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07. Juli 2011 |  Berichte

Diskussionsrunde der IDI-Paro im Rahmen der Berliner Stiftungswoche

Am 22. Juni 2011 hat die Stiftung Interdisziplinäre Diagnostik-Initiative für Parodontitisfrüherkennung (IDI-Paro) ihre zweite interdisziplinäre Diskussionsrunde im Rahmen der Berliner Stiftungswoche mit dem Titel „Prävention durch Kooperation im Gesundheitswesen – Parodontitis und assoziierte Allgemeinerkrankungen interdisziplinär bekämpfen“ veranstaltet. Die IDI-Paro konnte hochkarätige Mediziner der Charité sowie Zahnmediziner in Berlin an einen Tisch bringen und so einen weiteren Grundstein für die Verbesserung der interdisziplinären Kooperation im Kampf gegen Parodontitis gelegt.

Prof. Dr. Andreas Pfeiffer, Direktor der Charité-Abteilung für Endokrinologie, Diabetes und Ernährungsmedizin, unterstrich in seinem Vortrag den Zusammenhang von Parodontitis und Diabetes. Er belegte mit zahlreichen wissenschaftlichen Studien, dass sich ein Diabetes mellitus negativ auf die parodontale Gesundheit auswirkt und eine Parodontitis verstärken kann und andererseits Parodontitis das Diabetesrisiko verstärkt. Zudem gebe es einen Zusammenhang zwischen Entzündungsvorgängen und Insulinresistenz. Eine Parodontitis-Therapie könne die Stoffwechselkontrolle bei Typ-2-Diabetes deutlich verbessern.

Auch Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, referierte über den Zusammenhang zwischen Diabetes und Parodontitis, welche sich auch in einer erhöhten Zahnverlustrate bei Diabetikern manifestiere (siehe DZW 27/11). Darüber hinaus unterstrich er die Zusammenhänge anderer medizinischer und zahnmedizinischer Erkrankungen und betonte, dass Mundgesundheit weit mehr voraussetze als gesunde Zähne. Vielmehr sei Zahnmedizin „elementarer Bestandteil der medizinischen Grundversorgung“. Diese Tatsache sollte sich gemäß Oesterreich in der Ausbildung, der Forschung, in der Interdisziplinarität im Versorgungsalltag, in den gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen sowie in der Prävention widerspiegeln.

Auch Dr. Jacqueline Detert, Leiterin der Abteilung für IIT-Studien und Früharthritis an der Klinik der Charité-Universitätsmedizin Berlin für Rheumatologie und klinische Immunologie, war der Einladung der IDI-Paro gefolgt. Die Rheumatologin ist seit langem davon überzeugt, dass Rheumapatienten unbedingt intensiv zahnmedizinisch betreut werden sollten. Es sei erwiesen, dass Rheuma das Parodontitisrisiko verstärke. Schon 2009 versuchte Detert, Zahnärzte als Kooperationspartner zu gewinnen, um die Zusammenhänge von rheumatoider Arthritis und Parodontitis besser zu erforschen und so eine effektivere Behandlung beider Erkrankungen zu erreichen.

Genauo wie die Parodontitis sei auch Rheuma eine nicht zu unterschätzende Volkskrankheit, die allein in Deutschland 20 Millionen Menschen betreffe und krankheitsspezifische Kosten in Höhe von 28,5 Milliarden Euro verursache. Parodontale Infektionen belasteten den Körper direkt durch Bakterien sowie indirekt durch freigesetzte Entzündungsmediatoren. Menschen, die an rheumatoider Arthritis leiden, wiesen „einen höheren Zahnverlust und parodontalen Knochenabbau auf“. Zudem gebe es Gemeinsamkeiten zwischen beiden Krankheiten wie etwa eine Gewebedestruktion durch die gestörte Immunantwort.

Am Ende ihres Vortrags unterstrich Detert noch einmal die Dringlichkeit einer Kooperation der Mediziner und Zahnmediziner beim Kampf gegen Parodontitis sowie die Notwendigkeit geeigneter diagnostischer Früh- und Verlaufsmarker für die Parodontitisfrüherkennung. Dies sei besonders für Mediziner relevant, die mithilfe geeigneter Marker Patienten selbst in ihrer Praxis einem ersten Test unterziehen könnten.

Auch Prof. Dr. Anton Freidmann, Abteilungsleiter der Parodontologie an der Fakultät für Gesundheit der Universität Witten/Herdecke, unterstrich die Tatsache, dass Biomarker-Tests nicht nur für Mediziner, sondern ebenso für Zahnärzte hilfreich seien, da die klinische Untersuchung mittels Taschentiefenbestimmung aufwendig sei und sich nicht optimal standardisieren lasse. Blutungen träten zudem meistens erst dann auf, wenn die Parodontitis bereits in einem fortgeschrittenen Stadium sei. In der Parodontologie-Forschung verzeichne man Fortschritte bei der Suche nach geeigneten Markern für die Früherkennung. Calprotectin sei seiner Meinung nach neben den aMMP-8-Bio-Marker-Testverfahren ein geeigneter Indikator für die Früherkennung parodontaler Entzündungen. Er räumte allerdings ein, dass die aMMP-8-Forschung weiter fortgeschritten sei und diese Testverfahren zuverlässiger seien als die mit Calprotectin.

Dr. med. Markus Vogt, Arzt für Frauenheilkunde sowie Geburtshilfe und Perinatalmedizin, Oberarzt der Klinik für Geburtsmedizin der Charité, Campus Mitte, sah auch den Zusammenhang zwischen Parodontitis und Frühgeburtlichkeit. Das Fetal Inflammatory Response Syndrome (FIRS), sei die Ursache für Frühgeburten und wichtigster Risikofaktor für pullmonale und neurologische Entwicklungsstörungen. Eine maternale Inflammation erhöhe das Infektionsrisiko für den Fötus. Auf eine mütterliche intrauterine Infektion seien 40 Prozent aller Frühgeburten zurückzuführen. Zu deren Ursachen zählte Vogt auch die Parodontitis. Sie könne eine Erhöhung des Frühgeburtsrisikos um das Siebenfache bedeuten. Habe die Mutter eine Parodontitis, erhöhten Bakterien die Synthese der Mediatoren, die bei einer Geburt beteiligt seien. Matrixmetallopoteinase-8 (MMP-8) sei hierbei ein Marker für untergewichtige Frühgeburten.

Jan-Philipp Schmidt, Geschäftsführer der IDI-Paro und Moderator der Diskussionsrunde, unterstrich, dass auch die Politik aktiv werden und bestehende Hürden abbauen müsse. Hierzu zähle auch die Tatsache, dass Mediziner ihre Patienten Zahnmedizinern nicht direkt überweisen könnten, folglich Kassenpatienten in der Zahnarztpraxis noch einmal die Praxisgebühr entrichten  müssten.

In der anschließenden Diskussion wurden die Defizite im deutschen Gesundheitswesen auch auf ein gesundheitspolitisches Bildungsdefizit in Teilen der deutschen Bevölkerung zurückgeführt, welches man beseitigen müsse. Die medizinische Basisversorgung sei in Deutschland zwar durch das solidarische Grundsicherungssystem gegeben, doch die Referenten betonten, dass es noch Raum für Verbesserung in der Gesundheitsversorgung gebe.

Der Tenor der Veranstaltung war einstimmig: „In Deutschland gibt es bei der Bekämpfung der Volkskrankheit Parodontitis und der interdisziplinären Zusammenarbeit von Ärzten und Zahnärzten deutlichen Verbesserungsbedarf“. Zudem wäre es hilfreich, wenn neben den zahlreichen US-amerikanischen Studien über Parodontitis in Bezug zu anderen Erkrankungen mehr sozio-ökonomische Untersuchungen in Deutschland erfolgen würden und die Öffentlichkeitsarbeit etwa in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung deutlich ausgebaut würde. In diesen Bereichen engagiert sich die IDI-Paro und sucht nach weiteren Kooperationspartnern.

Lena Marie Boers, Berlin

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