„Jedes Referat wird ein Highlight sein“
Prof. Dr. Dr. Joachim E. Zöller im Interview über das diesjährige Experten-Symposium des BDIZ EDI, das erstmals den Kölner Risiko-Score vorstellt–
Das Experten-Symposium des Bundesverbandes der implantologisch tätigen Zahnärzte in Europa (BDIZ EDI) beschäftigt sich jedes Jahr mit den heißen Fragen in der Implantologie, sucht sie zu beantworten und bringt einen Praxisleitfaden auf den Weg, der auf der Internetseite unter www.bdizedi.org, Rubrik Zahnärzte abgerufen werden kann. Seit 2006 wurden Themen wie die Sofortversorgung/-belastung, die Periimplantitis, 3-D-Bildgebung, Komplikationen und 2010 kurze Implantate behandelt. Am 19. Februar 2012 heißt das Thema: „Implantation ohne Risiko?“
Das Experten-Symposium ist aber auch für seine gelungene Kombination aus Fortbildung und Kölner Karneval bekannt. Für beides ist Univ.-Prof. Dr. Dr. Joachim E. Zöller, Direktor der Interdisziplinären Poliklinik für Orale Chirurgie und Implantologie und der Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie der Universität Köln verantwortlich. Der Vizepräsident des BDIZ EDI führt als wissenschaftlicher Leiter durch den Kongresstag und lädt als „Baas“ der ältesten Karnevalsgesellschaft von Köln, der „Großen von 1823“, am Abend zur traditionellen Sonntagssitzung ein. Im Interview mit Anita Wuttke für die DZW berichtet Zöller über dieses Symposium.
DZW: Herr Professor Zöller, zum 7. Mal findet das Experten-Symposium des BDIZ EDI in Köln statt. Mit welchem Ziel haben Sie dieses Konzept, das sich offensichtlich an die erfahrenen Implantologen richtet, vor sieben Jahren ins Leben gerufen?
Prof. Dr. Dr. Joachim E. Zöller: Wir haben in Deutschland etwa 200 bis 250 implantologische Fortbildungen. Hierbei gibt es sicherlich eine stattliche Anzahl von wissenschaftlich fundierten Veranstaltungen, aber auch viele, die kein hohes Niveau haben und lediglich der Selbstdarstellung einiger Kollegen dienen. Ich glaube, in keinem medizinischen Fachbereich gibt es so viele Referenten wie in der Zahnmedizin. Hierauf können wir zwar stolz sein, aber leider gibt es auch viele Referenten, die nach der Devise handeln: „Seeing one, doing one and teaching one“. Damit kommen wir aber nicht weiter. Ebenso bringen uns Aussagen wie: „Das habe ich in 30 Jahren nicht gesehen“ nicht wirklich weiter.
Dieser Umstand war die Ursache dafür, ein Experten-Symposium zu veranstalten, das folgenden Kriterien folgt: In jedem Jahr wird eine für den Implantologen wichtige Fragestellung abgehandelt. Es ist kompakt, das heißt in kurzer Zeit wird die Thematik umfassend dargestellt, und die Referentenauswahl folgt ausschließlich nach dem Kriterium der Expertise.
DZW: Ihr Thema in diesem Jahr lautet: „Implantation ohne Risiko?“. Kann man Risiken bei der Implantation tatsächlich völlig ausschließen?
Zöller: „Wenn man hobelt, dann fallen Späne“, diese Lebensweisheit trifft auch auf die moderne Implantologie zu. Nur, wir müssen das Risiko minimieren. Dies geht nur, wenn man die möglichen Risiken kennt und erkennt. Hierzu passt eine Aussage eines Hochschullehrers zu einem Studenten, der meinte, etwas Neues beschrieben zu haben: „Nur weil Sie etwas noch nicht gesehen haben, ist dies noch lange nichts Neues!“ Wir müssen dann die Risiken abwägen und für den Patienten die jeweils richtige Entscheidung fällen. Auch hierzu noch ein letztes Zitat: „Ein guter Chirurg zeichnet sich nicht nur dadurch aus, was und wie er operiert, sondern vor allem dadurch, wen er nicht operiert.“ Dies trifft auch für den implantologisch tätigen Zahnarzt zu.
DZW: In welchen Fällen würde der Behandler – und sei er noch so versiert – von einer Implantatbehandlung absehen oder abraten?
Zöller: Es gibt eine Reihe von Faktoren, die das Risiko besonders stark erhöhen. Hierzu zählen Allgemeinerkrankungen, Abusus, Medikamente, wie Bisphosphonate, oder auch ein Zustand nach Radiatio im Bereich der Kiefer etc. Auf den Stellenwert der diversen Risikofaktoren werden die äußerst kompetenten Referenten eingehen. So gibt es absolute Kontraindikationen und relative. Wichtig ist, dass sich die einzelnen Faktoren auch summieren können und so in der Gesamtheit ein nicht mehr vertretbares Risiko darstellen.
DZW: Mit dem „Kölner Risiko Score“ wollen Sie in Köln etwas Neues vorstellen. Was steckt hinter dieser Einteilung?
Zöller: Der Score soll die implantologisch tätigen Zahnärzte vor Misserfolgen bewahren. Es handelt sich hierbei um eine praxisrelevante, einfach zu handhabende Risikoeinschätzung, um sicher zum Erfolg zu gelangen. Im Praxisalltag fällt es nicht immer leicht, den komplexen implantologischen Patientenfall (complex = „C“) von mittelschweren (between = „B“) oder gar leichten Situationen (always = „A“) zu unterscheiden. So einfach, wie der Kölner ABC-Score von der Namensgebung ist, so selbsterklärend wird er in der Anwendung für jeden implantologisch tätigen Kollegen sein. Da in den Kölner ABC-Score wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse aus der Diagnostik, Implantatchirurgie und Implantatprothetik einmünden, ist der Score im Vergleich zu anderen Einteilungen breiter aufgestellt.
Aktualität und klinische Relevanz des Kölner Scores ergeben sich natürlich auch daraus, dass er sich mindestens einmal im Jahr, vornehmlich zum Zeitpunkt unseres Karneval-Symposiums, einer Überprüfung und – wenn erforderlich – auch einem Update stellen wird. In dieser Art konzipiert wird unser Kölner ABC-Score nicht nur eine fundierte Entscheidungshilfe zur Implantattherapie darstellen, sondern auch unter forensischen Aspekten bedeutsam sein können.
DZW: Die Europäische Konsensuskonferenz des BDIZ EDI (EuCC) wird am Samstag versuchen, einen Konsensus zum Thema „Implantation ohne Risiko?“ zu erreichen. Hier sitzen nicht nur die Referenten vom Sonntag mit am Tisch, sondern auch ausländische Vertreter aus Hochschule und Praxis. Welche Bedeutung hat dieser Konsensus für die implantologischen Praxen?
Zöller: Ziel der Europäischen Konsensuskonferenz ist es, wieder einen wissenschaftlich fundierten Praxisleitfaden wie in den vergangenen Jahren zu erarbeiten. Ich darf erinnern: 2006 Sofortversorgung/Sofortbelastung, 2007 Keramik als Werkstoff, 2008 Periimplantitis, 2009 3-D-Bildgebung, 2010 Komplikationen und 2011 kurze und angulierte Implantate. Dieser Konsens muss breit aufgestellt sein, damit er auch die notwendige Akzeptanz findet. Hierzu müssen auch international anerkannte Experten anderer Nationalitäten Berücksichtigung finden. Während dieser Konferenzen gibt es häufig erhebliche Meinungsverschiedenheiten. Dies ist auch gut so. Aber bislang ist es immer gelungen, einen breiten Konsens zu finden. Ich bin überzeugt, dass wir diesen auch in diesem Jahr mit der wichtigen Thematik der Risikoeinschätzung erreichen werden.
DZW: Ihr Programm ist sehr kompakt. Alle möglichen Risikofaktoren, wie Timing, Biotyp, sämtliche Allgemein- und Alterserkrankungen, Implantatdimension, Knochenmanagement bis hin zur Restauration werden dabei behandelt. Ist dieses Programm für einen Tag nicht zu umfangreich?
Zöller: Sie haben völlig recht. Sicherlich könnte man mit diesem Programm auch eine Mehrtagesveranstaltung leicht füllen. Nur, am Ende solcher Veranstaltungen sind die Teilnehmer häufig verwirrt als zuvor. Das wollen wir gerade nicht. Durch die hochkarätigen Referenten ist gewährleistet, dass alle wichtigen Aspekte gewürdigt werden und zu jedem Thema die „Take home message“ klar ist.
DZW: Sie haben immer ein hochkarätig besetztes Referententeam in Köln. Die Liste für das 7. Experten Symposium liest sich wie das „Who is who“ der deutschen Implantologie. Können Sie einige „Highlights“ herausheben, die man auf keinen Fall verpassen sollte?
Zöller: Ja, wir sind schon etwas stolz, dass alle Referenten, bei denen wir angefragt haben, auch zusagen konnten. Auch glauben wir, dass alle Experten sehr gut in einem „Gesamtteam“ zusammenpassen werden. Dies ist auch ein wichtiger Aspekt bei einem so kompakten Eintages-Symposium. Insofern muss ich passen; jedes Referat wird ein Highlight sein und so kann ich keine einzelnen herausheben; das Experten-Symposium wird deshalb insgesamt ein Highlight.
DZW: Das Experten-Symposium des BDIZ EDI bedeutet auch die Kombination von Fortbildung und Karneval. Als „Baas“ der ältesten Kölner Karnevalsgesellschaft, der „Großen von 1823“, haben Sie am 19. Februar 2012 zwei Funktionen: einmal als wissenschaftlicher Leiter, und anschließend laden Sie Referenten und Teilnehmer zur Sonntagssitzung in den Gürzenich ein. Wie verträgt sich das?
Zöller: Jeder, der das Kölner Team – und hier ist im Bereich der Implantologie PD Dr. Nickenig in erster Linie zu nennen – kennt, weiß, dass dieses sehr viel und intensiv arbeitet. Wer so viel arbeitet, kann auch feiern – oder anders: Wer feiert und lacht, hat auch die Kraft, intensiv zu arbeiten. Wir beide lieben den Karneval mit seinen verschiedenen Facetten, und der Kollege Nickenig ist zwischenzeitlich auch „Senator“ in der Gesellschaft.
Wir sollten bei aller Wichtigkeit unseres Berufs daran denken, dass es auch ein Leben außerhalb der Implantologie gibt. Wir haben uns das Sessionsmotto des Bauern Adam meiner Gesellschaft aus dem Jahre 1972 zu Herzen genommen: „Mach Dir Freud solang et jeit, denn et Levve doort kein Iwichkeit!“.
Mehr über Prof. Zöllers Aktivitäten als Baas der „Großen von 1823“ gibt es auch in DZW-tv.
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