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25. August 2010 |  Aus Wissenschaft und Praxis

Wegbereiter der Vollkeramik

AG Keramik begeht das zehnjährige Bestehen –

 

Zahnheilkunde ohne Digitaltechnik, Computereinsatz, Scanner, CAD-Konstruktion, Datenaustausch, Hochleistungswerkstoffe ist heute nicht mehr vorstellbar. Ein Jubiläum erinnert uns daran, dass vor zehn Jahren Keramikgerüste für Kronen oftmals noch aus einer zähflüssigen Aluminiumoxidmasse „geschlickert“ werden mussten.

Dr. Bernd Reiss, Vorsitzender AG Keramik, initiierte die Qualitäts-sicherungsstudie CSA. Quelle: AG Keramik

Das Feld der Vollkeramik führten 1999 die Sinterglas-, Press- und Infiltrationskeramiken mit zeitaufwendiger Laboraufbereitung an. Die aufkeimende CAD/CAM-Technik konzentrierte sich noch auf die industrielle, zentralisierte Gerüstfertigung; die Chairside-Anwendung beschränkte sich auf die computergestützte Kavitäten-Versorgung mit 2-D-Bildgebung. Kein Wunder, dass der Anteil der vollkeramischen Restauration in der konservierenden Versorgung damals bei 2 bis 3 Prozent, in der Prothetik unter einem Prozent lag, weil geeignete Werkstoffe und rationelle Verarbeitungstechniken fehlten oder noch in den Kinderschuhen steckten.

Im gleichen Jahr wurde die Arbeitsgemeinschaft für Keramik in der Zahnheilkunde e.V. (AG Keramik) gegründet. Hochschullehrer, niedergelassene Zahnärzte, Werkstoffspezialisten und industrielle Keramikhersteller mit Grundlagenforschung kamen im August 1999 in Kronberg/Taunus zusammen und schufen eine selbstverpflichtende Satzung. Die Protagonisten der Keramik hatten sich unter der Mitarbeit eines wissenschaftlichen Beirats das Ziel gesetzt, die Keramik in der Zahnerhaltung und Prothetik sowohl in der Fachwelt als auch in der Öffentlichkeit als bewährte Therapielösung zu vertreten und zu fördern. Durch Projekte auf verschiedenen Ebenen wurde die defektorientierte und substanzschonende Behandlung als bewährte Therapielösung begleitet, Forschungs- und Entwicklungsansätze geliefert und dem niedergelassenen Zahnarzt Hilfen an die Hand gegeben, um mit den neuen Werkstoffen klinisch langfristig erfolgreiche Ergebnisse erlangen zu können.

Parallel dazu fanden auf der Industrieseite in den Technologien „Vollkeramik und CAD/CAM“ geradezu sensationelle Fortschritte für die Zahnmedizin und Zahntechnik statt, die eine Zeitenwende einläuteten. Digitaltechnik und Hochleistungskeramiken lösten aus, dass 2009 in Deutschland 5,9 Millionen vollkeramische Restaurationen eingegliedert worden sind – davon 89 Prozent mit Computerunterstützung gefertigt. Weltweit wurden in der vergangenen Dekade kumuliert ca. 30 Millionen Restaurationen mit CAD/CAM-Technik hergestellt.

CSA-Feldstudie als Instrument evidenzbasierter Therapieerfolge

Der bei der Gründung gewählte und heute noch amtierende erste Vorsitzende der AG Keramik, Dr. Bernd Reiss, brachte eine multizentrische Feldstudie mit niedergelassenen Zahnärzten in das Arbeitsprogramm ein. Unter seiner Führung in den 90er Jahren begonnen, hatten Zahnärzte ihre computergestützt hergestellten, konservierenden Keramikrestaurationen dokumentiert, in Intervallen befundet und die Ergebnisse der Nachuntersuchungen regelmäßig und anonym der Studienleitung zur Verfügung gestellt. Damit konnten erstmalig evidenzbasierte Aussagen zur klinischen Sicherheit von vollkeramischen Restaurationen getroffen werden.

Die Zuverlässigkeit dieser Feldstudie überzeugte den wissenschaftlichen Beirat, sodass die AG Keramik dieses Modell als „Ceramic Success Analysis“ übernahm und für alle Behandlungsverfahren sowie Keramik- und CAD/CAM-Technologien öffnete. Damit konnten Zahnärzte, Wissenschaftler und Dentalindustrielle erstmals die klinische Zuverlässigkeit unterschiedlicher Behandlungsmethoden und Materialien in der Praxis erfahren.
Derzeit sind mehr als 6.000 Restaurationsbefunde aus über 250 Praxen Grundlage der Ergebnisse. Der teilnehmende Zahnarzt gibt seine Befunde online auf der Plattform www.csa-online.net ein und erhält sofort ein grafisches Behandlungsprofil, das seine Ergebnisse anonym und individuell mit den Daten von allen anderen Teilnehmerpraxen vergleicht.

Diese Qualitätssicherungsstudie gab auch den Anlass zur Einrichtung von regional tätigen Qualitätszirkeln. Durch die Initiative von Reiss bildeten sich in mehreren Regionen Arbeitsgruppen, in denen niedergelassene Zahnärzte ihre Befunde und Therapielösungen im kleinen Kreis offen legen und diskutieren. Thematisch geht der kollegiale Gedankenaustausch oftmals über den qualitätssichernden Ansatz der Keramikanwendung hinaus.

In den vergangenen zehn Jahren wurden in der Werkstoff- und Prozesstechnik sowie in den Behandlungsverfahren enorme Fortschritte erzielt. Um die Forschung – auch des wissenschaftlichen Nachwuchses – auf dem jungen Gebiet in der Zahnmedizin zu fördern und zusätzliche Anreize zu schaffen, stiftete die AG Keramik den „Forschungspreis Vollkeramik“, der alljährlich vergeben wird. Damit wurden Wissenschaftler, Zahnärzte, Doktoranden, Habilitanten, Laborleiter, aber auch interdisziplinär zusammen arbeitende Teams eingeladen, mit ihren Arbeiten den Fortschritt in der Zahnmedizin abzubilden.

Plattform für die Auszeichnung der Forschungspreisträger und für die Verbreitung neuester wissenschaftlicher und klinischer Erkenntnisse wurde das Keramik-Symposium der AG Keramik, das alljährlich stattfindet – meist in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Fachgesellschaften wie der Deutschen Gesellschaft für computergestützte Zahnheilkunde (DGCZ), Deutsche Gesellschaft für Implantologie (DGI), Deutsche Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ), Deutsche Gesellschaft für zahnärztliche Prothetik (DGPro) (früher DGZPW) – damit die Teilnehmer eine ergiebige Informationsquelle mit verschiedenen Disziplinen nutzen können.

Know-how geht um die Welt  

Die enge Vernetzung von Wissenschaft, Forschung, Klinik, Praxis und Labor sowie die fruchtbare Zusammenarbeit mit kompetenten Fachleuten aus den unterschiedlichsten Sachgebieten führte dazu, das „geballte Wissen“ um die vollkeramische Restauration in einem Handbuch festzuhalten. Daraus entstand der Leitfaden „Vollkeramik auf einen Blick“, ein Vademecum zur Indikation, Werkstoffauswahl und klinischen Durchführung von vollkeramischen Restaurationen. Erstmalig 2006 von den Autoren Kunzelmann, Kern, Pospiech, Mehl, Frankenberger, Reiss, Wiedhahn erarbeitet, ist inzwischen die vierte deutsche Auflage (2010) erschienen.

Im Jahr 2007 kam das Werk als englische Ausgabe unter Einbeziehung der Co-Autoren Raigrodski und Strassler von den US-Universitäten Seattle und Baltimore auf den Markt, 2008 folgte die französische Ausgabe mit der Autorisierung von Prof. Archien, Universität Nancy. Die Nachfrage nach diesem universellen Ratgeber in Asien führte zur Bereitstellung einer japanischen Ausgabe (2008) unter der Federführung von Prof. Yamazaki, Tokyo. Das Werk ist aufgrund der kompakten und aktuellen Informationen zu einem der weltweit erfolgreichsten Buchneuerscheinungen der vergangenen Jahre geworden.

Der von den Medien geschätzte, neutrale Informationsstil zur vollkeramischen Restauration durch die Repräsentanten und wissenschaftlichen Beiräte der AG Keramik führte dazu, dass Fach- und Publikumsmedien immer wieder auf die Kompetenz der AG Keramik zurückgreifen und Beiträge für die zahnärztliche Standespresse und für Publikumsartikel anfordern. So hatte die ZDF-Sendeanstalt für ein viel beachtetes Gesundheitsformat die AG Keramik und die verbundenen Wissenschaftler zur Mitarbeit einbezogen.

Der Anteil der Vollkeramik an konservierenden und prothetischen Behandlungen ist in den vergangenen zehn Jahren steil angestiegen. So liegt nach Erhebungen der AG Keramik im Jahr 2009 der Anteil von Keramikwerkstoffen in der Versorgung mit Onlays und Teilkronen bei etwa 40 Prozent, in der Kronentechnik bei 30 Prozent, und bei Brücken bei 25 Prozent. Hinter dieser Entwicklung verbirgt sich nicht nur der Wunsch des Patienten nach metallfreier Restauration mit biologisch herausragenden Eigenschaften und nach einem ästhetischen Zahnbild, sondern auch das Vertrauen der Zahnärzteschaft in die Zuverlässigkeit der vollkeramischen Therapielösung und in die Dauerhaftigkeit der Keramikwerkstoffe. Viele Langzeitstudien zeigen, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit von vollkeramischen Restaurationen den „Goldstandard“ erreicht hat, der in der Literatur bisher metallgestützten Rekonstruktionen zugeschrieben wurde. Mehr Informationen zum 10. Keramik-Symposium gibt es im Internet auf der Homepage
www.ag-keramik.eu.

Manfred Kern, Schriftführung der Arbeitsgemeinschaft für Keramik in der
Zahnheilkunde e.V., Ettlingen   

(Artikel gekürzt)

Den vollständigen Artikel mit weiteren Abbildungen lesen Sie in der DZW 34/10 auf Seite 10.

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