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16. August 2010 |  Panorama

„Von einer modernen Zahnheilkunde sind wir weit entfernt“

ZA Tobias Bauer, Singen, über einen Besuch in der Faculté d’Odontologie d’Etat de Haiti – Hilfe erbeten –

 

Google Earth zeigt die Ausmaße der Naturkatastrophe vom Januar ungeschönt. Per Mausklick kann man vom heimischen PC aus selbst in die kleinsten Sträßchen von Port au Prince zoomen. Immerhin, die Faculté d’Odontologie d’Etat de Haiti in der Rue Oswald Durant sieht zumindest äußerlich unbeschädigt aus. Und so ist es auch in der Wirklichkeit. Doch viele Gebäude des einzigen Universitätsklinikums von Haiti sind zerstört, die Freiflächen zwischen den Gebäuden sind mit Zelten bedeckt.

Der große Behandlungssaal wird für alle studentischen Kurse genutzt. – Fotos: Bauer

Eine Orientierung für Fremde ist fast unmöglich. Nachdem wir endlich das richtige Gebäude gefunden haben, treffen wir selbst auf dem Campus der Zahnklinik die Zelte der Erdbebenopfer, die jedes freie Stück Land in Beschlag genommen haben.

Die Dental School oder besser die Faculté d’Odontologie d’Etat d’Haiti ist recht übersichtlich, kein Vergleich mit einer dentalen Fakultät, wie wir sie gewohnt sind. Alle Räume liegen eng bei einander. Dr. Samy Prophete, Vizedekan und Präsident der zahnärztlichen Landesvertretung, erwartet mich bereits. Bis zuletzt hing das Zustandekommen des Treffens bedingt durch die Unwägbarkeiten des schwer getroffenen Landes am seidenen Faden. Haiti ist sicher kein Ziel für jemanden, der Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und einen exakten Reiseverlauf mit engmaschigen Terminen nach Plan erwartet.

Von der Straße kommend landet man unmittelbar im Wartebereich für alle Patienten, egal ob Notaufnahme oder ob sie für den Studentenkurs einbestellt sind. Nur durch eine Glasscheibe vom Eingangsbereich getrennt gibt es einen Röntgenraum: Darin finden sich drei Kleinröntgengeräte, von denen nach Augenschein höchstens eines in Betrieb sein dürfte. Im Empfangsbereich steht, gut einsehbar von drei Seiten, der Steri, einer von der Bauart, wie sie bei uns in vielen Einzelpraxen derzeit ausgemustert werden. Er ist wie Vieles eine Spende, die vor noch nicht allzu langer Zeit aus den USA eintraf. Davor hatte die Zahnklinik überhaupt keinen Heißluftsterilisator.

Die Klinik verfügt über insgesamt drei Behandlungssäle. Zwei kleinere, von denen einer als Aufnahme- und Notfallzimmer fungiert, einer als chirurgischer Kursraum. Dieser Raum mit fünf Stühlen verfügt aber nur über eine mobile Absaugeinrichtung, die für jede Behandlung zwischen den Einheiten hin- und hergeschoben werden muss. Der große Behandlungssaal wird für alle studentischen Kurse genutzt. Auch in diesem Raum verfügen die Einheiten nicht über eine standardmäßige Absaugung. Zwei weitere Säle, mit fest eingebauten Klappstühlen und Tischplatten, fungieren gleichzeitig als Hörsaal und Labor. Brennöfen oder gar Gussschleudern habe ich in diesen Räumen keine gesehen. Um die vorhandenen technischen Gerätschaften einer zahntechnischen Verwendung zuzuordnen, muss man weit in die Geschichte der Zahntechnik zurückgehen. Die Sachspende der Firma Morita in Form von Kleinröntgengeräten und Apexlocator sind deshalb hochwillkommen, bedeuten sie doch einen regelrechten Quantensprung für die studentische Ausbildung.

Dr. Samy Prophete
Dr. Samy Prophete, Vizedekan und Präsident der zahnärztlichen Landesvertretung

Der Studiendekan Dr. Jaques Denis gibt einen kurzen Überblick über den Ablauf. Das Studium dauert wie bei uns fünf Jahre. Ein sechstes, rein praktisches Studienjahr ist in Planung, kann aber aus Kostengründen bis auf Weiteres nicht realisiert werden. Derzeit werden rund 100 Studenten von 41 Lehrkräften betreut!

Die ersten drei Studienjahre sind eher theoretisch ausgerichtet. Viertes und fünftes Studienjahr sind mit praktischen Kursen und Prüfungen durchsetzt. Geprüft werden Prothetik, Endodontie, Oralchirurgie, das heißt in diesem Fall Extraktionen, operative Zahnmedizin, Totalprothetik und Diagnostik. Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es derzeit keine. Im Vordergrund steht eindeutig die Ausbildung zum Generalisten, und man ist wahrlich froh, wenn man die Basics in einem angemessenen Umfang erfüllt.

Wie Prophete anschließend erläutert, beginnen einmal im Jahr zwischen 30 und 40 Studenten die Ausbildung. Davon halten etwa 20 pro Jahr bis zum Examen durch – sehen allerdings keiner besonders guten Perspektive entgegen. So kommt man in etwa auf die Zahl von 100 Studenten. Die wirtschaftlichen Bedingungen sind für Zahnärzte, und das gilt für viele andere Entwicklungsländer auch, alles andere als rosig. In der freien Wirtschaft kommt der Wind frontal entgegen. Die Sicherheitslage ist robust, die Wirtschaftslage schlecht – so steht und fällt die Finanzierung einer eigenen Praxis mit der Risikolage. Oft kann sich nur eine schmale Oberschicht den Zahnarztbesuch leisten. Folglich können sich 95 Prozent der Bevölkerung gar keine zahnärztliche Behandlung leisten, und die Zahnärzte tun sich schwer, im eigenen Land zu überleben.

Röntgenraum
Im Röntgenraum gibt es drei Kleinröntgengeräte, von denen nur eins in Betrieb sein dürfte.

Beim anschließenden Gespräch mit den Dozenten geht es um die Frage, wie man von Deutschland aus haitianische Kollegen unterstützen kann. Grundproblem ist, dass die Universität komplett auf sich selbst gestellt ist. Dies betrifft die Finanzierung ebenso wie die Materialbeschaffung. Prophete zieht einen Beutel mit Endoblöcken aus einer Schublade und kommentiert den Inhalt mit den Worten: „Das ist meine Sammlung vom Chicago Midwinter Meeting – Übungsmaterial für ein Semester.“ Egal von welcher Seite das Thema aus betrachtet wird – ob Endodontie oder Füllungstherapie, Kieferorthopädie oder Zahnersatz –, in keinem einzigen Fach kann man auf einen adäquaten Fundus zurückgreifen.

Ein weiterer bewegter Blick gilt der Bibliothek: kein einziges Buch darin stammt aus dem aktuellen Jahrtausend. Anschauungsmaterial, vor allem auch für die theoretischen, medizinischen Fächer wäre sehr hilfreich. Gerade an Lernmaterial hat die Landesuniversität von Haiti so gut wie nichts vorzuweisen. Immerhin eine Dozentin, Dr. Chantal Noel, spricht hervorragend Deutsch, sie hat von 1982 bis 1984 in Heidelberg Zahnmedizin studiert.

Bislang ließ sich auch ein Dozentenaustausch nicht realisieren. Selbst wenn sie die Reisekosten privat bezahlen würden, können es sich die Dozenten nicht leisten, an internationalen Kongressen teilzunehmen. Prophete formuliert es so: „Natürlich haben wir Wünsche und Visionen. Aber von einer modernen Zahnheilkunde sind wir weit entfernt. Aber wir hoffen, dass wir sie eines Tages erreichen. Deshalb werden wir aber nicht müde, jede Möglichkeit zu nutzen, die uns diesem Ziel näher bringt!“

Auf der Wunschliste ganz oben steht ein gebrauchtes Orthopantomogramm. Möglicherweise lässt sich dieser Wunsch realisieren. Ein Aufruf über die Kammermitteilungen unter den südbadischen Zahnärzten brachte einiges an Spenden zusammen. Rund 200 Kilogramm Material sind mit tatkräftiger Hilfe der Fluggesellschaft Condor auf der Insel angekommen. Weitere Spenden, die allerdings nicht mit dem normalen Gepäck transportiert werden konnten, stehen bereit und warten nur auf eine passende Gelegenheit zum Transport. Zu tun ist auf jeden Fall noch sehr viel. Auch andere Organisationen wie die Caritas oder Humedica planen, an verschiedene im Bau befindliche Gesundheitszentren eine Zahnstation anzuschließen.

Wer sich für einen Hilfseinsatz interessiert, Haiti derzeit aber noch scheut, kann jederzeit in der Dominikanischen Republik tätig werden, um dort Flüchtlinge aus Haiti zu behandeln. So kann man auf wesentlich sichererem Terrain erste Erfahrungen mit Land und Leuten sammeln. Der Jesuit Refugee Service unterhält mehrere Stationen zur medizinischen Basisversorgung (primary health care). Vorhandene mobile Dental Units können mit wenigen Handgriffen fast überall aufgebaut werden. Das erleichtert einiges, und man kann sich voll auf die Tätigkeit konzentrieren – Arbeit gibt es schließlich zuhauf. Die Landbevölkerung der Dominikanischen Republik ist auf Hilfe von außen angewiesen, da sie sich meist keine Zahnbehandlung leisten kann. Fluggesellschaften wie Condor bieten Linienflüge zu mehreren Zielen in die Dominikanische Republik an. Die Weiterreise ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder ebenfalls noch relativ preiswert mit einem Mietwagen möglich. Dazu bietet das vom Jesuitenorden betreute ILAC-Zentrum, das Institute for Latin-American Concerns, auch Unterkunft und Verpflegung. Dort trifft man fast immer auf Studenten und Dozenten aus verschiedenen Fachbereichen der Creighton University in Oklahoma. So bekommt man etwas vom richtigen Leben mit und lernt Land und Leute, die Kultur des Landes kennen: das karibische Leben in seiner ursprünglichen Form, außerhalb der künstlichen touristischen Scheinwelt.

ZA Tobias Bauer, Singen  

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