09. August 2011 |  Aus Wissenschaft und Praxis

Knochenarbeit in der Forschung

Menschliche Knochen sind Regenerationswunder. Nach einem Bruch wachsen sie ohne Narbenbildung wieder zusammen. Überschreitet der Knochendefekt allerdings eine kritische Größe, ist die moderne Medizin gefordert. „In der Regel wird heute ein Implantat eingesetzt, das die Knochenenden verbindet und dadurch das knochenbildende System stimuliert“, weiß Prof. Helmut Schubert vom Institut für Werkstoffwissenschaften und Technologien der TU Berlin. „Häufig wird dazu speziell gereinigter Rinderknochen benutzt.“

Aus Wasser, Öl, Gelatine und Hydroxylapatit entsteht im Labor ein Ersatzstoff für Knochen. Besiedelung der abbaubaren Knochenersatzstrukturen. Foto: TU Berlin, Pressestelle/Dahl

Doch jedes noch so gute Implantat hat einen entscheidenden Nachteil: Es verhält sich im Körper immer anders als der menschliche Knochen. „Die Steifheit des Materials ist anders und damit auch die Regeneration des beschädigten Knochens“, so Schubert. In vielen Fällen muss es nach der Heilung wieder entfernt werden. „Unser Ziel ist ein bioaktives Implantat, das dem körpereigenen Knochen möglichst ähnlich ist. Zusätzlich soll es im gleichen Tempo abgebaut werden, in dem neues, körpereigenes Knochengewebe entsteht.“

„Knochen bestehen im Wesentlichen aus Kollagen, Hydroxylapatit und Wasser. Zusammen formen diese Substanzen die mineralisierten Kollagenfibrillen und das Mineral um die Kollagenfibrillen, aus denen Knochen hauptsächlich aufgebaut sind“, erklärt Rosali Möllmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin von Schubert. Kommt es zu einem Bruch, wird eine sogenannte Entzündungskaskade ausgelöst. Bei einer Fraktur zerreißen immer auch Gefäße, sodass eine Blutung entsteht. Dieses Frakturhämatom und die Gewebetrümmer lösen eine Entzündungsreaktion aus, die die erste Phase der Heilung einleitet. Spezifische Botenstoffe locken weitere Zellen, darunter auch Stammzellen, in diesen Bereich. Bereits acht Stunden nach der Fraktur ist die Zellteilungsrate im ortständigen Knochen deutlich erhöht. Sind die Bruchenden zu weit voneinander entfernt oder gegeneinander beweglich, unterbleibt die Stimulierung des knochenbildenden Systems. In diesen Fällen setzen die Mediziner in die Lücke zwischen den Bruchenden ein Implantat ein, das dann die Entzündungskaskade stimuliert: Osteoblasten, Zellen aus der inneren Knochenhaut, die für die Neubildung von Knochen zuständig sind, besiedeln den Knochenersatz.

„Wir arbeiten an einem Material, das in seiner Festigkeit und Chemie der Knochentextur ähnelt und ein Porennetzwerk hat, damit Zellen und Blutgefäße in das Implantat einwandern können. Die jeweilige Porengröße muss dafür eine kritische Größe von 0,2 Millimetern überschreiten. Die verwendeten Materialien dürfen nicht toxisch und das Material muss vom Körper abbaubar sein“, nennt Möllmann nur einige der wichtigsten Anforderungen an den neuen Werkstoff.

Untersuchung der Gefügestrukturen mittels Rasterelektronenmikroskopie (REM), Almuth Berthold setzt eine Probe ins REM. Foto: TU Berlin, Pressestelle/Dahl

Die Arbeitsgruppe experimentiert dazu mit einer Emulsion aus Substanzen, die auch im menschlichen Knochen vorkommen: Wasser, Öl, Hydroxylapatit und Gelatine als vorläufiger Ersatz für Kollagen. Diese Substanzen werden zu einer flüssigen Mischung verrührt, einer Emulsion. Öltropfen sind gleichmäßig fein in der wässrigen Lösung verteilt. Emulgatoren, Substanzen, die zwei nicht miteinander mischbare Flüssigkeiten in einer stabilen Mischung halten, unterstützen diese Öl-in-Wasser-Emulsion. „Der eingesetzte Emulgator und die Rührgeschwindigkeit haben unmittelbaren Einfluss auf die Öl-Tropfengröße und -verteilung. Die Größe der einzelnen Öltropfen bestimmt wiederum die spätere Porengröße des Implantats“, so Almuth Berthold, wissenschaftliche Mitarbeiterin. Die Emulsion kann in beliebige Formen gegossen werden. Nach dem Erkalten wird sie gefriergetrocknet, respektive entwässert, sowie der Ölanteil entfernt. Übrig bleibt ein poröser Feststoff aus Hydroxylapatit und Protein, der von einem Porensystem durchzogen ist.

„Das Besondere an diesem Implantat ist die flexible Herstellung: Durch Veränderungen des Ölanteils oder der Rührintensität können wir Anzahl und Größe der Poren regulieren. Die Festigkeit lässt sich über die Menge an Hydroxylapatit bestimmen“, so Berthold. Im Idealfall ließe sich so ein vollständig individualisierbares Implantat herstellen.

Katharina Jung

Eigenen Kommentar hinzufügen

* - obligatorisches Feld

*




*

Kommentare

Jonas, 09.08.11 11:57:
Es ist unglaublich, was die heutige Medizin schon alles kann. Es wäre schön, wenn solche Implantate entstehen könnten. Das ist allerdings, so glaube ich, nur die Frage der Zeit.
Übermittlung Ihrer Stimme...
Bewertungen: 1.0 von 5. 1 Stimme(n).
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.
Drucken / als PDF ausdrucken
DZW im Abo

DZW im Abo

Jede Woche: Die
Zahnarztwoche im
Abonnement

DZW TV

DZW TV

Informationen aus
der Gesundheits- und
Berufspolitik, Neues
aus der Zahnmedizin,
Hinweise auf
interessante
Veranstaltungen,
Interviews u.v.m.

Kommende Veranstaltungen

Abrechnung Frühjahrs-Seminar 2012: GOZ 2012 – Annehmen – Umsetzen – Durchsetzen 21.05 Bremen
Abrechnung Frühjahrs-Seminar 2012: GOZ 2012 – Annehmen – Umsetzen – Durchsetzen 22.05 Bad Zwischenahn
Abrechnung Frühjahrs-Seminar 2012: GOZ 2012 – Annehmen – Umsetzen – Durchsetzen 22.05 Neuss
alle Termine öffnen

Amalgam ist nicht unumstritten: Es gibt viele Befürworter, aber ebenso auch viele, die Amlagam ablehnen. Wie halten Sie es in Ihre Praxis?

Ich lehne es aus gesundheitlichen Gründen ab. Ich lehne es aus ästhetischen Gründen ab. Ich verwende es nur auf ausdrücklichen Patientenwunsch. Für mich ist Amalgam bislang ohne Alternative
Hier gelangen Sie zum Umfragearchiv.