Ein kleiner Zahn war das ganz große Ding: Eine Hommage an Horst Schütz zum 70. Geburtstag
Nicht jede Erfolgsstory im deutschen Dentalmarkt beginnt mit einem einzelnen Zahn. Bei Horst Schütz, der in diesen Tagen auf 70 Lebensjahre zurückschauen kann, und dessen Unternehmergeist eine außergewöhnliche Biografie prägt, war das so. Der gebürtige Niedersachse, der in einem Hildesheimer Depot zum Dentalkaufmann ausgebildet wurde und sich danach entscheiden musste, ob er sich als Wettkampfschwimmer ins kalifornische Trainingsbecken oder in das Risiko der Selbstständigkeit in den frühen 60er-Jahren stürzen sollte, wog ab: Sportler oder Verkäufer – welches Talent versprach größere Aussichten auf einen dauerhaft beruhigenden Kontostand?
Als Horst Schütz als Zwanzigjähriger das beschauliche Hildesheim verließ, um sich aus dem Blickwinkel eines Dentaldepots im weltoffenen Frankfurt (Main) eine nationale Perspektive zu verschaffen, ereigneten sich gleich zwei Dinge, die den weiteren Lebensweg entscheidend prägen sollten. Er lernte am neuen Arbeitsplatz seine spätere Frau Christa kennen und er machte sich 1961 mit unternehmerischer Neugier auf den Weg zu einer Dental-Messe nach Köln.
Horst Schütz erinnert sich genau an den Moment, als ihm am späteren Standort der IDS, der längst größten Dental-Schau der Welt, ein kleiner künstlicher Zahn gezeigt wurde. Der Sohn eines selbstständigen Laborinhabers erkannte die richtig gute Qualität des im Spritzgussverfahren hergestellten Produkts sofort.
Das Angebot, diesen Zahn deutschlandweit zu vertreiben, sei allerdings sehr überraschend gekommen. „Das war ein großes Ding“ für einen jungen Mann, der mit 700 DM Startkapital in der Tasche in einen zehn Jahre alten VW-Standard ohne Heizung stieg, um über die Alpen zu klettern, erinnert er sich heute. Denn der „kleine Zahn mit großer Zukunft“ wurde bei ItalDent in Mailand gefertigt.
Schütz legte mit dem Kauf von künstlichen Zähnen für rund 1.000 DM und dem gewinnbringenden Verkauf der Produkte in nur zwei Tagen den Grundstein für eine beeindruckende Unternehmerkarriere. Seine frühe Erkenntnis hieß: „Im Handel liegt der Segen.“ In den Jahren des bundesdeutschen Wirtschaftswunders heiratete er 1964 seine Berufskollegin aus den Frankfurter Anfängen. Horst Schütz war der geborene Verkäufer, Christa Schütz, mittlerweile seit 47 Jahren die Ehefrau an seiner Seite, die geschickte Finanzmanagerin. Mit einer solchen kongenialen Partnerschaft wurden im Deutschland jener Jahre nicht nur kleine Handwerksbetriebe und mittelständische Unternehmen groß, sondern auch Industrieunternehmen.
Überzeugt davon, dass Systeme sein 1962 gegründetes Unternehmen Schütz Dental in eine wichtige Partnerrolle für Dentallabore wachsen lassen würden, stellte Horst Schütz ein komplexes Modellgussverfahren auf die Beine. Dieser Schritt war gewagt, denn etablierte Firmen der Dentalbranche hatten solche Programme bereits in ihrem Portfolio. „Lass die Finger davon“, war der meistgehörte Rat in jenen Tagen. Doch Schütz ließ die Finger nicht davon, so wie er es in 49 weiteren Unternehmerjahren oft nicht tat, wenn er von einer Idee überzeugt war. Er kaufte No-Name-Produkte und platzierte die heute immer noch erfolgreichen Marken wie Micronium, Futura und Dialog erfolgreich im Markt.
Dieses Vorgehen war der Durchbruch für Schütz Dental, in Frankfurt gegründet, längst im 25 Kilometer entfernten Rosbach angesiedelt und inzwischen international in allen bedeutenden Märkten vertreten. Schütz selbst hatte sich schon früh auf Messen, Kongressen und Tagungen einen weltweiten Überblick verschafft. Und wenn er nicht fand, was er suchte, hat er es selbst entwickelt. So entstand auch eine eigene Chemieabteilung in Rosbach, die Gesellschaft für Dentale Forschung, welche heute ganz stark im Private Label aktiv ist. Er hat aus Prinzip nie Firmen gekauft, sondern immer nur Firmen gegründet,.
Was auch immer an neuen Systemen über die Jahrzehnte entwickelt wurde, für den gelernten Verkäufer Schütz ist und bleibt die Kundennähe die unerschütterliche Grundphilosophie des Hauses. Die Hauptstärke der heute 150 Mitarbeiter von Schütz Dental habe immer darin bestanden, Netzwerke zu forcieren. Das gelingt nur mit einer hohen Identifikation der Mitarbeiter zum Unternehmen und vor allem zu den Kunden.
Als Horst Schütz 2005 nach 42 Jahren beschloss, sich aus dem operativen Geschäft seines immer weiter expandierenden Unternehmens zurückzuziehen, war das eine richtungweisende Entscheidung, die aber den Charakter des Unternehmens unter keinen Umständen verändern sollte. Sein Unternehmen war in den Geschäftsbereichen Zahntechnik, Praxismaterialien, Laser und Implantologie zu einem der weltweit führenden Hersteller von Dentalprodukten geworden.
Für Horst Schütz und sein langjähriges Managementteam Wolf Zientz und Dr. Thomas Niem gab es schon frühzeitig den Entwurf für eine optimale Lösung: ein Management-Buy-out (MBO), also einen Verkauf von Unternehmensanteilen an das bestehende Management. „Wir erkannten rasch, dass ein MBO allen möglichen Szenarien weit überlegen ist: Das gilt sowohl für uns Manager, da wir nun endlich ‚echte‘ Unternehmer werden und die eigenen Ideen umsetzen können, als auch für das Unternehmen, welches in der gewohnten Form weiter bestehen konnte“, erläutert Zientz den vor sechs Jahren gelungenen Schritt.
Neben den Managern behielt auch Schütz einen Anteil von 20 Prozent an der Firma und blieb somit Miteigentümer. Dass er weiterhin an wichtigen Entscheidungen beteiligt sein würde, war dem Unternehmensgründer eine Herzensangelegenheit und eine zentrale Entscheidungsgröße pro Private Equity.
„Zahntechnik hört doch nicht plötzlich auf“
Wie er, ein Urgestein im Dentalmarkt, die aktuell vermeintlich rasanteste Entwicklung sieht, welche die Branche je erlebt hat? Horst Schütz: „Da wird mir vieles viel zu hoch aufgehängt. Zahntechnik hört doch nicht plötzlich auf. Auch wenn eine Verstärkung der Prophylaxe und der Prävention in der Zahnheilkunde, was gut und wichtig ist, sicherlich Auswirkungen hat: Zahnersatz, ob nun manuell oder mit CAD/CAM produziert, wird allein mit Blick auf die Alterspyramide auch zukünftig nachgefragt werden.“
Was den Wettbewerb mit ausländischen Anbietern im deutschen Dentalmarkt anbetrifft, so rät Horst Schütz ebenfalls zu mehr Gelassenheit: „Wir exportieren in Drittländer, in Schwellenländer, nach Indien und China. Da müssen wir uns gefallen lassen, dass die Märkte dieser Länder auch zu uns kommen. Ein gesundes und vitales Unternehmen wird das verkraften.“
Mit Diop wieder im operativen Geschäft
Apropos vitales Unternehmen: Mit Diop, einem Spin-Off der Schütz Dental GmbH, ist Unternehmer Schütz mit einem eigenen Mitarbeiterstab wieder im operativen Geschäft. Die Firma Diop ist eine selbständige GmbH und in folgenden Bereichen aktiv: Krankenhaushygiene, Reinraumtechnik, bei Fahrzeugen der Rettungsdienste, in den Produktionsstätten der Pharma- und Lebensmittelindustrie, in Sauna- und Wellnessbereichen sowie medizinischen Praxen, Apotheken und der Altenpflege.
Ganz aktuell kämpft Horst Schütz für sein „jüngstes Kind“ gegen die destruktive Lobby der Zulassungsbehörden für Desinfektionsgeräte und -produkte. Nicht der erste und nicht der letzte Fight, den eine der großen Unternehmerpersönlichkeiten des Landes annimmt.
Ob er sich noch Wünsche erfüllen wolle? „Nein, eigentlich nicht – doch: ein besseres Golfhandicap.“ Bei entsprechender Gesundheit dürfte ein Handicap von 23 nicht mehr lange Bestand haben. Allerdings: der kleine weiße Ball ist schon ein respektabler Herausforderer, auch für einen Erfolgsmenschen wie Horst Schütz.
Bernd Overwien, Recklinghausen
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