Quo vadis, Navigation? – Marketing-Gag oder Master-Tool für erfahrene Implantologen?
Claus Pukropp über die Ergebnisse einer Studie zur Nutzung der navigierten Implantologie – größte Vorteile in den Händen erfahrener Behandler –
Eines der am stärksten marketinggetriebenen Behandlungskonzepte im implantologischen Umfeld ist die navigierte Implantologie. Folgt man den Medien, ist eine sichere und vor allem korrekte Implantation von dentalen Implantaten ohne digitale Planung und zumindest schablonengeführte Umsetzung eigentlich gar nicht mehr möglich. Die bis vor wenigen Jahren praktizierte Fokussierung der Firmen auf den implantologischen Einsteiger – mit dem Versprechen werbend, dass man mit der navigierten Implantologie quasi Auto fahren könne, ohne einen Führerschein machen zu müssen – hat aufgrund der Vielzahl an nachvollziehbaren Fehlschlägen zu einer ungerechtfertigten Abwertung des grundsätzlichen Verfahrens geführt.
Die ganz persönlichen Erfahrungen des Autors mit glühenden Befürwortern der navigierten Implantologie und andererseits Implantologen, die ein derartiges Konzept als überflüssig ablehnen, lassen den Schluss zu, dass eine Vielzahl von Missverständnissen und ohne detaillierte Kenntnis der Materie getroffenen Annahmen zu einem völlig falschen Bild in der Öffentlichkeit geführt haben. Mithilfe einer qualitativen Analyse derjenigen Anwendergruppe, welche die navigierte Implantologie in ihrer täglichen Praxis integriert hat, sollte daher Klarheit über das tatsächliche Profil und die fachliche Qualifikation der Anwender erlangt werden.
Aus technischer Sicht leidet der Ruf der Systeme zur (offline) navigierten Implantologie unter mehreren Gesichtspunkten. Das Erlernen und Anwenden der digitalen Planung erfordert eine zeitlich nicht zu unterschätzende Lernkurve, und die instrumentelle Umsetzung ist je nach System mit Kompromissen behaftet. Die Art der möglichen Bohrschablonen (schleimhaut-, zahn- und knochengetragen), die Frage, ob das System einen Tiefenstopp bietet und ob die Bauhöhe (Stichwort Prolongierung und Stack-Up) der Komponenten eine Implantation von Implantatlängen über zehn Millimetern im Seitenzahn überhaupt ermöglicht, sorgen für eine polarisierende Diskussion in der Fachwelt.
Material und Methode: Per Internetrecherche wurden 189 Anwender identifiziert, die in ihrer Praxis die navigierte Implantologie durchführen. Identifikationsmarker waren Schlagwörter wie Guided Surgery, 3-D, Navigation, diverse Marken- und Produktbezeichnungen von Planungssoftware-Systemen sowie die Bewerbung von Diagnostik mit Computertomografie (CT) oder Digitaler Volumentomografie (DVT). Die beschriebenen Merkmale als Information auf der Homepage, Praxisflyern oder zum Beispiel in publizierten Artikeln erlauben eine erste qualitative Selektion der Zielgruppe. Einem Anwender, der die instrumentelle Ausstattung zur Anwendung der navigierten Implantologie besitzt, also ein derartiges System käuflich erworben hat, dieses aber nicht in seinen Patientenkommunikationsmedien darstellt, darf unterstellt werden, dass das Verfahren von ihm in der Regel nicht sonderlich aktiv angewendet wird.
Durch das Auswahlverfahren wurde sichergestellt, dass das zu befragende Kollektiv in einem hohen Prozentsatz die navigierte Implantologie auch tatsächlich praktiziert und das Ergebnis nicht durch 100-prozentige Nichtanwender verfälscht wird. Der reine Besitz eines Systems zur navigierten Implantologie war nicht ausschlaggebend, um zur Zielgruppe zu gehören, sondern die aktive Anwendung der Systeme in der täglichen Praxis.
Im Zufallsprinzip wurden n=16 Anwender ausgewählt, um an einem persönlich geführten Interview teilzunehmen. Mehrfachnennungen zu bestimmten Fragen waren ausdrücklich erwünscht, um eine möglichst breit gefächerte und detaillierte Darstellung der Situation erhalten zu können.
Ergebnisse: Zunächst überraschte die Tatsache, dass gut zwei Drittel der befragten Personen angeben, schon zwischen 20 und 30 Jahren implantologisch tätig zu sein. Bemerkenswert erscheint, dass 25 Prozent der Anwender seit den 1980er Jahren ihre Patienten mit Implantaten versorgen.
Dieses Ergebnis steht im krassen Gegensatz zu der häufig zu hörenden Aussage (daher doch eher ein Vorurteil?), dass Computertechnik, Software und die 3-D-Planung eher etwas für die jüngere Anwendergeneration sind. Vor dem Hintergrund der langen Erfahrung, die diese Gruppe in der dentalen Implantologie aufweisen konnte, zeigte sich, dass die Planung von Implantaten mittels CT-/DVT-Aufnahme und geeigneter Software sowie die Verwendung daraus resultierender Bohrhilfsschablonen vor 10 bis 20 (!) Jahren begonnen wurde.
Nur ein geringer Teil der Gruppe verwendet diese Technologie ausschließlich zur Planung und verzichtet bei der chirurgischen Intervention vollständig auf Schablonen beziehungweise Führungshilfen. Alle befragten Zahnärzte verwenden zwei bis fünf unterschiedliche Implantatsysteme in ihrer Praxis, wobei nicht alle genannten Implantattypen kompatibel zu den erhältlichen schablonengeführten Systemen sind.
Es ist davon auszugehen, dass je nach Indikationsstellung und Art der Versorgung die Systeme nach Bedarf gewählt werden. Ebenso kann unterstellt werden, dass bestimmte Implantatsysteme erst durch die Möglichkeit der schablonengeführten Implantation in die Praxis aufgenommen wurden. Die von den Anwendern verwendeten Implantatsysteme zeigen eine Korrelation zu den Firmen, die frühzeitig das Thema „Navigation“ unterstützt haben oder Systeme mit reproduzierbaren Anwendungsvorteilen anbieten.
Claus Pukropp, Karlsruhe
(Artikel gekürzt)
Den vollständigen Artikel mit den entsprechenden Abbildungen lesen Sie in der DZW 8/10 auf der Seite 12.
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