Erste Hilfe für Zahnmedizin-Studenten
Die Medizinische Fakultät der Universität zu Köln verbessert zahnmedizinische Ausbildung *
Der junge Mann liegt bewusstlos in seinem Stuhl. Theresia Schmidt erfasst sofort die Situation, als sie den Raum betritt: Vorsichtig schiebt sie ihn auf der Sitzfläche nach vorne, hebt ihn mit dem Rautek-Griff beherzt aus dem Stuhl und bringt ihn auf dem Boden in die stabile Seitenlage. Dann alarmiert sie den Notarzt. Zufrieden öffnet Dozent Daniel Weber die Augen – die Studentin hat alles richtig gemacht.
Schmidt ist eine von 32 Zahnmedizin-Studierenden im ersten Semester an der Uni Köln, die in einem zweiwöchigen Erste-Hilfe-Kursus im Kölner Interprofessionellen Skills Lab und Simulationszentrum (KISS) Notfallsituationen für ihren späteren Beruf trainieren. „Man merkt schon, wie viel man seit dem Führerschein wieder vergessen hat oder wo man noch unsicher ist“, sagt die 26-Jährige.
Da frühestens im Jahr 2016 eine neue Approbationsordnung für das Studium der Zahnmedizin (ZAppO) eingeführt werden soll, hat sich die Medizinische Fakultät der Uni Köln wie auch andere zahnmedizinische Ausbildungsstätten der Herausforderung gestellt und reorganisiert derzeit die vorklinische und konsekutiv auch die klinische Ausbildung zum Zahnarzt nach den Kriterien der Europäischen Vereinigung für die Zahnärztliche Ausbildung (ADEE) und greift mit diesem Leitbild der für 2016 geplanten ZAppO vor. Denn die geltende Approbationsordnung aus dem Jahr 1955 stufte der Wissenschaftsrat bereits 2005 als stark veraltet ein und empfahl eine „grundlegende Neuausrichtung“. Die derzeitige Approbationsordnung trage „weder der fachlichen Weiterentwicklung noch den Anforderungen an eine moderne und interdisziplinär ausgerichtete Lehre Rechnung“.
Die neue ZAppO soll 2016 diese eher technisch ausgerichtete Approbationsordnung ablösen und die Zahnmedizin der Humanmedizin annähern, sodass mehr medizinische Aspekte in das Studium einfließen und den veränderten Patientenansprüchen gerecht werden.
„Bei der Modernisierung des Studiums orientieren wir uns an den Kriterien der Europäischen Vereinigung für die Zahnärztliche Ausbildung. Diese beinhaltet etwa die Vermittlung von Notfallkompetenzen, aber auch kommunikativ-sozialer Kompetenzen wie Teamarbeit“, erläuterte Dr. Christoph Stosch, Referent am Studiendekanat der Medizinischen Fakultät und Leiter des Skills Lab, in einem Gespräch mit der DZW in Köln.
Von der ADEE werden die Kompetenzbereiche Professionalität, kommunikative und soziale Kompetenzen, Basiswissen, Informationsmanagement, kritisches Denken, Klinische Befunderhebung, Diagnostik und Behandlungsplanung, Behandlung zur Herstellung und zum Erhalt oraler Gesundheit sowie Prävention und Public Health beschrieben.
Unter dem Punkt „Behandlung zur Herstellung und zum Erhalt oraler Gesundheit“ ist die „Notfallkompetenz“ aufgeführt. Aus vielen Studien in der Humanmedizin ist bekannt, dass notfallmedizinische Handlungskompetenz nicht durch einen einmaligen Kursus – wie in der ZAppO vorgesehen – erreicht werden kann. Die Medizinische Fakultät beginnt deshalb bereits in der vorklinischen Ausbildung damit, diese Kompetenz auf einem basalen Level zu trainieren. Im Erste-Hilfe-Kursus (Level Basic Life Support, BLS) im ersten Semester lernen die Studierenden die Herz-Lungen-Wiederbelebung, Lagerungsmaßnahmen im Notfall und andere Basiskompetenzen. Diese werden in einem Kursus im fünften Semester wiederholt, vertieft und um die Nutzung des automatisierten externen Defibrillators (AED), das Legen eines venösen Zugangs (Viggo) und um das Airway-Management ergänzt.
Die so vorbereiteten Zahnmedizin-Studenten werden dann im „Notfallkurs“ im siebten Studiensemester mit Szenarientrainings (Advanced Life Support, ALS) konfrontiert. Das Absolventenniveau für die Behandlung von Notfällen wird so deutlich gesteigert – dies belegen die Ergebnisse aus der Humanmedizin. Die Kölner Studierenden profitieren mit ihrem Erste-Hilfe-Kursus somit direkt von den Neuerungen im Zahnmedizinstudium.
Ein weiteres Beispiel für die langfristigen Änderungen im Curriculum der Zahnmedizin sind die „kommunikativen und sozialen Kompetenzen“. Gefördert durch Studienbeiträge hat die Medizinische Fakultät für zwei Jahre zusätzliches Personal eingestellt, um die Vermittlung dieser Kompetenzen im Projekt „Longitudinalcurriculum soziale und kommunikative Kompetenzen für Zahnmediziner“ (LSK Dent) zu erfassen, zu systematisieren und, wo nötig, zu ergänzen.
Aufbauend auf die im neugestalteten TPK-Kursus vermittelten grundlegenden Wissensinhalte zur Kommunikation wird im Phantomkurs II das Gesprächstraining durch Übungen konkretisiert. Die Studierenden erleben dort in Partnerübungen die Vorteile professioneller Kommunikationstechniken wie aktives Zuhören, Paraphrasieren und Feedback und üben sie mit ihren Mitstudierenden ein, bevor sie im klinischen Studienabschnitt erstmals mit Patienten in Berührung kommen. In den kommenden Semestern soll dieses Angebot auch für die klinischen Semester ausgebaut und verstetigt werden.
Diese Art des Unterrichts, die in den klinischen Semestern neben anderem auch Schauspielerpatienten nutzen wird, ist nicht ressourcenneutral umzusetzen. Stosch: „Dank der Studienbeiträge können wir die Angebote bisher finanzieren. Wie es nach dem Wegfall der Studienbeiträge ab dem Wintersemester 2011/2012 weitergeht, ist aber offen.“
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