Eindrucksvolles Interesse bei Wissenschaft und Praxis
„Lunch&Learn“-Symposium der DGGZ beim Deutschen Zahnärztetag in Frankfurt (Main) –
Ein junges Thema mit neuen Fragen hat sich in Eilschritten auf den Weg in die Zahnmedizin gemacht – dass man damit auf dem richtigen Weg ist und auf großes Interesse stößt, zeigte das Symposium „Risiko Geschlecht – Gender von Zahn bis Arzt“ der Deutschen Gesellschaft für geschlechterspezifische Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGGZ) auf dem Deutschen Zahnärztetag im vergangenen November.

- Boten ein vielschichtiges Programm in einem neuen Symposium-Konzept (von links): Dr. Tim Nolting, MSc. (DGGZ-Vizepräsident), PD Dr. Ingrid Peroz (Vorstand DGGZ), Prof. Dr. mult. Dominik Groß (DGGZ Scientific Board), PD Dr. Margrit-Ann Geibel (Vorstand DGGZ) und PD Dr. Dr. Christiane Gleissner (DGGZ-Präsidentin)
In der Medizin ist geschlechterspezifische Forschung bereits etabliert, in der Pharmakologie ebenso. Die DGGZ hat es sich zur Aufgabe gemacht, vorhandenes Wissen auch für die Zahnheilkunde zu bündeln, und durch den gezielten Blick auf die Unterschiede, Fragestellungen abzuleiten und Impulse an die Wissenschaft zurückzugeben. Die Gesellschaft startete in Frankfurt (Main) mit einem neuen Konzept in das Programm des wissenschaftlichen Kongresses: „Wir haben die Mittagspause für ein ‚Lunch&Learn‘-Seminar genutzt, da wir nicht zu anderen Angeboten des Kongresses in Konkurrenz treten wollten“, erklärte DGGZ-Präsidentin PD Dr. Dr. Christiane Gleissner. So hat man ein straff durchgeplantes Programm entwickelt und gleichzeitig den Seminarteilnehmern in entspannter Atmosphäre ein Buffett geboten. Mit dem Motto der Veranstaltung „Risiko Geschlecht – Gender von Zahn bis Arzt“ griff die DGGZ den Schwerpunkt „Risikoerkennung und Risikomanagement“ des Deutschen Zahnärztetags auf. In der anschließenden ausführlichen Diskussion zeigte das Publikum große Disputbereitschaft und setzte sich mit den verschiedenen Facetten des Themas Gender in der Zahnmedizin auseinander, die die Referenten in ihren Vorträgen in den Fokus der Übersichtspräsentation gestellt hatten.
Privatdozentin Dr. Ingrid Peroz (Berlin) sprach über Osteoporose und die Gabe von Bisphosphonaten sowie über die unterschiedliche Verteilung der Craniomandibulären Dysfunktion (CMD) bei Frauen und Männern: „In der Funktionsdiagnostik ist auffallend, dass mehr Frauen mit dem Problem einer CMD behaftet sind als Männer. Als Erklärungskomponente ergibt sich die Frage: Worin unterscheiden sich die Geschlechter? – Hauptsächlich in der hormonellen Ausstattung. So nimmt diese etwa Einfluss auf das Bindegewebe, das bei Männern straffer ist als bei Frauen und durch hormonelle Schwankungen ganz verschiedenen Einflüssen unterliegt. Außerdem wissen wir aus der Allgemeinmedizin, dass somatoforme Störungen bei Frauen häufiger vorkommen als bei Männern – und die CMD wird durchaus hier mit eingeordnet.“
Privatdozentin Dr. Dr. Christiane Gleissner (Mainz) berichtete aus den Bereichen Schmerz, Parodontitis und Karies und verwies auf international ähnliche Daten, die auf biologische Unterschiede hindeuten statt auf gesellschaftliche. So machten etwa die Ergebnisse der vierten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS IV) den unterschiedlichen Kariesbefund bei Frauen und Männern deutlich. Während im Alter von zwölf Jahren noch keine Geschlechterunterschiede erkennbar seien, hätten bereits 15-jährige junge Frauen signifikant mehr Karies als gleichaltrige Jungen. Die ungünstige Situation setze sich bis ins hohe Alter fort – so seien 65-jährige Frauen deutlich häufiger von kompletter Zahnlosigkeit betroffen als Männer im gleichen Alter. Gleissner: „Diese Tatsache verwundert, da Frauen und Mädchen ihre Zähne besser pflegen und Kontrolluntersuchungen verlässlicher wahrnehmen. Die Suche nach den Gründen muss also über eine schlechte Mundhygiene hinausgehen. Ein Einfluss der Hormone ist denkbar.“ „Weiter ist bekannt, dass Frauen über eine effektivere Immunantwort verfügen. Dies könnte zumindest teilweise die geringere Prävalenz von Parodontalerkrankungen erklären“, folgerte Gleissner. Es sei daher sinnvoll, Strategien zu entwickeln, Männer für zahnärztliche Prophylaxemaßnahmen zu gewinnen. „Der Einfluss der Geschlechtshormone auf die parodontale Wundheilung ist aber noch weitgehend unklar. Es besteht weiterer Forschungsbedarf.“
Darüber hinaus sei es wichtig, die vielfältige Wirkung der Geschlechtshormone auf orale Gewebe und die Kiefergelenke systematisch zu erfassen und mögliche Wechselwirkungen mit der Allgemeinmedizin zu identifizieren. Auf die Frage, inwieweit das Geschlecht des Behandelnden respektive des Behandelten die Diagnose, die empfohlene Therapie sowie die tatsächlich durchgeführte Therapie beeinflussen, lägen zwar einige Antworten vor, in der Zukunft gelte es jedoch, bestehendes Wissen zu bündeln und daraus neue Fragen abzuleiten, fasste Gleissner zusammen.
„Die Zahnheilkunde wird weiblich“ – ob sich das tatsächlich in den Berufschancen und den Karrierewegen von Frauen in der Zahnmedizin niederschlägt, untersuchte Prof. Dr. mult. Dominik Groß (Aachen) in seinem Vortrag „Risiko Selbstbild: Die zahnärztliche Profession in genderspezifischer Perspektive“. Er zeigte die Entwicklung der Zahnärztinnenzahl und die entsprechenden Konsequenzen aus wissenschaftlicher Sicht auf. Es herrsche eine geringere Kontinuität im Berufsverlauf von Frauen, Frauen seien seltener selbstständig als Männer, und standespolitische Karrieren würden vornehmlich von Letzteren verfolgt, was auch zur mangelnden Berücksichtigung der Frauenperspektive in der Standespolitik führe.
Weiter konnte Groß ein „Cooling out“ belegen zwischen der Promotion von Zahnmedizinerinnen und deren weiteren universitären oder außeruniversitären Forschungsaktivitäten sowie ihren Chancen, überhaupt in Forschungseinrichtungen zu arbeiten. Exemplarisch liege in der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK), dem wichtigsten wissenschaftlichen Netzwerk im Rahmen einer wissenschaftlichen Laufbahn, der Frauenanteil unter den Mitgliedern bei nur 27 Prozent.
Groß empfahl den Zahnmedizinerinnen, grundsätzlich darauf zu achten, sich über Fachlichkeit und Kompetenz zu empfehlen und nicht, wie es leider häufig üblich sei, über tradierte Eigenschaften wie Empathie, Kinderliebe oder dergleichen.
„Die steigenden Frauenzahlen in der Zahnheilkunde in Deutschland bedeuten nicht automatisch einen stärkeren Zugriff auf Karrierepositionen und Berufschancen. Das heißt, es gibt kein lineares Verhältnis zwischen der sogenannten Feminisierung in der Zahnheilkunde und den Optionen für Frauen, in diesem Beruf zu reüssieren, sei es in der Wissenschaft, sei es im niedergelassenen Bereich oder sei es in der Berufspolitik“, so sein Fazit.
Dass grundsätzliche Veränderungen im Hinblick auf die Gesamtarbeitszeit, auf Beschäftigungsverhältnisse und auch auf wissenschaftliche Karrieren dringend notwendig und zu erwarten sind, brachte Privatdozentin Dr. Margit-Ann Geibel (Ulm) am Beispiel der „Lehrmittelzuweisung“ im wissenschaftlichen Lehrbetrieb auf den Punkt. Bisher orientiere sich die Lehrmittelzuweisung an den Dozentenbewertungen, die von den Studierenden erfragt würden. „Studien haben allerdings gezeigt, dass diese Bewertungen unbewusst geschlechterspezifisch-psychologischen Mustern folgen und daher als Kernkriterium für die Lehrmittelzuweisung recht untauglich zu sein scheinen“, stellte Geibel fest.
„Das Konzept unseres ‚Lunch &Learn‘-Seminars ist hervorragend angenommen worden, wir durften uns über einen übervollen Vortragssaal freuen und über breites Interesse aus Praxis und Wissenschaft. Dass auch einige renommierte Wissenschaftler im Auditorium waren, die sich für unser Symposium interessierten, zeigt uns, dass wir mit diesem jungen, aber wichtigen Thema auf dem richtigen Weg sind“, resümierte DGGZ-Präsidentin Gleissner. Dr. Tim Nolting, MSc, Vizepräsident der DGGZ: „Das Symposium war eindeutig der Auftakt zu einem neuen Blickwinkel auf die Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Es ist aber auch deutlich geworden, dass die Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Bedarf an Studien oder zumindest weiteren Daten hat, die die offenen Fragen so einkreisen, dass sie die Antwortsuche erleichtern. Wir haben daher neben der ordentlichen Mitgliedschaft in der DGGZ mit dem Scientific Board auch eine Struktur von ‚wissenschaftlichen Mitgliedern‘ entwickelt. Wir laden Wissenschaftler, Praktiker, aber auch Unternehmen und Verbände herzlich dazu ein, mit uns gemeinsam die Datenlage zu verbessern.“
Einen Filmbeitrag über das DGGZ-Symposium sehen Sie in der aktuellen Ausgabe von DZW-tv im Internet unter www.dzw-tv.de.) Mehr dazu und die Möglichkeit zum Kontakt findet man unter www.dggz-online.de.
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