Chance Praxis - Das Fachmagazin für Praxisgründer

18. Oktober 2011 |  Aus Wissenschaft und Praxis

Nur jede vierte Prothese bei Pflegebedürftigen frei von riskantem Zahnstein

Nur jede vierte Vollprothese war frei von Zahnstein, der aufgrund seiner rauen Struktur zu Schäden am Mundgewebe und entsprechend zu schmerzenden Wunden führen kann sowie als ideale Grundlage dient für die Anhaftung weiterer mundschädlicher Bakterien. Das ist die Bilanz eines Modellprojekts in Berlin zur Prothesenhygiene in Alten- und Pflegeheimen, die Ende September 2011 vorgestellt wurde.

Teamwork mit Herz und Kompetenz im Einsatz für mehr Mundgesundheit bei Pflegebedürftigen (v. l.): Pflegedienstleiterin Ina Künzel-Langklotz und Heimleiterin Karin Berents-Heumann (dritte v. l.), Projekt-Zahnärztin Petra Göllnitz, ZTM Thomas Lüttke, ZMF Cordula Tilgner, Dr. Michael Dreyer, Prof. Dr. Ina Nitschke und Dr. Helmut Kesler - Foto: Dohlus

Im Juni 2011 haben die Zahnärztekammer Berlin, die Zahntechniker-Innung Berlin-Brandenburg und die Deutsche Gesellschaft für AlterszahnMedizin e.V das Modell-Projekt „Saubere Dritte in der Pflege“ ins Leben gerufen, um auf die Notwendigkeit einer guten zahnmedizinische Versorgung der Pflegebedürftigen aufmerksam zu machen. Dass diese Aufgabe weit mehr als bisher ins Blickfeld von Gesundheits- und Sozialpolitik sowie der Gesellschaft gehört, zeigt die Bilanz der zurückliegenden Monate, in denen Kooperations-Teams aus Zahnärzten und Zahntechnikern – unterstützt seitens der Heimleitung – rund 300 Vollprothesen von Pflegebedürftigen ehrenamtlich auf Hygienemängel geprüft und anschließend professionell gereinigt haben. Bei dem Pressetermin zur Bilanz des Projektes am 27. September 2011 in Berlin zeigte sich mit 75 Prozent nicht ausreichend gepflegter Prothesen ein Bedarf, der selbst die Erwartungen der Projekt-Verantwortlichen übertraf.

Allgemeingesundheitsrisiko „Prothesen-Beläge“

Nicht ausreichende Prothesen-Hygiene ist insbesondere für ältere und geschwächte Patienten allgemeingesundheitlich riskant, da beispielsweise wissenschaftlichen Studien zufolge eingeatmete Mundkeime zu einer Lungenentzündung führen können. Auch über die Blutbahn – beispielsweise bei Zahnfleischbluten – wandern Mundbakterien in den Körper und können erwiesenermaßen zu Entzündungen im Herzen führen. Immer mehr Kardiologen und Lungenfachärzte weisen daher auf die Bedeutung sorgfältiger Mundhygiene zur Vorbeugung dieser riskanten Infektionen hin. Nicht zuletzt führen harte und weiche Zahnbeläge zu einer Verschlechterung des Sitzes der Prothese, was mit Störungen der Nahrungsaufnahme einhergehen und damit zu einer weiteren Schwächung der Pflegebedürftigen führen kann. Diese sind angewiesen auf Unterstützung und Hilfe seitens ihrer Angehörigen, insbesondere aber seitens der Pflegedienste in den Heimen.

Derzeit spielt allerdings der Bereich Mundhygiene eine eher vernachlässigte Rolle im Aufgabenkatalog der Pflegeteams – und kann ohne zusätzliche und auch bezahlte Betreuungszeit kaum geleistet werden. Zudem können die Teams zwar Routine-Mundpflegeaufgaben wie Zähneputzen übernehmen, wie sie auch die Angehören ausüben würden – nicht umsetzbar sind allerdings professionelle Mund- und Prothesenpflege, wie sie für Hygiene und damit auch die Prävention von Allgemeinerkrankungen dringend notwendig wäre.

Die Initiatoren des Modellprojekts – Zahnärztekammer, Zahntechnikerinnung und die Deutsche Gesellschaft für AlterszahnMedizin – appellieren daher nicht zuletzt nach den Ergebnissen der Evaluation zum Berliner Modellprojekt „Gesunde Dritte in der Pflege“ eindringlich an die Politik, entsprechende Rahmenbedingungen für eine Verbesserung der professionellen Mund- und Prothesen-Hygiene und damit der Gesundheitsförderung von Pflegebedürftigen zu schaffen. Mit vergleichsweise wenig Aufwand kann nicht nur die Lebensqualität der Pflegebedürftigen verbessert werden – auch das Auftreten riskanter Infektionen mit kostenintensiven Behandlungs- und Folgekosten könnte auf diese Weise minimiert werden. Dass das Berliner Modellprojekt „Saubere Dritte in der Pflege“ bei den Pflegebedürftigen selbst, ihren Angehörigen und der Heimleitung in der Regel auf große Zustimmung bis hin zu Begeisterung stieß, ist für die Akteure ein Beleg dafür, dass die Bereitschaft für die Akzeptanz solcherart Unterstützung ausgesprochen groß ist.

Kombiniert mit anzupassenden Rahmenbedingungen könnte daher ein kleines Dienstleitungsangebot wie professionelle Mundhygiene und Zahnersatz-Pflege für die erheblich steigende Anzahl der älteren und alten, oft pflegebedürftigen Bevölkerungskreise ein effizienter Faktor der Prävention von vergleichsweise kostspieligen Mund- und Allgemeinerkrankungen sein. Dass derzeit bereits vieles auf weitgehend ehrenamtlicher Ebene angeboten wird, ist – so alle Beteiligten an dem Modellprojekt – keine Lösung: Es darf nicht von Zufällen abhängig sein, ob ein Pflegebedürftiger Unterstützung seiner Mundgesundheit erhält oder nicht. Professionelle Mund- und Prothesenpflege gehört schon aus Präventionsgründen zur Grundpflege und muss durch entsprechende Rahmenbedingungen fixiert werden – nur so lässt sich eine strukturierte Unterstützung etablieren und für einen größeren Kreis als zufällig ausgewählten „Modellprojekt-Teilnehmern“ zugänglich werden.

Birgit Dohlus, Berlin  
 

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