Erste Zahnarztpraxis für Gehörlose

20. April 2017
Erste Zahnarztpraxis für Gehörlose
Hamburger Zahnärztin spezialisiert sich auf Behandlung von gehörlosen Patienten

Gehörlose Menschen scheuen oft den Zahnarzt. Das hat Zahnärztin Marianela von Schuler Alarcon erkannt und die erste Praxis für gehörlose Menschen eröffnet. Allerdings werden sie nicht nur behandelt.

Von Christoph Ledder

Eine gewöhnliche Zahnarztpraxis in Hamburg. Doch irgendetwas ist anders. Zur Begrüßung zeichnen die beiden Finger der angehenden Zahnarzthelferin ein Herz auf der linken Brust. Dann zieht sie ihre nach oben geöffneten Handflächen von rechts bis auf den Bauch: „Herzlich willkommen“. Die Auszubildende ist genauso gehörlos wie der Patient.

 

In der Praxis der gebürtigen Venezuelanerin Marianela von Schuler Alarcon wird Inklusion tagtäglich gelebt. Neben der Behandlung von gehörlosen Patienten beschäftigt sie insgesamt vier gehörlose Azubis. Die jungen Frauen werden bei ihr zur zahnmedizinischen Fachangestellten ausgebildet – und das mit großem Erfolg.

 

Aufruf per Youtube

Mit einem Youtube-Video hat sich von Schuler Alarcon an junge Gehörlose gerichtet, die eine duale Berufsausbildung in ihrer Zahnarztpraxis machen wollen. „Die Resonanz auf das Video war überwältigend. Es waren mehr als 1.000 Zuschriften von jungen Leuten, die in meiner Praxis eine Ausbildung machen wollen“, so die Zahnärztin.

Bis heute bedauert sie es, dass sie nicht alle Bewerber nehmen konnte. Doch ihr Aufruf zur Ausbildung sei in Deutschland ein wichtiges Signal gewesen. Bis vor kurzem ist Gehörlosen der Zugang zu medizinischen Berufen verwehrt gewesen. Der Beruf bietet ihnen aber die Möglichkeit, in einem Team und im Austausch mit Hörenden zu arbeiten. Darüber hinaus ist er in Deutschland angesehen. 

Steiniger Weg in Deutschland

„In anderen Ländern, wie beispielsweise den USA, ist die gelebte Inklusion von Gehörlosen bereits eine Selbstverständlichkeit. Da wollen wir auch hinkommen“, betont die engagierte Zahnärztin. Allerdings sei das noch ein weiter Weg, da unter anderem Anträge bei Ämtern zur Beschäftigung von gehörlosen Azubis einen erheblichen Zeitaufwand erfordern. Darüber hinaus seien viele Zahnärzte für die Behandlung oder für die Ausbildung von Gehörlosen noch nicht ausreichend genug sensibilisiert.

 

Ausbildung fruchtet

Doch die Ausbildung der angehenden Zahnarzthelferinnen in der Praxis von Marianela von Schuler Alarcon trägt bereits Früchte. Die Zahnärztin ist bereits jetzt schon mehr als zufrieden mit ihnen. „Gehörlose Azubis sind sehr wissbegierig und haben den Willen zum Lernen. Sie sind sehr fleißig und zählen in der Berufsschule mittlerweile zu den Besten“, so von Schuler Alarcon. In der Berufsschule lernen sie im Klassenverbund mit hörenden Schülern zusammen. „Wir kommen gut mit unseren hörenden Mitschülern aus und helfen uns gegenseitig beim Pauken des Stoffes“, erzählt die Auszubildende Kinga Ostrowski (aus der Gebärdensprache übersetzt).

Allerdings würde sich der Zusammenhalt nur auf den Unterricht beziehen. „Nach der Schule geht leider jeder wieder seiner Wege“, wie Vanessa Wadewitz, eine andere Auszubildende, berichtet (weitere Übersetzung aus der Gebärdensprache). Obwohl die Gebärdensprache seit 2002 anerkannt ist und es immer mehr Beispiele für eine erfolgreiche Inklusion in Betrieben gibt, bleiben Gehörlose die meiste Zeit unter sich und würden kaum mit Hörenden in Berührung kommen.

Gehörlose scheuen Zahnarztbesuch

Rund 300.000 gehörlose sowie an Taubheit grenzende Menschen leben derzeit in Deutschland. Oft hätten die Gehörlosen Hemmungen zum Zahnarzt zu gehen, da sie nur selten verstünden, was behandelt werden muss und wie es geschehen soll. Viele Gehörlose gingen auch nur dann zum Zahnarzt, „wenn es unbedingt nötig ist.“ Laut von Schuler Alarcon kämpfen sie mit einem schlechten Zustand ihrer Zähne. „Gehörlose Menschen haben im Schnitt dreimal so viele Füllungen und fünfmal so viele Extraktionen wie hörende Patienten.“

Verein will aufklären und ändern

Um das zu ändern hat sie 2013 zusammen mit einigen nicht zahnärztlichen Mitstreitern den Verein „In Deaf Med“ gegründet. Ziel des Vereins ist es, gehörlosen Menschen in Deutschland eine barrierefreie medizinische Versorgung zu ermöglichen. „Wir möchten andere Zahnärzte, aber auch Ärzte aus anderen medizinischen Bereichen dazu animieren, sich stärker für gehörlose Menschen zu öffnen. Dabei ist uns wichtig, dass in den Praxen auch hörende Patienten behandelt werden“, erläutert Marianela von Schuler Alarcon.

Kontakt zu Gehörlosem in der Studienzeit

Mit einem Gehörlosen kam sie während ihres Studiums in Deutschland zum ersten Mal in Kontakt. „Während meiner Studienzeit haben sich die Austauschstudenten abends von Zeit zu Zeit getroffen. Bei einem der Treffen war auch ein Gehörloser dabei, mit dem ich versucht habe, zu kommunizieren“, erzählt von Schuler Alarcon.

Auch, wenn sich die Kommunikation Anfang sehr schwierig gestaltet hat, sah die junge Zahnärztin von der ersten Sekunde an die Parallelen des Gehörlosen und zu sich selbst. „Ich habe in den ersten Semestern meines Studiums eine sehr schwierige Zeit in Deutschland erlebt, da mich aufgrund meiner mangelnden Sprachkenntnisse niemand so richtig verstanden hat.

Als ich sah, dass sich der junge Mann am Tisch gar nicht verständigen konnte und kaum wahrgenommen wurde, habe ich Mitleid gehabt und mich auch an meine eigene Anfangszeit in Deutschland erinnert“, so die Zahnärztin.

Gebärdensprache über Youtube

Auch, wenn sich die junge Zahnärztin am Anfang nur mit Händen und Füßen mit dem Gehörlosen verständigen konnte, lernte sie im Laufe der Zeit die Gebärdensprache. „Ich wollte mich mit dem Gehörlosen verständigen und auch weitere Gehörlose kennenlernen. Also fing ich an die Gebärdensprache über Youtube und Bücher zu lernen.“

Heute kommuniziert sie ohne Probleme mit den Gehörlosen und gibt ihren Azubis Arbeitsanweisungen. Ihre Hamburger Praxis hat sowohl regen Zulauf von Gehörlosen als auch von Hörenden. Der Terminkalender ist in der Regel sehr gut gefüllt. Neben ihrem Können der Gebärdensprache liegt das aber auch an ihrem Einfühlungsvermögen auf die Gehörlosen.

Inklusion nicht kompliziert

„Das und den Willen, die Gebärdensprache zu lernen, brauchen Zahnärzte, wenn sie gehörlose Patienten behandeln und möglicherweise auch Gehörlose ausbilden wollen“, so von Schuler Alarcon. Der Zahnärztin zufolge sei gelebte Inklusion im Arbeitsalltag längst nicht so kompliziert, wie es manchmal dargestellt werde. Sie hat längst den Beweis erbracht, dass die Zusammenarbeit von Gehörlosen und Hörenden perfekt harmoniert.

Die Adresse der Zahnarztpraxis:

Zahnarztpraxis von Schuler Alarcon
Böttgerstraße 12
20148 Hamburg

Telefon: 040 456 547

E-Mail: termin@vonschuleralarcon.de

Alle weiteren Infos zur ersten Zahnarztpraxis für Gehörlose gibt es unter vonschuleralarcon.de

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