
Zahnlos – nicht planlos
Das 18. Sommersymposium des MVZI im DGI e.V. in Gera –
Unter dem Motto „Zahnlos? – nicht planlos!“ traf sich die mitteldeutsche „DGI-Gemeinde“ vom 23. bis 25. Juni 2011 in Gera zu ihrer Jahrestagung. Rund 300 Teilnehmer konnten sich auf ein vielseitiges und praxisorientiertes Programm mit hochkarätigen Referenten aus Praxis und Wissenschaft freuen. Dr. Rolf Koschorrek, ehemaliger Zahnarzt, jetzt Mitglied des Bundestages (MdB) eröffnete die Tagung mit einem Festvortrag zur Gestaltung der Gesundheitspolitik in Deutschland.
Tagungspräsident Prof. em. Edwin Lenz aus Kiliansroda eröffnete den Vortragsreigen mit epidemiologischen Daten zum Zahnverlust im höheren Lebensalter. Lediglich zwei von 1.000 alten Patienten tragen Implantatprothetik, diese Zahlen verdeutlichen das große Potenzial unseres Tuns. Der Referent rief die Zahnärzteschaft auf, die Implantologie stärker denn je als integralen Bestandteil einer befundorientierten Prothetik konsequent weiterzuentwickeln. Dr. Stefan Wentaschek (Mainz) präsentierte aktuelle Behandlungsstrategien bei zahnlosem Kiefer. Nach exakter Befunderhebung sollten die individuell subjektiven und objektiven Voraussetzungen der Patienten bei der Therapieauswahl Berücksichtigung finden. Unter dem Motto „Teamwork in der Totalprothetik“ stellten Dr. Volker Ulrici und ZTM Walter Böthel aus Leipzig die Systematik einer systemorientierten Totalprothetik vor, mit der einerseits eine konservative Totalprothetik optimierbar ist, andererseits für die Ankopplung auf Implantaten optimierte Voraussetzungen geschaffen werden können und mit der beide im Team sehr erfolgreich sind.
Laut Prof. Ingrid Grunert (Innsbruck) werden in Deutschland 1 Million Totalprothesen und 60 Tonnen Prothesenhaftvermittler pro Jahr produziert. Der Hinweis, dass neben der Verbreitung von Übergewichtigkeit auch Mangelernährung von betagten Senioren infolge schlecht funktionierender Prothesen in unseren Breitengraden ein Thema ist, hat nicht nur den Autor dieses Kongressberichts nachdenklich gestimmt. Wir sind aufgerufen, uns mit den sehr vielschichtigen Aspekten der Gerostomatologie zu befassen, um unsere älteren, alten und sehr alten Patienten, individuell abgestimmt und geeignet versorgen zu können.
Die Entwicklung der präprothetischen Chirurgie zur Implantatchirurgie aktueller Prägung stellte Dr. Lutz Tischendorf (Halle [Saale]) übersichtlich und anschaulich dar. Es wurde deutlich, dass der zahnlose Kiefer trotz aller konservativ-prothetischer Möglichkeiten hinsichtlich Komfort und Sicherheit verbesserungsbedürftig war und ist. Prof. Karl Andreas Schlegel (Erlangen) unterzog die verschiedenen Augmentationsverfahren im zahnlosen Kiefer einer kritischen Bewertung und äußerte sich zu deren Indikation. Bei allen augmentativen Therapiemöglichkeiten rief er dazu auf, in ausgewählten Indikationen auch die Option kurze Implantate („Shorties“) zu prüfen.
Implantologische Erfolgsraten im augmentierten Kiefer stellte Prof. Germán Gómez-Román (Tübingen) zur Diskussion. Demnach zeigten Implantate im augmentierten Sinus maxillaris und im ortsständigen Knochen, nach Bone spreading, sehr gute Erfolgsraten. Der Langzeiterfolg nach Blockaugmentation wird kritischer bewertet. Auch er verwies auf die kurzen Implantate. Doz. Dr. Michael Fröhlich und Dr. Falk Nagel (Dresden) stellten verschiedene Therapiekonzepte im zahnlosen OK und UK interaktiv zur Diskussion. Auf diesem Wege hatten die Zuhörer die Möglichkeit, klinische Herangehensweisen zu bewerten und gleichzeitig Trends des Auditoriums mit publizierten Empfehlungen zu vergleichen.
Mit dem Wunsch vieler Patienten, die Invasivität implantatchirurgischer Eingriffe möglichst gering zu halten, befassten sich Dr. Robert Böttcher (Ohrdruf), der ein anspruchsvolles Behandlungskonzept für den zahnlosen Unterkiefer mit anguliert gesetzten Implantaten zur Schonung der Nn. mentalia vorstellte, sowie Dr. Roland Streckbein (Limburg) und Dres. Andreas Hentschel und Jan Herrmann (Zwickau), die die Einsatzmöglichkeiten von sehr schmalen Implantaten anhand ausgewählter Fabrikate diskutierten. Den ersten Sitzungstag beendete Dr. Joachim Eifert (Halle [Saale]) mit einer umfangreichen Darstellung zur Vielfalt implantat-prothetischer Komplikationsmöglichkeiten.
Prof. Ines Nitschke (Zürich, Leipzig) eröffnete den zweiten Konferenztag mit Ausführungen zu den Besonderheiten im Umgang mit betagten Patienten. Sie verwies darauf, dass einfühlsame Kommunikation und ein angemessenes Aufwand-Nutzen-Verhältnis unverzichtbar für den Behandlungserfolg sind. Dr. Arne Boekler (Halle) referierte über Attachments für mobilen, implantatgetragenen Zahnersatz. Er betonte, dass Wiederherstellungs- und Wandelfähigkeit wichtige Auswahlkriterien für die Planung sind. Mit perfekten Darstellungen zum Galvanoforming auf verschiedensten implantatgetragenen Sekundär- und Mesostrukturen beeindruckte ZTM Matthias Gürtler (Arnsdorf) das Auditorium, bevor Dr. Ralf Rössler (Ludwigshafen) zur Diagnostik des Parodontitis- beziehungsweise Periimplantitisrisikos wichtige und praxisrelevante Fakten vorstellte. Dr. Karl-Ludwig Ackermann (Filderstadt) folgte mit seiner individuell geprägten Darstellung der rund 30-jährigen Geschichte der Implantologie und Implantatprothetik bis hin zu den heute aktuellen sicheren perioimplantat-prothetischen Behandlungskonzepten.
Im Rahmen der Langzeitbewertung implantatgetragenen Zahnersatzes berichtete Dr. Helmut Steveling (Gernsbach), dass die Mehrzahl der Patienten tendenziell mobile Lösungen auf Implantaten bevorzugen würde, obwohl die biologischen Vorteile eher bei der festsitzenden Versorgung liegen (zum Beispiel Knochenapposition im atrophierten Kiefer). Sein Statement zur Implantatlänge „the shorter the better“ folgt seiner individuellen Erfahrung und aktuellen Trends zur Vermeidung von Zweitmorbiditäten.
In sehr origineller Form setzte sich Dr. Tobias Schneider (Hechendorf) mit den Problemen auseinander, die ein junger Kollege mitunter mit „betagten“ Implantatsystemen zu lösen hat. „Heute ist die gute alte Zeit von morgen“ – unter dieser Prämisse ist der Austausch mit erfahrenen Fachleuten unverzichtbar. Prof. Stefan Wolfart (Aachen) verstand es, den Teilnehmern das Thema Evidenzkriterien in der Implantatprothetik unterhaltsam und einprägsam näher zu bringen. Mit dem Fazit, dass fehlende externe Evidenz lediglich Leitlinien für Behandlungskonzepte erlaubt, die jedoch individuell abgestimmte Therapiekorridore zulassen, konnte er den Zuhörern die Furcht nehmen, in ein starres Korsett einzelner, ausgewählter Therapieverfahren gezwängt zu werden. Die Empfehlung von Dr. Frank Müller (Flöha), dem Einsatz von hochwirksamen Antibiotika in der Parodontologie und Implantologie eine spezifische mikrobiologische Analyse voranzustellen, sollte den Praktiker veranlassen, das eigene Verordnungsverhalten zu überprüfen.
Kommunikationsfehler zwischen überweisendem Zahnarzt und Kieferchirurg sind häufige Ursache für Misserfolge. Dr. Matthias Brückner (Dresden) setzt auf den zuverlässigen Informationsaustausch zwischen den Partnern, um die Vorstellungen von Patient und Zahnarzt in ein schlüssiges und tragfähiges Behandlungskonzept münden zu lassen.
Kurze Implantate lassen sich laut Dr. Friedemann Petschelt (Lauf) erfolgreich, wenn indikationsgerecht, in der Implantatprothetik einsetzen. Adäquater Durchmesser, Vermeidung von Knochenabbau durch präzises Arbeiten (3-D-Planung) und Platform switching sind unter anderem seine Empfehlungen für die Verwendung der sogenannten „Shorties“.
Obwohl es noch keine evidenzbasierten Empfehlungen zur Periimplantitistherapie gibt, steigt die Inzidenz der Periimplantitisfälle. Dr. Marko Schauermann (Saalfeld) stellte ein Behandlungskonzept vor, das auf abrasiver Behandlung der kontaminierten Implantatoberfläche, Antibiose und GBR aufbaut.
Die Heterogenität klinischen Herangehens war in den folgenden Referaten besonders spürbar. Während Dr. Uwe Solcher (Gera) anhand verschiedener Kasuistiken die Möglichkeiten beschrieb, auch in Grenzsituationen auf Augmentationen zu verzichten, zeigte Dr. Joachim Hoffmann (Jena) die technisch anspruchsvolle Inversionsplastik zur Kammverbreiterung des zahnlosen Unterkiefers anhand instruktiver Bilder und Filmsequenzen. Das wissenschaftliche Programm beendete Dr. Michael Gey (Chemnitz) mit seinen Ausführungen zum Einsatz von Hilfsimplantaten in der Totalprothetik. Mit der Überbrückung von Einheilzeiten nach Implantation und Augmentation, der wirtschaftlichen Pfeilervermehrung, der Fixierung von Scan- und Bohrschablonen und der Stabilisierung von Prothesen im Zuge von Bissrekonstruktionsmaßnahmen besitzen diese Implantatformen ein nicht zu unterschätzendes Potenzial in der Implantatprothetik.
Dr. Lutz Krause, Chemnitz
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