
Moderne Konzepte zur parodontalen Infektionskontrolle
Kein Unterschied zwischen „Full-Mouth“-Behandlungskonzept und quadrantenweisem SRP –Parodontologie-Expertin Dr. Pia-Merete Jervøe-Storm hat sich habilitiert –
Nach langer Zeit gibt es wieder eine Privatdozentin am Bonner Zentrum für ZMK. „Subgingivale Mikroorganismen – Ein Leben in Geborgenheit?“ – so lautete das Thema der Antrittsvorlesung von Privat-Dozentin Dr. Pia-Merete Jervøe-Storm am 30. Juni 2010 am Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ZZMK) der Universität Bonn. Dieser und anderen vor allem klinisch orientierten Fragestellungen und Aspekten aus den Bereichen Parodontologie und orale Mikrobiologie widmet sich die Zahnärztin seit Beginn ihrer akademischen Laufbahn.
Nach Studium und mehrjähriger parodontologischer Tätigkeit in Kopenhagen ist die Dänin seit 1989 an der Universität Bonn tätig. Seit 1997 ist sie Oberärztin der Poliklinik für Parodontologie, Zahnerhaltung und Präventive Zahnheilkunde, die seit ca. acht Jahren von Prof. Dr. Dr. Søren Jepsen geleitet wird.
Antrittsvorlesung ein Plädoyer für klinische Forschung
Die Parodontologie-Expertin nutzte ihre mit viel Beifall bedachte Antrittsvorlesung und ihre Dankesworte im voll besetzten großen Hörsaal der Bonner Zahnklinik, um zu betonen, wie wichtig klinische Studien und klare Botschaften für die Praxis sind. „Parodontitiden sind weit verbreitete, multifaktorielle Erkrankungen: Alleine in der Gruppe der 35- bis 44-Jährigen leiden über 50 Prozent unter einer mittelschweren (Sondierungstiefen vier bis fünf Millimeter) und über 20 Prozent sogar an einer schweren Form der Parodontitis (Sondierungstiefen mehr als sechs Millimeter). Diese erschreckenden Ergebnisse der Vierten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS IV) aus dem Jahr 2006 demonstrieren, wie relevant parodontologische Fragestellungen und Behandlungskonzepte für die Praxis sind.“ Sie ergänzte kritisch: „Auch Implantate können von parodontopathogenen Bakterien befallen werden!“ So erfordere die Bekämpfung von Parodontitis erhöhte Anstrengungen vonseiten der Zahnärzte in Praxis und Hochschule wie vonseiten der Patienten selbst, und darüber hinaus praxisorientierte Diagnostik-Verfahren sowie Behandlungskonzepte.
Anlässlich ihrer Antrittsvorlesung „in Vollziehung ihrer Habilitation in der Medizinischen Fakultät“ – so formuliert es das Dekanat formal – rief Jervøe-Storm dem Auditorium auch Grundlagen der Parodontologie in Erinnerung: „Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass sogenannte Schlüssel-Bakterien, die eng mit der Ausbildung einer progressiven Parodontitis assoziiert sind, die Mikroorganismen Porphyromonas gingivalis (Pg), Tannerella forsythia (Tf), Treponema denticola (Td), Aggregatibacter actinomycetemcomitans (Aa) sowie Prevotella intermedia (Pi) sind. Sind denn die Gesunden frei von diesen Mikroorganismen? Nein“, betont die Parodontologin und stellt dar, dass es sie auch bei Gesunden geben kann. „Signifikant sind aber die Unterschiede in der Menge.“
Parodontopathogene Mikroorganismen auch nach „Komplett-Zahnextraktion“
Ist die Zahnextraktion aller parodontal erkrankten natürlichen Zähne die Lösung für eine „Keimfreiheit“? Auch hier folgte ein deutliches und vielleicht überraschendes „Nein“. Denn eine kürzlich publizierte Untersuchung der Universität Leuven hat gezeigt, dass selbst ein Jahr nach diesem radikalen „Behandlungskonzept“ Bakterien zu finden sind (van Assche et al. 2009). Jervøe-Storm kam daher zu dem Schluss: „Die Mikroorganismen lassen sich nur reduzieren, nicht eliminieren. So bleibt unser Ziel, mithilfe der Instrumentierung und einer antiinfektiösen PAR-Therapie das ökologische Gleichgewicht wieder herzustellen.“ Der orale Biofilm – also die organisierte mikrobielle Ansammlung auf einer feuchten Oberfläche (Socransky & Haffajee 2002) – soll mechanisch zerstört werden.
„Das muss regelmäßig und unter Umständen engmaschig im Rhythmus von etwa drei Monaten erfolgen. Denn Patienten mit einer klinischen Manifestation einer Parodontalerkrankung brauchen eine lebenslange Betreuung, um ein Rezidiv zu verhindern und eine Stabilisierung der bereits erzielten Behandlungsergebnisse zu sichern“, fasste Jervøe-Storm zusammen. Führt vor diesem Hintergrund ein Full-Mouth-Behandlungskonzept, das die Behandlung aller infizierten Parodontien innerhalb von 24 Stunden vorsieht, zu größeren klinischen und mikrobiologischen Verbesserungen? Die Vermutung ist nicht abwegig, schließlich erstreckt sich die quadrantenweise Therapie mit Scaling und Wurzelglättung (SRP) über Wochen.
Full-Mouth-Konzept vs. quadrantenweises SRP
Diesem Konzept liegt die Hypothese zugrunde, dass Bakterien aus unbehandelten parodontalen Taschen zu einer Reinfektion bereits behandelter Parodontien führen und das angestrebte Behandlungsergebnis bei Patienten mit generalisierter chronischer Parodontitis verschlechtern könne. Jervøe-Storm und Kollegen sind dieser Fragestellung in einer klinischen und mikrobiologischen Studie nachgegangen und haben beide Behandlungskonzepte gegenübergestellt, klinische Parameter erhoben und eine mikrobiologische Analyse mithilfe der Real-Time PCR durchgeführt (Jervøe-Storm et al. 2006, 2007).
Ihr Ergebnis: Die Anzahl der parodontalpathogenen Mikroorganismen konnte in beiden Gruppen signifikant reduziert werden, und beide Behandlungsansätze führten zu einer Verbesserung der klinischen und mikrobiologischen Parameter. „Aber schon ab dem siebten Tag gibt es keine signifikanten Gruppenunterschiede, und die Ergebnisse waren vergleichbar“, merkte Jervøe-Storm an und ergänzte als therapeutische Konsequenz: „Mit beiden Therapiemodalitäten ist die Gesamt-Bakterienzahl zu reduzieren. Es gibt keinen Unterschied zwischen ,Full-Mouth‘-Behandlungskonzept und einem etappenweisen Vorgehen mit SRP. Aber die Ergebnisse zeigen, wie relevant solche Studien für den Zahnarzt in der Praxis sind, um konkrete Handlungsoptionen aufzuzeigen.“
Dr. med. dent. Aneta Pecanov-Schröder, Bonn
Das Literaturverzeichnis kann hier angefordert werden.
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