An Prävention orientiert sich nur eine zahnärztliche Minderheit

Die Prioritäten liegen meist woanders: Prophylaxe ist häufig Sache der ZMP, die meisten Zahnärzte nehmen das Thema nicht so wichtig.
10. Januar 2017
An Prävention orientiert sich nur eine zahnärztliche Minderheit
Dr. med. dent. Jan H. Koch über halbe Wahrheiten und mehr Mut zur Prävention

Trotz rückläufiger Karies und Parodontitis – und trotz aller Beteuerungen der Standesvertretung: Die meisten Zahnmediziner arbeiten nach wie vor reparaturorientiert. Das aktuelle KZBV-Jahrbuch weist für Individualprophylaxe-Ausgaben in der GKV einen Anteil von gerade einmal 3,9 Prozent aus (Zahlen von 2014). Für Kons/Chirurgie und Zahnersatz sind es zusammen 83,7 Prozent. Soviel zur 2001 ausgerufenen „präventionsorientierten Neubeschreibung der Zahnheilkunde“.

Dagegen ließe sich einwenden, dass die Gesetzliche Krankenversicherung ja nur IP-Positionen für Kinder und Jugendliche zahlt. Für Erwachsene gibt es die – privat bezahlte – Professionelle Zahnreinigung, kurz PZR. Hier sieht Professor Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der BZÄK, einen Zusammenhang zur erfreulichen Krankheitsentwicklung laut DMS V. Der Aachener Konservist Prof. Hendrik Meyer-Lückel meint dagegen, man solle „die Kirche im Dorf lassen“. Die PZR bringe präventiv nicht viel und sei vor allem wirtschaftlich interessant für Praxen. Wer hat Recht?

Dazu ein genauerer Blick auf abgerechnete GOZ-Positionen: Bei privat versicherten Patienten lag der Prophylaxe-Anteil im Jahr 2014 immerhin bei 15,6 Prozent, einschließlich PZR [1]. Die Position 1040 (je Zahn, Implantat oder Brückenglied) wurde – auf der Basis von 24 Zähnen/Einheiten – bei gut fünf Millionen Patienten abgerechnet. Bei GKV-Patienten wurden weit über zehn Millionen PZR privat abgerechnet (vom Autor angefragte Daten für 2015), hinzu kommen pauschal abgerechnete Zahnreinigungen. Exakte Zahlen sind laut BZÄK zurzeit nicht ermittelbar.


„Es wird offenbar nur bei einer Minderheit aller PZR-Patienten echte Individualprophylaxe betrieben – bei den meisten wird nur ‚gekärchert‘.“ Dr. med. dent. Jan H. Koch (Foto: privat)

Mundhygienetraining vernachlässigt

Na also, Millionen PZR-Sitzungen bei privat und gesetzlich Versicherten sind doch ein Beleg für effektive Prophylaxe? Zu jeder PZR – ob als Teil des Prophylaxe-Recalls oder in der parodontalen Nachsorge – gehört aber eine gründliche Mundhygieneinstruktion [2]. Vor Beginn der PZR sollte zudem der Biofilm (die Plaque) angefärbt werden. Nach einer aktuellen Praxis-Studie sichert das die Qualität der PZR und ist eine wichtige Rückmeldung für Patienten [3].

Die GOZ-Position 1000 (MH-Status) wurde aber hochgerechnet nur 710.000 Mal abgerechnet, die GOZ 1010 (Kontrolle des Übungserfolgs) 660.000 Mal (1). Also erhält nicht einmal jeder dritte private PZR-Patient eine Rückmeldung zu seiner Mundhygiene. Bei GKV-Patienten sehen die Zahlen noch schlechter aus (je unter 10 Prozent für die 1000 und 1010, Näherungswerte für 2015 von der BZÄK). Es wird also offenbar nur bei einer Minderheit aller PZR-Patienten echte Individualprophylaxe betrieben – bei den meisten wird nur „gekärchert“.

All dies spricht stark dafür, dass die häufigere (und intensivere?) häusliche Zahn- und Mundpflege die Hauptursache für rückläufige Erkrankungszahlen ist. Und dass sie präventiv sehr viel mehr bringt als die ein- bis zweimal jährliche Zahnreinigung in der Praxis.

Prävention keine Chefsache

Natürlich geht es nicht nur um die PZR. Absolut lobenswert sind zum Beispiel die – häufig mit Herzblut betriebenen – Initiativen der Zahnärzteschaft im Bereich Primärprophylaxe bei Kleinkindern oder Senioren. Tatsächlich scheint der Präventionsgedanke grundsätzlich präsenter als noch vor einigen Jahrzehnten.

Dass Honorarvolumen für präventive auf Kosten kurativer Leistungen umgeschichtet wird, verhindern aber die KZVen, allen voran die KZBV. Das ist aus wirtschaftlicher Sicht nachvollziehbar, behindert aber den versprochenen Systemwechsel in Richtung Prävention. Ob es bei der – sekundär präventiven – parodontalen Nachsorge (UPT) neue Bema-Entwicklungen geben wird, bleibt abzuwarten. Laut KZBV müssten diese kostenneutral sein.

Aber auch an der Basis, also in den meisten Praxen gibt es noch viel zu tun. So ist Prophylaxe häufig Sache der ZMP, die meisten Zahnärzte nehmen das Thema nicht so wichtig. Vielen Praxen fehlen zudem die räumlichen und personellen Ressourcen („Das Zimmer ist gerade nicht frei“). Die Prioritäten liegen meist woanders.

Auch ein kulturelles Problem

Diese Defizite allein Zahnmedizinern und ihren Verbänden anzulasten, wäre indes unfair. Zu groß ist auch der Widerstand von Kostenerstattern, die Prävention bei Erwachsenen für Privatsache halten und sie nicht bezahlen wollen. Jeder und jede sei für die eigenen Zähne verantwortlich, Karies und Parodontitis selbstverschuldet. Das stimmt zum Teil, ist aber nicht die ganze Wahrheit.

Die Dimension oraler Erkrankungen reicht weit ins Systemische hinein, zum Beispiel beim Thema Ernährung. Hier sind alle Beteiligten gefragt, von den Patienten selbst und ihrer Lebensweise über „Leistungserbringer“ bis hin zu Politik und Gesellschaft. Die Behauptung, wir Zahnärzte seien in der Mehrheit – oder gar grundsätzlich – vorbildliche Präventivmediziner, ist aber ganz sicher überzogen.

Dr. med. dent. Jan H. Koch, Freising


Quellen

[1] Bundeszahnärztekammer. Statistisches Jahrbuch 2014/2015.
[2] Trombelli L, Franceschetti G, Farina R. Effect of professional mechanical plaque removal performed on a long-term, routine basis in the secondary prevention of periodontitis: a systematic review. Journal of Clinical Periodontology 2015;42:S221-S236.
[3] Stafela-Bastendorf N, Bastendorf KD. Pilotstudie: Verbessert das Anfärben der Plaque die Ergebnisse einer PZR? Plaque N Care 2016;10:91-93.