15. BDIZ EDI-Symposium und 8. DGOI-Jahreskongress 2011 in München (1)
Die auch mit dem 8. Europatreffen des International Congress of Oral Implantology (ICOI) verbundene gemeinsame Veranstaltung des Bundesverbands der implantologisch tätigen Zahnärzte in Europa (BDIZ EDI) und der Deutschen Gesellschaft für Orale Implantologie (DGOI) am 16. und 17. September 2011 im Sofitel-Hotel Bayerpost in München war sicherlich – bei den in diesem Fachgebiet allzu zahlreichen Events – ein besonderes Ereignis. Die von den Professoren Dr. Dr. Joachim E. Zöller (Vizepräsident von BDIZ EDI und DGOI) und Dr. Georg H. Nentwig (Fortbildungsreferent des DGOI) vorbereitete Programm war eine optimale Mischung von berufspolitischen, wissenschaftlichen und auch sonst wie praxisrelevanten Themen.
Die mehr als 500 Teilnehmer – darunter 23 Implantologen aus Thailand – ließen mit dem oft sehr langen Beifall erkennen, dass sie mit den in- und ausländischen Referenten überaus zufrieden waren. Unter dem Motto „Implantologie im Team“ war auch zu verstehen, dass die Implantologie keine Insel ist, sondern sie zum Beispiel mit der Parodontologie. Endodontie, Kieferorthopädie und Zahntechnik immer wieder eine Symbiose bildet. So waren auch die Präsidenten von BDIZ EDI und DGOI, der Oralchirurg Christian Berger (Kempten) und Dr. Georg Bayer (Landsberg) – übrigens seit Jahren gute Freunde – bald davon überzeugt, dass das Konzept einer gemeinsamen Tagung genau das richtige für einen so breit gestreuten, manchmal „heißen“ Themenkomplex innerhalb des Hauptprogramms(*), des Forums Junge Implantologen der DGOI(**), des Programms für zahnmedizinische Assistenzberufe und der Industrie-Workshops(***) war. Aus der Fülle der Parallelveranstaltungen wurden für den ersten DZW-Bericht einige Inhalte ausgewählt.
Oralmedizin und Implantologie
Risiko vor allem durch Bisphosphonate(*): Stellvertretend für Prof. Dr. Dr. Wilfried Wagner (Mainz) erläuterte dessen Oberarzt Prof. Dr. Dr. Bilal Al-Nawas vor allem die für die Versorgung mit Implantaten riskante Bisphosphonatmedikation insbesondere bei an Osteoporose erkrankten älteren Frauen. Die zunehmende Einnahme ist leider mit der Gefahr der Kiefernekrose verbunden, was zu erheblichen Problemen führen kann. Weitere Risiken sind HIV, Lichen planus und – allerdings in eingeschränktem Maße – Diabetes mellitus.
Präimplantologische Parodontologie(*): Entzündungsfreie Verhältnisse der Parodontien sind eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine auch langfristig erfolgreiche Implantation. In diesem Zusammenhang widersprach Prof. Dr. Nicola Zitzmann (Basel) der irrigen Annahme, dass mit der Extraktion der Restdentition eine Keimfreiheit erreicht werden könne. Es hat sich gezeigt, dass bei Patienten mit der Vorgeschichte einer Parodontitis auch bei Zahnlosigkeit eine erhöhte Gefahr der Periimplatitis und damit eines Implantatverlustes besteht. In allen Fällen ist – was das Parodontologische betrifft – bei der Versorgung mit Implantaten auf eine optimale Mundhygienefähigkeit der Rekonstruktionen zu achten, um so das Risiko einer Periimplatitis zu vermeiden.
Zahnerhalt aus endodontischer Sicht(*): „Die Endodontie hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten von einer unliebsamen Maßnahme zur akuten Schmerzbekämpfung mit einem ungewissen Ausgang zu einer Teildisziplin mit teilweise erheblichem materiell-technischen Aufwand entwickelt.“ Der DGEndo-Spezialist Holger Dennhardt (Landshut) geht davon aus, dass Endodontie, Parodontologie und Implantologie – unter Ausnutzung aller jetzt gegebenen Möglichkeiten – gerade beim älteren multimorbiden Patienten eng zusammenarbeiten müssen, um zu einem für den Patienten akzeptablen Therapieergebnis zu kommen, wobei insbesondere chirurgische Risiken auszuschalten sind.
Orthodontische Maßnahmen vor und nach der Implantatplatzierung(*): Insbesondere, um einen auch ästhetisch optimalen Therapieerfolg verzeichnen zu können, sind orthodontische Maßnahmen eine Problemlösung, wie sie Dr. Henry Salama (Atlanta/USA) mit einigen Behandlungsfällen demonstriert hat. Wenn auch die Implantatkonfigurationen in den vergangenen Jahren bessere Möglichkeiten als früher erlauben, sind diese in Extremfällen sehr begrenzt, sodass die Kombination von Orthodontie beziehungsweise Kieferorthopädie und Implantologie ein besonderes Beispiel für die Teamarbeit ist.
Hypnose heute – eine Alternative zur Vollnarkose(**): Der fähigste Operateur kann bei einer implantologischen Versorgungsmaßnahme nicht erfolgreich sein, wenn die Compliance des Patienten fehlt. Die Behandlung von Angstpatienten ist heutzutage in der Regel auf eine Therapieoption beschränkt: die Behandlung unter Vollnarkose. Die von Dr. Gerrit Mutzek (Leimen) beschriebene hypnotisch induzierte Trance ist jedoch eine – aus seiner Sicht – ernst zunehmende Alternative, diese Patienten zu behandeln, ohne sie den relevanten Risiken und Nebenwirkungen einer Narkose auszusetzen. Anxiolyse, Entspannung, weniger Lokalanästhetika und eine signifikant bessere Wundheilung sind nur ein paar Vorteile, die eine solche Behandlung unter Hypnose bietet.
Implantologie
Sofort-Implantation vs. verzögerte Implantation – Indikationen, Kontraindikationen und Komplikationen(*): Der in der Parodontologie- und Implantologie-Forschung gleichermaßen erfahrene Prof. Dr. Giuseppe Cardaropoli (Newark/USA) setzte sich mit einem Thema auseinander, das immer wieder neue Fragen aufwirft. Wichtig erscheint ihm, dass der Alveolarkamm mit einer minimal-invasiven Chirurgie und/oder Biomaterialien bestmöglich erhalten beziehungsweise rekonstruiert wird. Damit wird nicht nur die Funktion der Implantate, sondern auch die ästhetische Komponente der Versorgung gefördert.
Zum selben Thema trug auch das Referat von Dr. Nikolaos Papagiannoulis(**) aus Ludwigshafen bei, wobei das Vermeiden von größeren Augmentationen und umfangreichen Lappentechniken insbesondere für sogenannte junge Implanteure ein besonderer Vorteil sei. Dabei geht es nicht nur um Schnelligkeit und Leichtigkeit, sondern auch – siehe oben – um einen besseren ästhetischen Effekt.
Evidenzbasierte kurze Implantate(*): Die Anwendung von auch beim 6. Experten-Symposium des BDIZ EDI positiv beurteilten kurzen Implantaten (Länge < 11 Millimeter) wurde von dem spanischen Implantologen Dr. Eduardo Anitua (Vitoria) als interessante neue Perspektive der Versorgung mit Implantaten bezeichnet. Die von ihm in den vergangenen zehn Jahren ausgeführten umfangreichen Studien haben bewiesen, dass sich diese Implantatart vor allem bei einem sehr geringen Knochenangebot sehr gut bewährt hat, er also darin eine evidenzbasierte Therapieform sieht. Die demonstrierten Fälle mit entsprechenden prothetischen Suprakonstruktionen waren überaus eindrucksvoll.
Sinuslift – krestaler vs. lateraler Zugang?(**): Bei einer reduzierten Restknochenhohe ist die Sinusbodenelevation die Technik der Wahl, um vertikal zu augmentieren zu können. Dabei ist zu entscheiden, ob der krestale Zugang gewählt werden kann oder ob eine Augmentation mittels des lateralen Fensters indiziert ist. Neue Therapieverfahren in Kombination mit verändertem Bohrerdesign verschieben den Indikationsbereich zu Gunsten des krestalen Zugangs.
Die sichere, geschlossene Operation mit dem CAS-Kit(***): Diese Sinusbodenelevation mittels krestalen Zugangs weist neben dem einfacheren chirurgischen Protokoll weitere Vorteile auf. So ist zum Beispiel die Einheilzeit im Vergleich zum lateralen Fenster deutlich reduziert. Das Anheben des Sinusboden mittels Hammer und Osteotomen wird von den Patienten in der Regel als sehr un¬angenehm empfunden. Das neue Bohrerdesign des CAS-Kit Bohrers ermöglicht es, sicher und ohne Ruptur der Membran den Eingriff auszuführen. Dabei kann auf den Einsatz von Osteotomen verzichtet werden (Dr. Olaf Daum, Leimen).
Differenzialindikation von Augmentationstechniken und –material(*): Für die erfolgreiche Knochenaugmentation ist es wichtig, optimale Verfahren und Materialien anzuwenden. Hier stellte Prof. Dr. Dr. Joachim E. Zöller (Köln) neue Therapieansatze, weiter entwickelte Knochenersatzmaterialien und Membranen sowie die Verwendung allogener oder xenogener Knochenblöcke und der kombinierte Einsatz morphogen oder mitogen wirksamer Faktoren vor, um eine minimalinvasive Vorgehensweise und eine sichere Augmentation zu gewährleisten.
Weichgewebemanagement mit dem Stoma p.ic.-System(***): Das Weichgewebsmanagement für eine gesteuerte Knochenregeneration ist in manchen Fällen erforderlich, weil es schwierig ist, den Lappen bei gesteuerter Knochenregeneration von großvoluminösen Augmentationen spannungsfrei zu schließen. Hier ist ein strukturiertes Vorgehen in der keratinisierten Gingiva und in der Mukosa notwendig, was mit neuen Instrumenten und Verfahren auf rationelle Weise erleichtert wird. Im Workshop von Dr. Marius Steigmann (Neckargemünd) konnten die Teilnehmer lernen, wie mit speziellen Instrumenten – in Kombination mit neuen Implantatoberflächen – das Weichgewebe kurz- und langfristig bearbeitet werden kann.
Verschraubte Suprakonstruktionen – mit monokeramischen Komponenten zurück in die Zukunft?(**): Durch die Verwendung von Lithiumsilikat bei einteiligen Aufbauten bieten verschraubte Suprakonstruktionen – so Dr. Markus Parschau (Buchholz) - viele Vorteile, um funktionell und ästhetisch hohen Ansprüchen genügen zu können.
Der Managementkomplex
Der Begriff „Management“ spielte auch bei diesem Kongress eine beachtliche Rolle, was mit den folgenden Beispielen aufgezeigt wird.
Komplikationsmanagement bei überwiesenen Patienten(*): Das differenzialtherapeutische Vorgehen und die Systematik der chirurgischen Handlungsabläufe bei Weich- und Hartgewebekomplikationen sind bisher – so PD Dr. Dr. Michael Stiller (Berlin) – in der wissenschaftlichen Literatur zu kurz gekommen, was – zumindest momentan – die Erwartungen der Patienten enttäuschen können. Hier ist es notwendig, die Eingriffskategorien in Abhängigkeit des zeitlichen Intervalls und der Defektmorphologie der periimplantären Gewebe einzuteilen, um ein präzises und vorhersehbares Resultat nach Korrekturoperationen erreichen zu können.
Teamplay Chirurgie – Prothetik: Patientenmanagement(*): Bei dem Referat von Dr. Fred Bergmann (Viernheim) sollte es eigentlich um das gemeinsame Vorgehen von Zahnarzt, Chirurg und Zahntechniker und das damit verbundene Patientenmanagement gehen. Heraus kam aber eine Falldemonstration, wo bei einer Patientin mit einem vollständigen Oberkiefergebiss und bis auf das Fehlen der Zähne 37, 38 sowie 47, 48 war auch im Unterkiefer alles bestens in Ordnung. Da das Gebiss komplettiert werden sollte, die Kieferknochensituation aber keine Implantation im Bereich 37 und 47 erlaubte, wurden mit einer kieferorthopädischen Maßnahme die Zähne 36 und 46 „distalisiert“, um zwei Lücken für zwei Implantate zu gewinnen, was dann auch erreicht wurde. Wo ist es hier um das Patientenmanagement gegangen, wenn man an die neueren Erkenntnisse bei der prothetischen Versorgung denkt, dass auf die besagten Zähne durchaus verzichtet werden kann?
Der Patient ist kein „Kunde“
Die erfolgreiche Praxis als Team(*): Eines der Referate mit besonderem Applaus wurde von Prof. Dr. Gerhard Riegl (Augsburg) gehalten, der jetzt schon seit drei Jahrzehnten als Praxis- und Klinik-Analyst, Patientenforscher und Gesundheitsmarketing-Experte einer der unermüdlichen Wegbereiter für eine erfolgreiche Praxisgestaltung und -führung ist. Nicht nur BZÄK-Ehrenpräsident Dr. Dr. Jürgen Weitkamp hat sich nach diesem Feuerwerk an kreativ-konstruktiven Ideen spontan für die nachdrückliche Anmerkung, bedankt, dass der in Praxis oder Klinik betreute Mensch ein Patient und kein „Kunde“ ist. Allzu viele Marketing- und Managementkonzepte beruhen da auf völlig falschen Vorstellungen, was auch für das Image einer Praxis gilt: Nicht die TÜV-Plakette, sondern der individuelle Ruf des Chefs und seines Teams ist von der größten Bedeutung. Das kann auch keine Internetwerbung ersetzen. „Teammitglieder wirken wie Lückendetektoren, wenn es um Aufrichtigkeit oder patientenorientierter Praxiskultur fehlt.“
Zahntechnisch/prothetische Komplikationen und Gewährleistung(*): Ein extraordinärer Berufsweg und ein außergewöhnliches Referat – ein Zahntechnikermeister, der nach 30-jähriger Berufstätigkeit im Jahre 2005 sein ZMK-Studium beginnt, 2010 in Frankfurt am Main sein Staatsexamen macht und 2011 in Erlangen promoviert wird, begeisterte sein Auditorium mit seiner facettenreichen Darstellung der im Bereich der Implantologie möglichen klinischen und zahntechnischen Komplikationen. ZTM und Dr. med. dent. Peter Finke (Erlangen) wird demnächst auch in einem Interview mit dem Autor darüber diskutieren. Da wird ebenso detailliert über die tatsächlichen Garantie- und Gewährleistungsansprüche in juristisch relevanten Fällen informiert.
Bleibt – fürs Erste – noch zu berichten, dass – bei einem wirklich hochinteressanten Kongress – die Teilnehmer auch am sonnigen ersten Oktoberfestsamstag bis in den späten Nachmittag im Hauptsaal geblieben sind, wo aber den letzten Referenten fast „die Hunde gebissen haben“, weil seine Vorgänger ihre Zeit um über mehr als eine halbe Stunde überzogen und die für 17.45 Uhr vorgesehene Schlussdiskussion mit BDIZ EDI-Präsident Christian Berger und DGOI-Präsident Dr. Georg Bayer erst entsprechend später zu Stande kam. So lange aber wollte der ICE des Autors nicht warten, sodass ihm das präsidiale Fazit vorenthalten blieb. Zu guter Letzt, aber nur da gab’s was zu kritisieren. Mit der Autorität der Sitzungsleitung und der Disziplin der Vortragenden könnte man solche Probleme sicherlich vermeiden.
Kimmel
(wird fortgesetzt)
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