
Seniorenzahnmedizin ist mehr als nur Ersatzzähne im Kunststoffblock für alte Menschen
Die demografische Entwicklung macht auch vor Deutschland keinen Halt, und viele Bereiche des täglichen Lebens haben sich bereits auf die alternde Gesellschaft eingerichtet. In den nächsten Jahrzehnten wird der Anteil der über 65-Jährigen stark ansteigen, verursacht durch eine niedrige Geburtenrate und den Anstieg der Lebenserwartung.
Die zahnärztliche Behandlung älterer Patienten wandelt sich mit zunehmender Gebrechlichkeit der Patienten in eine zahnmedizinische Betreuung, die die Zahnärzte und deren Teams vor neue Herausforderungen stellt. Unter Einbeziehung der Multimorbidität und der Multimedikation müssen Therapieentscheidungen getroffen werden, die der wahrscheinlichen Verschlechterung der chronischen Krankheit Rechnung tragen. Die zahnmedizinische Versorgung der ambulant und stationär Pflegebedürftigen wird in keinem europäischen Land zurzeit strukturiert vorgehalten, auch in Deutschland ist die Unterversorgung in diesem Bereich bekannt.
Die Seniorenzahnmedizin wird nur von einem Teil der Kolleginnen und Kollegen als ein spezielles Fachgebiet wahrgenommen. Viele Zahnärzte meinen, dass sie ältere Patienten immer schon in der Praxis behandelt haben. Dabei übersehen einige Zahnärzte, dass sie nur die älteren Patienten betreut haben, die die Praxen aufsuchen konnten. Ein Hausbesuch erfolgte meist nur bei langjährigen Patienten. Einer strukturierten Konsiltätigkeit in einer Pflegeeinrichtung sind in der Vergangenheit nur wenige Zahnärzte nachgegangen.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der zahnmedizinischen Betreuung der Senioren verstärkt sich zunehmend. Im Vordergrund stehen meist interdisziplinäre Fragestellungen, die sich aufgrund der Multimorbidität der älteren Bevölkerung ergeben, zum Beispiel zahnmedizinische Versorgung von Demenzerkrankten.
Viele der älteren Patienten fordern von den Zahnärzten ein hohes Wissen über geriatrische Erkrankungen, sie müssen sich zudem mit Multimorbidität und der Polypharmazie ihrer Patienten auseinandersetzen. Von der zahnmedizinischen Versorgung wird erwartet, dass der Patient nicht nur in seiner fitten Lebensphase gut versorgt wird, sondern auch dann, wenn er hilfs- und/oder pflegebedürftig ist. Deshalb sollten Zahnmediziner, die diese Patienten in ihrer Praxis willkommen heißen wollen, spezifische Kenntnisse auf dem Gebiet der Seniorenzahnmedizin erwerben.
Neben dem Wissen in der Geriatrie sind Kenntnisse aus der Pflege-, Ernährungs- und Gesundheitswissenschaft sowie der Versorgungsforschung zu erwerben. Konsiltätigkeit setzt Kenntnisse über Pflegestufen und zur Pflegesituation älterer Menschen voraus. Juristische und ethische Fragen sind im Umgang mit älteren Patienten zu berücksichtigen. Die Therapieentscheidung an sich und das Gewinnen älterer Patienten für eine partizipative Therapieentscheidung, insbesondere auch unter Einbeziehung von Dritten wie Angehörige, Pflegekräfte oder gerichtlich bestellte Betreuer, sind zu erlernen.
Spezialisiert fortgebildete Gerostomatologen wissen, wie sich die Altersstruktur in ihrer Praxis gestaltet. Sie wissen auch, dass es viele Gründe geben kann, warum ein regelmäßiger Kontrolltermin nicht wahrgenommen wird. Krankenhausaufenthalte, Tod von Ehepartner oder Kindern, zunehmende Gebrechlichkeit oder auch der Umzug in ein Altersheim können Gründe sein, den eigenen Zahnarztbesuch aus den Augen zu verlieren. Hier ist das zahnärztliche Team dann besonders gefragt, Strukturen innerhalb der Praxis zu schaffen, diese Patienten trotzdem anzusprechen und sie wieder für die zahnmedizinische Betreuung zu interessieren.
Nach der derzeit gültigen Approbationsordnung von 1955 besteht keine Verpflichtung der Hochschulen, das Fach Seniorenzahnmedizin zu lehren. Dennoch unterrichten zwölf von 30 Universitäten das Fach teilweise theoretisch, teilweise praktisch sowie auch einige praktisch und theoretisch. Somit bekommen nicht alle Studierenden der Zahnmedizin ein geriatrisches Wissen im Studium vermittelt.
Die Deutsche Gesellschaft für AlterszahnMedizin e.V. (www.dgaz. org) hat sich 1990 als Arbeitskreis für Gerostomatologie e.V. gegründet und hält jedes Jahr für ihre Mitglieder (ohne Teilnehmergebühr) und Interessierte eine Jahrestagung ab. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. Dirk Bleiel wird derzeit die 22. Jahrestagung am 24. März 2012 in Mainz zum Thema „Fit und dann gebrechlich“ vorbereitet. Bekannte Referenten wie Prof. Hardt, Prof. Hülsmann, Prof. Sculean und Prof. Wagner haben zugesagt, den Entscheidungsprozess am Übergang zwischen diesen beiden Lebensphasen zu bearbeiten.
Im Rahmen dieser Tagung wird auch das „Dentsply eXtra Care Stipendium – Mundmedizin im Alter“ vergeben. 2007 wurde dieses Stipendium dank der Zusammenarbeit der Deutschen Gesellschaft für AlterszahnMedizin e. V. (DGAZ) mit der Dentsply DeTrey GmbH (Konstanz) erstmalig verliehen. Mit diesem Stipendium werden wissenschaftliche Arbeiten, Initiativen und Projekte auf dem Gebiet der Seniorenzahnmedizin ausgezeichnet. Die Förderung umfasst die kostenfreie Teilnahme an einem von der Deutschen Gesellschaft für Alterszahnmedizin e.V. (DGAZ) unterstützen Curriculum zur AlterszahnMedizin. Abgabetermin für die Bewerbungsunterlagen ist der 15. Februar 2012.
Dass Dentsply und die DGAZ mit dieser Förderung am Puls der Zeit sind, zeigen auch die jüngsten politischen Entwicklungen. Bei der Anhörung zum neuen Gesetz zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen am 29. Juni 2011 wurde explizit auf den zahnmedizinischen Bedarf für die Pflegebedürftigen und die Menschen mit Behinderungen von Seiten der Zahnärzteschaft hingewiesen. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Wolfgang Eßer, bezeichnete das vonseiten der Bundeszahnärztekammer, der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, dem Bund der Oralchirurgen und der Deutschen Gesellschaft für AlterszahnMedizin gemeinsam erarbeitete „A- und B-Konzept“ (Alters- und Behinderten-Zahnmedizin) als einen wichtigen fehlenden Baustein zur Versorgung der Bevölkerung. Über ein Änderungsverfahren werde nun angestrebt, auf das laufende Gesetzgebungsverfahren noch Einfluss zu nehmen.
Mit konzertierten Aktionen seitens des Gesetzgebers und der Ausbildung des Berufsstands kann die zahnmedizinische Versorgung von Senioren erfolgreich gestaltet werden: Es wäre begrüßenswert, wenn sich die Zahnärzteschaft dieser wichtigen Aufgabe intensiv widmen würde.
Prof. Dr. Ina Nitschke, MPH, Leipzig
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