeben, die direkt durch das System der GKV und seine Komplexität verursacht werden“, heißt es in der Studie.

Hier liegt den Autoren zufolge auch die Hauptursache für die im Vergleich zum Beispiel zur Industrie viel zu hohe Verwaltungskostenquote im Gesundheitssystem. Das deutsche Gesundheitswesen sei gekennzeichnet durch verwirrende Strukturen und Prozesse sowie stetig steigende Kosten, heißt es. „Trotz der vielen tiefgreifenden Reformen der letzten Jahre konnte bisher keine finanzielle Entlastung des Systems erreicht werden“, so Dr. Oliver Schell, Partner bei A.T. Kearney und als Leiter des Beratungsbereichs Pharma & Healthcare einer der Autoren der Studie (ein Interview mit Scheel folgt auf www.dzw.de und in der Ausgabe 3/12 der DZW).

Es sei inzwischen „tatsächlich unmöglich, den Umfang der Regelungen, die im Gesamtsystem in den vergangenen Jahrzehnten erfolgt sind, auch nur ansatzweise verlässlich abzuschätzen“, heißt es in der Studie. Jede Änderung erzeuge oft neuen Abstimmungs- und Regelungsbedarf und rufe eine „unabsehbare Vielzahl von Systemeingriffen hervor“. Die Reformen würden zudem oft nicht oder kaum wirksam: Zwischen dem Inkrafttreten einer Regelung und ihrer tatsächlichen Umsetzung sei stets von einer mehrmonatigen „Totzeit“ auszugehen, heißt es. So könne es sich ergeben, dass bei einer Novellierung eine neue Regelung eine andere „überholt“, ohne dass die alte überhaupt umgesetzt worden war.

So sei der hohe Verwaltungsaufwand „im Wesentlichen auf eine zunehmende Intransparenz und Komplexität im Gesundheitswesen“ zurückzuführen. Als sogenannte Komplexitätstreiber wurden die Vielzahl der unterschiedlichen Akteure, ein Überangebot an Produkten und Dienstleistungen, unterschiedlichste IT-Systeme, die häufig wechselnden Reformen und die Schnittstellenprobleme aufgrund nicht abgestimmter Prozesse identifiziert.

Das deutsche Gesundheitswesen sei ein Sanierungsfall, so die Unternehmensberatung in ihrer Pressemitteilung zur Studie. Scheel: „Wenn jetzt nicht eingegriffen wird, so werden die jetzt schon ausgeuferten Verwaltungskosten noch weiter steigen. Wir sehen eine Reihe von Ansatzpunkten, mit deren Hilfe die Kosten gesenkt und ohne weiteren Mittelzufluss Leistungssteigerungen erzielt werden können. Vorteilhaft auf das System würde sich zum Beispiel eine gesamthaft koordinierte Reduktion der Anzahl gesetzlicher Krankenkassen sowie die Optimierung des Verwaltungsapparats der Kassenärztlichen Vereinigungen auswirken. Außerdem ist das komplexe Portfolio an Produkten und Dienstleistungen und der damit verbundene Verwaltungsaufwand auf ein für das Gesamtsystem sinnvolles Maß zu reduzieren. Wichtig sind zudem schlanke, direkte und durchgängige Informationsströme, die Kosten sparen und Schnittstellen reduzieren.“

Insgesamt sieht die Studie ein Einsparpotenzial von 13 Milliarden Euro allein für die von der GKV verursachten Verwaltungskosten, das wären acht Cent pro Beitrags-Euro oder 1,3 Prozentpunkte beim Beitrag (von 15,5 Prozent auf 14,2 Prozent).  Die Reaktionen auf die Studie waren erwartungsgemäß je nach Standort unterschiedlich. Vonseiten der Ärzte und Zahnärzte wurden die Ergebnisse bestätigt, in Foren wie Hippokranet werden Beispiele für den Bürokratiewahnsinn gesammelt, ein Arzt hat eine Petition gegen die Kassen-Bürokratie beim Deutschen Bundestag eingereicht. Der Vorsitzende des Hartmannbunds, Dr. Klaus Reinhardt, forderte von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr, er solle ein Gesetz gegen Bürokratie-Exzesse auf den Weg bringen. Auch die Bundesärztekammer begrüßte die Studie und forderte Konsequenzen.

Bahr soll laut Berichten des änd für eine persönliche Erläuterung der Studie im BMG in Berlin keine Zeit gehabt haben, laut BMG soll es Gesprächsangebote auf Fachebene gegeben haben.

Die Kassenzahnärztliche Vereinigung Bayerns sieht den Bürokratieabbau als überfällig an. „Auch die bayerischen Vertragszahnärzte leiden unter der überbordenden Bürokratie“, so KZVB-Chef Dr. Janusz Rat. Die Prüfanträge einiger Krankenkassen führten zu einem enormen Verwaltungsaufwand. „Die KZVB und ihre Mitglieder werden in letzter Zeit zum Teil wegen teils einstelliger Beträge mit Tausenden von Anträgen überzogen“, beklagt Rat.

Selbstverständlich brauche es Kontrollinstrumente im Gesundheitswesen, die dürften aber nicht missbräuchlich eingesetzt werden. „Aufwand und Nutzen müssen in einem vernünftigen Verhältnis stehen“, so der KZVB-Vorsitzende. Mittelfristig werden aus Sicht der KZVB die Bürokratiekosten aber weiter ansteigen. „Unsinnige Projekte wie die elektronische Gesundheitskarte oder die ‚sektorenübergreifende Qualitätssicherung‘ sorgen dafür, dass die Verwaltung weiter aufgebläht wird. Das Geld dafür sollte besser für die Patientenversorgung eingesetzt werden“, so Rat.

Der Freie Verband Deutscher Zahnärzte (FVDZ) fordert „Transparenz im Kampf gegen die Mittelverschwendung“. „Der staatlich verordnete Kontroll- und Regulierungswahn hat die Verwaltungskosten immer weiter steigen lassen und den Medizinern dabei regelmäßig neue bürokratische Hürden in den Weg gestellt“, so die stellvertretende Bundesvorsitzende Kerstin Blaschke. Dazu zählten die ausufernden Dokumentationspflichten oder auch die Praxisgebühr, die die niedergelassenen Ärzte und Zahnärzte für die Krankenkassen eintrieben. „Die Rechnung zahlt letztendlich der Patient, der immer höhere Beiträge zahlt und dafür immer weniger Leistungen bekommt.“

„Was wir brauchen, sind transparente und effiziente Strukturen“, ergänzt Blaschke und erneuert die Forderung, das Sachleistungsprinzip durch die Kostenerstattung zu ersetzen und so mehr Eigenverantwortung zuzulassen. „Die Kostenerstattung bringt nicht nur Transparenz in das Leistungs- und Abrechnungsgeschehen, sie sorgt auch für eine effiziente Ressourcenverteilung. Nur so kommen Beitragsgelder und Behandlungszeit der direkten Patientenversorgung zugute.“

Der SPD-Gesundheitsexperte Prof. Dr. Karl Lauterbach hält die Kearney-Zahlen für realistisch und machte die Dokumentationspflichten und das komplizierte ärztliche Abrechnungssystem als einen Kostentreiber aus. Die Selbstverwaltung der Kassen und Ärzte habe sich auf diesem Gebiet nicht bewährt, so Lauterbach im Kölner Stadt-Anzeiger. Es gebe eine nicht mehr handhabbare Vertrags- und Regelungsdichte, das System sei von gegenseitigem Misstrauen der Akteure geprägt, das man durch überbordende Dokumentationspflichten kompensieren wolle.

„Wir haben uns zu lange von der Selbstverwaltung auf der Nase rumtanzen lassen“, so Lauterbach, der als Lösung des „Bürokratieknotens“ das SPD-Konzept einer Bürgerversicherung mit einheitlichem Abrechnungssystem und geringeren Dokumentationspflichten empfahl.

Auf Kassenseite sieht man das Problem vor allem bei den Ärzten. Prof. Dr. Klaus Jacobs, der Chef des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), erklärte im Interview mit dem änd, man könne es nicht den Kassen anlasten, wenn die Organisation in den Krankenhäusern und Praxen nicht stimme. Er zog auch die Studie insgesamt aufgrund ihrer Daten und des Vorgehens in Zweifel. Jacobs bestätigte allerdings die Schnittstellenprobleme und benannte die Praxisgebühr als ungerecht und vor allem für die Praxen belastend: „Von mir aus könnte man sie sofort abschaffen und den entsprechenden Betrag über eine leichte Erhöhung des Beitragssatzes solidarisch finanzieren“, so Jacobs im Interview.

Mehr zu den Schlussfolgerungen der Studie auch im Interview mit Dr. Oliver Scheel von A.T. Kearney hier.

Eigenen Kommentar hinzufügen

* - obligatorisches Feld

*




*

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.
Drucken / als PDF ausdrucken
DZW im Abo

DZW im Abo

Jede Woche: Die
Zahnarztwoche im
Abonnement

DZW TV

DZW TV

Informationen aus
der Gesundheits- und
Berufspolitik, Neues
aus der Zahnmedizin,
Hinweise auf
interessante
Veranstaltungen,
Interviews u.v.m.

Kommende Veranstaltungen

Abrechnung, Zahntechnik Zahntechnische Abrechnung nach BEL-II / BEB-97 und BEB-Zahntechnik®, auch in der Implantologie aktuell 18.05 Willich
Abrechnung, Zahntechnik Zahntechnische Abrechnung nach BEL-II / BEB-97 und BEB-Zahntechnik®, auch in der Implantologie aktuell 18.05 Willich
Übergreifende Gebiete Berliner Konferenz: Vorbilder - Schönheit - zahnärztliche Perfektion 18.05 - 19.05 Berlin
alle Termine öffnen

Amalgam ist nicht unumstritten: Es gibt viele Befürworter, aber ebenso auch viele, die Amlagam ablehnen. Wie halten Sie es in Ihre Praxis?

Ich lehne es aus gesundheitlichen Gründen ab. Ich lehne es aus ästhetischen Gründen ab. Ich verwende es nur auf ausdrücklichen Patientenwunsch. Für mich ist Amalgam bislang ohne Alternative
Hier gelangen Sie zum Umfragearchiv.