16. Juli 2010 |  Zahnmedizin kompakt

„Nasoalveolar Molding“ verhindert eine schiefe Nase

Spezielle Gaumenplatte mit Nasensteg wird nach der Geburt bei

Säuglingen mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten eingesetzt –

 

Lippen-Kiefer-Gaumenspalten werden heute schon sehr früh chirurgisch korrigiert. Doch oft bleiben Narben an der Oberlippe oder eine atypisch geformte Nase zurück. Mit einer neuen Behandlungsmethode, dem sogenannten „Nasoalveolar Molding“ (NAM), können Kieferorthopäden am Universitätsklinikum Bonn dieses Erscheinungsbild signifikant verbessern. Diese Technik ist in Europa, anders als in Amerika und Asien, kaum verbreitet. In Deutschland ist das Universitätsklinikum Bonn dabei Vorreiter.

Der kleine Leon hat die Operation gut überstanden. Eventuell sind damit in Zukunft keine weiteren plastischen Korrekturen seiner Nase mehr nötig – sehr zur Freude seiner Mutter sowie von Dr. Nikolaos Daratsianos (l.) und der Zahnmedizinischen Fachangestellten Anja Theisen. – Foto: Uni Bonn

Jährlich kommen etwa 1.500 Kinder in Deutschland mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte auf die Welt. Neben ästhetischen Problemen können die Kinder nur erschwert Nahrung aufnehmen und Sprachstörungen entwickeln. Kurz nach der Geburt beginnt die Therapie. Diese ist langwierig und erfordert die Teamarbeit von Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgen, Kieferorthopäden, HNO-Ärzten, Logopäden und Psychologen.

Doch trotz erfolgreicher Therapiekonzepte bleiben bei den meisten Patienten Narben an der Oberlippe oder eine atypisch geformte Nase, umgangssprachlich auch „Spaltnase“ genannt. Der seitliche Nasenflügel an der betroffenen Seite ist flach, die Nasenspitze asymmetrisch und die Länge des Nasenstegs reduziert. „Mit der neuen Methode können wir diese typische Form frühzeitig vermeiden und auch die Narbenbildung an der Oberlippe reduzieren“, sagt Dr. Nikolaos Daratsianos, Leitender Oberarzt an der Poliklinik für Kieferorthopädie des Universitätsklinikums Bonn.

Bisher wurde der gespaltene Oberkiefer durch den Einsatz einer Gaumenplatte für die anstehende Lippenoperation im sechsten und eine Gaumenoperation im 18. bis 24. Lebensmonat vorbereitet. Dabei wird das natürliche Wachstum ausgenutzt, um die Kiefer- und Gaumenspalte zu verkleinern. Zusätzlich kann der Säugling durch die Trennung von Mund- und Nasenraum besser trinken und atmen. „Diese Methode ist im europäischen Raum stark verbreitet“, so Daratsianos.
Mit der neuen Methode formen die Bonner Ärzte zusätzlich zum Kiefer nun auch den Nasenknorpel des Neugeborenen vor der Lippenoperation. Dazu benutzen sie eine spezielle Gaumenplatte, an der ein mit weichem Kunststoff ummantelter Nasensteg fixiert ist. Dieser übt eine Kraft auf Nasenflügel und Nasenspitze aus. Der Nasensteg wird verlängert, der Nasenflügel aufgepolstert, die Nasenspitze aufgerichtet und ihre Symmetrie verbessert. Haftstreifen verkleinern zudem die Lippenspalte, indem sie die gespaltenen Lippensegmente zueinander ziehen. Dadurch wird die Narbe an der Oberlippe kleiner. „Unser Ziel ist es, spätere plastische Korrekturen an der Nase und der Oberlippe zu verringern oder sogar gänzlich zu verhindern“, erläutert Daratsianos. Das funktioniert aber nur in der ersten Zeit nach der Geburt, wenn der Nasenknorpel, der Oberkiefer und die Weichgewebe wie Haut, Muskeln und Schleimhaut noch verformbar sind und wachsen.

Bei der NAM-Methode bleiben zudem die Vorteile der normalen Gaumenplatte erhalten. Die Kiefer- und Gaumenspalte wird verkleinert, die Platte hilft beim Trinken. Dass die kieferorthopädische Behandlung mit der NAM-Apparatur langfristig die Nasenästhetik verbessert sowie die Anzahl, das Ausmaß und die Komplexität von zukünftigen plastischen Lippen- und Nasenkorrekturen reduziert, wurde bereits in einigen Studien nachgewiesen. Die Methode ist im amerikanischen Raum in den vergangenen Jahren entwickelt worden. Daratsianos führte diese Technik in der Poliklinik für Kieferorthopädie des Universitätsklinikums Bonn ein und hat sie seitdem weiterentwickelt. Inzwischen werden alle Patienten mit Lippenspalten von Geburt an mit NAM auf die Lippenoperation im sechsten Lebensmonat vorbereitet. Die Ergebnisse bei den bisher 15 so behandelten kleinen Kindern sind viel versprechend, heißt es in Bonn.   

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