„Hyaluronsäure im Mittelpunkt“
Hyaluronsäure ist nicht gleich Hyaluronsäure. Hyaluronsäure (Hyaluronan) ist wegen ihrer vielfältigen positiven Eigenschaften interessant für die Zahnheilkunde. Hyaluronsäure ist ubiquitärer Bestandteil des Körpers, des Bindegewebes, der Mundschleimhaut und vor allem der Gingiva. Hyaluronsäure kann, relativ zu ihrer Masse, sehr große Mengen Wasser binden. Hyaluronsäure hat neben regulierenden und antiödematösen Effekten geweberegenerierende Eigenschaften. Hyaluronsäure beeinflusst immunologische Reaktionen positiv und unterstützt die Abwehr bakterieller und viraler Attacken nachhaltig. Hyaluronsäure wirkt antiinflammatorisch und adhäsiv. Biotechnologisch hergestellte Hyaluronsäure ist biokompatibel und nicht-allergen.
Hyaluronsäure ist einfach in der Anwendung. Hyaluronsäure wird in vielen Ländern bereits in der zahnmedizinischen Behandlung sehr geschätzt. Hyaluronsäure führt in Deutschland noch ein Schattendasein – so lauteten nur einige der Aussagen auf dem ersten internationalen Kongress zur Geweberegeneration mit Unterstützung von Hyaluronsäure.
Im September 2011 fand dieses erste internationale Symposium zu Anwendungen der Hyaluronsäure in der Zahnmedizin unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Holger Jentsch (Universität Leipzig) in Frankfurt (Main) statt. Anliegen des Veranstalters, der Riemser Arzneimittel AG Geschäftsbereich Dental (Kleinostheim), war es, den aktuellen Kenntnisstand über Eigenschaften der Hyaluronsäure sowie Studien über ihren Einsatz in der Zahnmedizin zusammenzufassen und in der Kollegenschaft bekannt zu machen.
Internationale Experten aus Wissenschaft und Praxis beleuchteten die Anwendungsmöglichkeiten hochmolekularer Hyaluronsäure als Hauptbestandteil des Produkts Gengigel (Riemser) bei entzündlichen und traumatischen Zuständen des Mund- und Rachenraums und berichteten über ihre Therapieerfahrungen. Rund 100 Teilnehmer verfolgten Vorträge und Fallberichte, die richtungsweisende und praktische Ergebnisse für Parodontologie, Implantologie, Lasertherapie, Orthodontie und für das Gewebsmanagement lieferten.
Prof. Sebastiano Andreana (Buffalo) startete mit einem ausführlichen Überblick über die neuesten Erkenntnisse der Geweberegeneration im Mundraum in das wissenschaftliche Programm. Ergänzend stellte der klinische Pharmakologe Dr. Maurizio Manto (Mailand) die Substanz Hyaluronsäure, ihre biologischen Hintergründe und die zahnmedizinische Applikation vor: „Hyaluronsäure ist nicht gleich Hyaluronsäure. Die Qualität der sehr reinen biotechnologisch hergestellten Hyaluronsäure und das strenge Anforderungskriterium, nur hochmolekulare Hyaluronsäure zuzulassen, macht Gengigel zu einem ‚transparenten‘ Mittel, das speziell für die medizinische Anwendung im Mundraum definiert wurde – von der Zahnarztbehandlung bis hin zur Anwendung durch den Patienten zu Hause.“ Anschließend beleuchtete Prof. Milan Jurisic (Belgrad) Bedeutung und Rolle der Hyaluronsäure beim Wundheilungsprozess nach einer Zahnextraktion im Mundraum.
Über seine Erfahrungen und künftige Indikationen zum Einsatz von Gengigel in der oralen Chirurgie informierte Prof. Zoran Lazic (Belgrad). Er verwies auf die sehr guten adhäsiven Eigenschaften der Hyaluronsäure, die etwa die Zahnextraktion bei Patienten unter Antikoagulantien-Einnahme ermöglichen, ohne deren Therapie zu verändern.
Der wissenschaftliche Leiter des Symposiums, Prof. Dr. Holger Jentsch (Leipzig), zeigte neue Aspekte der Gingivitis- und Parodontitisbehandlung mit Hyaluronsäure auf und stellte zwei Studien zu deren Einsatz bei der Gingivitis- und im Rahmen der Parodontitistherapie vor. Beide Untersuchungen belegen positive Effekte der Hyaluronsäure in der Testgruppe gegenüber der Kontrollgruppe und zeigen, „dass Gengigel dort als entzündungshemmendes Mittel empfohlen werden kann“.
Prof. Peter Galgut (London) vertiefte dieses Thema mit Informationen über die Anwendung von Hyaluronsäure bei persistierenden Parodontaltaschen. Bei einer Umfrage im Jahr 2009 stellte sich heraus, dass die Zahl schwerer Parodontitiden zwischen 1998 und 2009 in Großbritannien von 8 Prozent auf 18 Prozent gestiegen ist. „Ursprünglich kam es durch den Angriff von Mikroben zu einer Entzündung und dann zur Parodontitiserkrankung. Heute habe ich Patienten, die ihre Zähne putzen und den Mundraum pflegen, aber die Parodontitis wird immer schlimmer.“ Was ursprünglich nur ein Plaqueproblem gewesen sei, habe sich inzwischen aus bislang ungeklärten Gründen zu einem Problem des Wirts entwickelt. Diese Parodontitiden ließen sich nicht heilen, man könne sie derzeit nur managen, wobei sich Gengigel als eine vorteilhafte Strategie innerhalb der synergistischen Behandlung bewährt habe.
Seine Erfahrungen mit hochmolekularer Hyaluronsäure in der parodontalen Chirurgie schilderte Prof. Guillame Campard (Nantes). Eine gute Diagnose, möglichst atraumatische Chirurgie, spannungsfreies Lappenmanagement sowie die Nahttechnik und eine strikte Bakterienkontrolle nannte er als Erfolgskriterien für einen oralchirurgischen Eingriff. „Aber man muss erst einmal die biologischen Prinzipien – Stichwort Revaskularisierung – verstanden haben, sonst helfen alle noch so guten Techniken nicht. Gengigel kann keine chirurgischen Fehler korrigieren, aber es ist ein gutes Hilfsmittel für gute Ergebnisse, wenn wir den Heilungsverlauf in die richtige Richtung vorantreiben.“
Die Nachsorge von periimplantärem Gewebe mithilfe von Hyaluronsäure beschrieb Dr. Miguel de Araújo Nobre (Lissabon). Er stellte eine Studie vor, die den Gesundheitsstatus des periimplantären Komplexes während der Heilungsperiode von sofort versorgten Implantaten unter Einsatz von Gengigel versus Chlorhexidin-Gel untersuchte. Mit dem Hyaluronsäurepräparat konnte beim Blutungsindex eine signifikante Verbesserung gegenüber Chlorhexidin-Gel aufgezeigt werden.
Weiter bestätigte die Studie eine signifikante Verbesserung periimplantärer Gewebe durch die hochmolekulare Hyaluronsäure. „Diese Studie ist ein weiterer Beleg für den Nutzen von Hyaluronsäure, die im Besonderen zur Rückbildung von Gingivataschen und zur Reduktion von Zahnfleischbluten, zur beschleunigten Regeneration nach Implantationen und Nahtentfernung sowie in der Prophylaxe zur Verminderung der Sensibilität und des Diskomfortgefühls, etwa nach einer professionellen Zahnreinigung, verwendet wird“, erklärte Nobre. Auch Druckstellen aufgrund von schlecht angepasstem Zahnersatz und Zahnspangen sowie empfindliches Zahnfleisch beim Zahnen oder Zahnwechsel seien weitere Einsatzgebiete für Gengigel.
Da immer mehr jugendliche Patienten von einer Gingivitis betroffen sind, wird Hyaluronsäure auch hier eingesetzt. Über die beeindruckenden Erfolge berichtete Dr. Marco Tremolati (Mailand). Das Behandlerteam um den Italiener erzielte mit dem Wirkstoff eine hohe Akzeptanz und gute Compliance bei jugendlichen Patienten zwischen fünf und achtzehn Jahren. Die Mailänder Zahnmediziner wenden hochmolekulare Hyaluronsäure auch bei aphtösen Problemen sowie vor und nach dem Einsetzen von KfO-Geräten an. Derzeit warten sie auf ein EU-Patent für ein wärmehärtendes Hyalurongel, das bei einer Temperatur von mehr als 19 Grad Celsius fester wird und so dem Speichelfluss widersteht.
Prof. Reha Yavuzer (Istanbul) gab einen Überblick über die Verwendung von Hyaluronsäure in der Plastischen Chirurgie und in der Ästhetischen Medizin. Hier wird der Wirkstoff Hyaluronan in einem anderen molekularen Gewicht verwendet. Yavuzer bescheinigte ihm gute langfristige Ergebnisse mit wenig Komplikationen: „Hyaluronsäure dient nicht nur als Füller, sondern verbessert die Heilung durch ihre antiinflammatorischen Eigenschaften. Das kommt einem Antiagingeffekt gleich, durch den sich das Hautbild deutlich verbessert.“ Abschließend rundete Dr. Alfredo Aragües (Burgos) das Thema mit seinem Vortrag zum Stellenwert der Hyaluronsäure in der Lasertherapie ab.
Alle zahnmedizinischen und fachübergreifenden Themen wurden vielseitig mit praxisrelevanten Fakten beleuchtet. Die vorgetragenen praxisrelevanten Ergebnisse und Behandlungsansätze sowie die interessanten Eigenschaften hochmolekularer Hyaluronsäure animierten die anwesenden Zahnmediziner, Hyaluronsäure auch bei Therapien in ihrer Praxis zu nutzen. Die Resonanz war sehr positiv. Außerdem setzte das Tissue-Care-Symposium Impulse, noch ungeklärte Fragen zum Thema Hyaluronsäure in der Zahnheilkunde zu klären. Das könnte und sollte weitere Forschungsaktivitäten und eine intensivere Informationspolitik in Deutschland befördern.
MW
DZW im Abo
Jede Woche: Die
Zahnarztwoche im
Abonnement
DZW TV
Informationen aus
der Gesundheits- und
Berufspolitik, Neues
aus der Zahnmedizin,
Hinweise auf
interessante
Veranstaltungen,
Interviews u.v.m.




Eigenen Kommentar hinzufügen