16. Juli 2010 |  Kommentar

Weniger Bürokratie, mehr Vertrauen

von Chefredakteurin Dr. Marion Marschall –

 

Deutschland ist schon ein merkwürdiges Land: Viele Menschen wünschen sich weniger Bürokratie, mehr Freiheit, selbst entscheiden zu dürfen, und mehr Wettbewerb, wollen aber gleichzeitig alles abgesichert und möglichst vom Staat geregelt haben. Das gilt auch im Gesundheitswesen, und hier für die Versicherten und Patienten ebenso wie für Heilberufler. Ärzte, Zahnärzte, Apotheker und ihre Mitarbeiter in Praxen und Kliniken leiden unter der Flut von Vorschriften und Papierkram, die im Praxis- und Klinikalltag bewältigt werden muss und die wertvolle Zeit raubt, die dann für die Patienten oder auch zur wichtigen eigenen Erholung fehlt. Andererseits hat man sich in diesem überreglementierten System „irgendwie“ auch eingerichtet, Veränderungen hin zu mehr Freiheit werden durchaus mit gemischten Gefühlen gesehen.

Dr. Marion Marschall

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, der sich den Kampf gegen die Bürokratie schon von Beginn seiner Amtszeit an auf die Fahnen geschrieben hat, wird nicht müde zu betonen, dass nicht Leitlinien und Qualitätssicherungsbögen die Qualität der Behandlung sichern, sondern dass man denjenigen, die in dem System arbeiten, mehr Vertrauen schenken müsse. Gleichzeitig setzt er auf den mündigen, den aufgeklärten Patienten und mehr Transparenz auch bei den Behandlungskosten.

Zahnärzte wissen, wie wichtig das Vertrauen ihrer Patienten ist, und sie können sich auch über sehr gute Werte bei allen Umfragen freuen, wenn es um das Vertrauen zum eigenen Zahnarzt geht. Dass und was Behandlung kostet, erfahren viele Patienten, wenn sie Zahnersatz brauchen oder Privatleistungen in Anspruch nehmen. Trotzdem wäre für Zahnärzte wie für Patienten der Übergang zur Kostenerstattung auch in der Zahnmedizin ein großer Schritt in eine ungewohnte Freiheit. So vehement die Kostenerstattung von der Berufspolitik gefordert wird, so ambivalent sind in den Praxen die Gefühle dazu. Vertrauen und Transparenz wollen dann für jeden Patienten immer wieder neu erworben und geschaffen werden. Der „mündige“ Patient fordert mehr Information und Beratung als das Ableisten eines GKV-Leistungskatalogs nach Abrechnungsziffern. Und es würde unter den Zahnärzten eine neue Qualität des Wettbewerbs auch um das Verhältnis von Preis und Leistung entstehen, der heute nur unterschwellig vor allem beim Zahnersatz – und hier meist bei den Technikkosten – läuft.

Echte Kostenerstattung, so Rösler kürzlich in Düsseldorf, brauche eine echte Honorarreform, die man jetzt angehen wolle. Ob dieses hehre Vorhaben in dieser Legislaturperiode noch eine praxistaugliche Gestalt annehmen wird, kann man nach dem Gezerre um die Reform bei der Finanzierungsseite bezweifeln. Aber angenommen, es käme dazu und auch zu den Voraussetzungen für einen fairen Wettbewerb auf beiden Seiten – bei den Leistungserbringern und bei den Krankenkassen: Wie lange würde es dauern, bis in Deutschland nach neuen Regelungen und Kontrollen für diesen Wettbewerb und die Qualität gerufen würde? Von (selbst ernannten) Patientenvertretern, von den Kassen, aber auch von den Heilberuflern selbst?

Weniger Bürokratie, mehr Vertrauen und Transparenz im Gesundheitswesen sind eine große Herausforderung in einem Land, das auch in der Medizin meint, die Qualität einer Behandlung oder eines Behandlungsergebnisses wie bei Autoteilen rein technisch messen und beschreiben und allein durch Einhalten aller Regeln sicherstellen zu können. Unbestritten ist, dass gut strukturierte Praxis- und Behandlungsabläufe und eine nach dem jeweiligen Stand von Wissenschaft und Praxis durchgeführte Behandlung eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit und zu erwartende Qualität des Behandlungsergebnisses fördern können und für einen freien Beruf selbstverständlich sein sollten. Garantieren können sie es aber nicht. Menschen sind keine Autos.

Niemand vermag zu sagen, ob Philipp Rösler in seinem Kampf gegen die Bürokratie und für mehr Vertrauen im Gesundheitswesen Erfolg haben wird. Schließlich kommt viel Bürokratie nicht mehr nur aus dem eigenen System, längst wirken andere Bereiche wie Datenschutz, Arbeitsschutz etc. in die Praxis hinein, und dies auch auf europäischer Ebene.

Aber in einem Punkt hat Rösler sicher Recht: An der Frage, wie viel Transparenz, Eigenverantwortung und Vertrauen im Gesundheitswesen von der Politik, aber auch von allen Beteiligten im System zugelassen wird, wird sich auch zeigen, wie reformwillig und reformfähig Deutschland wirklich ist.

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