
Hilfe für Afghanistan – auch Zahnärzte sind gefragt
Ein 58-Stundenflug mit Stationen in Cagliari, Rom, Sharm el Sheik, Abu Dhabi, am Morgen danach an Bord einer C 130 J nach Herat und zurück – das war die Flugroute einer internationalen Delegation unter Führung des Vorsitzenden der Europäischen Regionalen Organisation der Weltzahnärzteschaft (ERO-FDI), Gerhard Konrad Seeberger, und Gian Gabriele Carta, General der Brigata Sassari.
Ziel der Delegation war Herat in Afghanistan. Hier wollte man sich ein Bild der Lage vor Ort machen und mit den afghanischen Vertretern Hilfsmöglichkeiten erörtern und gemeinsame Ziele definieren. Die Schwierigkeiten in Afghanistan gehen weit über die Kriegsproblematik hinaus.
Meist mangelt es am Wichtigsten zum Leben und an sozialen Einrichtungen. Auf verunreinigtes Wasser seien 80 Prozent aller Krankheiten zurückzuführen, und 80 Prozent der Bevölkerung sollen laut Tour Mohammad Zarify, Vizepräsident der Region Herat, unter Zahnschmerzen leiden.
In Herat angekommen, wurden die Mitglieder der Delegation erst einmal mit schusssicherer Weste und Stahlhelm ausgestattet. Weiter ging es in Begleitung von Soldaten der International Security Assistance Force (ISAF) – überwiegend italienische Berufssoldaten der Infanterie – in gepanzerten Fahrzeugen zum Camp Vianini im Herzen der Stadt.
Kommandeur Oberst Paolo Pomella und sein Team hießen die Delegierten willkommen. Man pflegt eine feste Zusammenarbeit mit der Civil Military Cooperation (CIMIC) und unterstützt Initiativen, die die Lebensqualität der Bevölkerung verbessern. Pomella gab eine militärisch knappe, aber präzise Einführung in die derzeit laufenden zivilen Projekte. Aus seiner Sicht haben im Moment die Aufbereitung des Trinkwassers und die Entwicklung der Landwirtschaft zur Selbstversorgung der Bevölkerung absoluten Vorrang. Ebenfalls höchste Priorität habe der gesamte Bereich Gesundheit.
Nach dieser Einführung bereitete man das für den nächsten Tag angesetzte Treffen mit dem Regionalrat vor. Diesem wurde eine hohe Bedeutung beigemessen, da man alle wichtigen Vertreter der Region treffen sollte. Dabei standen für Seeberger die Gesundheitsvorsorge und die Selbstorganisation der Zahnheilkunde ganz oben auf der Prioritätenliste.
Bei der Besprechung trafen Militärführung und internationale Delegation mit Zarify den Vizepräsidenten der Region Herat. Weiter traf man den Kanzler der Universität Herat, Dr. Zawran, Prof. Hossaini, Leiter der Fakultät für Agrarwissenschaften, Dr. Dieter Guett vom deutschen Gemeinschaftszentrum für Entwicklung und der Herat Water Supply sowie Dr. Sayed Rashid, Direktor des Öffentlichen Gesundheitswesens.
In einem Vortrag sprach der ERO-FDI-Präsident die wesentlichen Punkte aus Sicht der Zahnärzteschaft an und drängte darauf, eine realistische Analyse des Bedarfs an zahnärztlichem Personal, Einrichtungen, Instrumenten und Materialien für eine effektive und patientenorientierte Zahnmedizin zu erstellen. Außerdem müssten die Voraussetzungen zur Gründung einer Afghanischen Zahnärztegesellschaft und deren Registrierung bei der Weltzahnärzteföderation geschaffen werden. Weiter warb er um Unterstützung für die zahnärztliche Grundausbildung und Weiterbildung sowie die Einführung eines Studentenaustauschs in Zusammenarbeit mit der Academy of Dentistry International (ADI), den nationalen Zahnärztegesellschaften und der FDI.
„Gerade im dritten Punkt ist die internationale Solidarität gefragt. Für die ADI und ihre europäischen Sektionen besteht nicht erst seit der europäischen Frühjahrstagung in Köln Konsens darüber, dass die Unterstützung der afghanischen Kollegen oberste Priorität hat“, so Seeberger weiter.
Diese Aufgabe entspricht dem Leitgedanken der ADI, das Wissen der Zahnmedizin mit allen Völkern dieser Erde zu teilen, um auch Menschen aus weniger entwickelten Ländern dem Bedürfnis für eine Mundgesundheit zur Verbesserung der Lebensqualität zukommen zu lassen.
Da es nun mittlerweile mehrere Ansätze aus Staaten der westlichen Allianz gibt, liegt ein Erfahrungsaustausch nahe. Erfahrungen, wie sie etwa durch das Afghanistan Dental Relief Project (www. adrpinc.org) gemacht wurden, können nicht hoch genug eingeschätzt werden. Auch über die Bundeswehr gab es schon mehrere Hilfslieferungen von deutscher Seite nach Afghanistan. Nun gilt es, diese Initiativen für zukünftige gemeinsame Projekte zusammenzuführen.
Michaela Hübner, München
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