
„Thema QS rollt auf den unterschiedlichsten Ebenen auf uns zu“
„QS ist Bestandteil einer modernen Praxisführung“ – nicht als Wahlkampfthema verheizen – DZW-Interview mit Dr. Jürgen Fedderwitz, Vorsitzender des Vorstands der KZBV, zum Thema sQS –
Mitte Mai dieses Jahres wurden auch in der Zahnärzteschaft die Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA, www.g-ba.de) zur einrichtungs- und sektorenübergreifenden Qualitätssicherung (sQS – die DZW berichtete) und der zugehörige Entwurf zu den Regelungen des Datenflusses bekannt. Beide Papiere liegen noch zur Stellungnahme im Bundesgesundheitsministerium.
In der Zahnärzteschaft haben diese sQS-Papiere zu heftigen, auch vom Wahlkampf zu den Kassenzahnärztlichen Vereinigungen getriebenen Auseinandersetzungen geführt, so auch am 3. Juli 2010 auf der Vertreterversammlung der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, auf der der Vorstandsvorsitzende der KZBV, Dr. Jürgen Fedderwitz, zu diesem Thema Rede und Antwort stehen musste. In einem Interview mit der DZW-Redaktion fasst er den aktuellen Stand für die Zahnärzteschaft und seine Bewertung der Diskussion zusammen: „Wegdrücken kann das nach meiner Überzeugung niemand mehr. Also muss man aus der Defensive raus, das Thema besetzen und aktiv angehen, selbstbewusst handeln. Je mehr der Berufsstand sich selbst in organisierter Form um das Thema Qualität kümmert, desto mehr nimmt er allen Kritikern den Wind aus den Segeln, die nach scharfen Sanktionsmöglichkeiten schreien“, so Fedderwitz.
DZW: Das Papier des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zur einrichtungs- und sektorenübergreifenden Qualitätssicherung (sQS) sorgt derzeit allerorten in der Zahnärzteschaft und in den Körperschaften für Aufregung. Neue Datensammlungen und Kontroll- und Knebelwerkzeuge für die Praxen werden erwartet und sind ja auch aus dem Papier abzuleiten. Sie haben als Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) und für dieses Thema zuständiger Vorstand versucht, die Wogen zu glätten. Was ist denn nun der Stand der Dinge bei der sQS?
Dr. Jürgen Fedderwitz: Stand der Dinge ist aus meiner Sicht, dass sQS zum Thema des angelaufenen KZV-Wahlkampfs gemacht worden ist und deshalb mit Halbwissen, Emotionen und Verweigerungsparolen aus uralten Zeiten überfrachtet wird. Die Fakten sind eigentlich einfach: Erstens bezieht sich die Richtlinie auf Verfahren für die sektorenübergreifende Qualitätssicherung und spielt für die Zahnarztpraxen deshalb kaum eine Rolle. Der Gesetzgeber hat die Einführung einer sektorenübergreifenden Qualitätssicherung verfügt und will damit die Verzahnung zwischen ambulantem ärztlichem und stationärem Sektor verbessern. Abgesehen von MKG-Chirurgen praktizieren Zahnärzte aber gar nicht auf Gebieten, in denen es Schnittstellen zum stationären Sektor gibt. Deshalb haben sie von der Richtlinie für ihre Praxis auch keine unguten Konsequenzen zu befürchten. Das ist Panikmache.
Zweitens bleibt festzuhalten: Ich habe als zuständiger Ressort-Vorstand im G-BA durchgeboxt, dass die vertragszahnärztliche Versorgung als eigener Sektor im Sinne des SGB V zu gelten hat. Das ist gut, denn sonst wären wir im ambulanten ärztlichen Sektor untergegangen, und die Richtlinie hätte womöglich tatsächlich deutliche Auswirkungen für uns gehabt, weil man uns einmal mehr den Ärztehut übergestülpt hätte. Davor sind wir jetzt sicher.
Drittens resultiert daraus, dass die Qualitätssicherung innerhalb des zahnärztlichen Sektors in einer eigenen Richtlinie gefasst wird, bei der die zahnärztlichen Besonderheiten berücksichtigt werden. Diese spezifisch zahnärztliche Richtlinie gibt es noch nicht. Und viertens gibt es weder in der sektorenübergreifenden Richtlinie Knebelwerkzeuge für die Praxen noch wird es sie in der spezifisch zahnärztlichen Richtlinie geben, dafür werden wir schon sorgen.
DZW: Selbst wenn der zahnärztliche Sektor noch lange nicht auf der Tagesordnung steht, wie Sie sagen, werden doch jetzt die grundlegenden Instrumentarien für diese Prozesse erarbeitet, verabschiedet und festgelegt. Sonderversionen für die Zahnärzte sind später kaum zu erwarten. Was haben Sie und die Vertreter der Zahnärzte im G-BA in die aktuellen Vorbereitungen einzubringen?
Fedderwitz: In den tragenden Gründen der sektorenübergreifenden Richtlinie wird ausdrücklich bestätigt, dass sektorspezifische Projekte der Qualitätssicherung unangetastet bleiben. Es gibt also eigene Gestaltungsspielräume für die Zahnärzte, die man auch nutzen muss.
Natürlich kann man bei den ungünstigen Stimmenverhältnissen im G-BA nicht alle Vorstellungen der Zahnärzteschaft vollständig umsetzen. Sich der Arbeit an den Richtlinien im G-BA trotzig zu verweigern, ist aber keine Lösung. Erstens werden sie dann andere machen, die auf die zahnärztlichen Interessen keinerlei Rücksicht nehmen. Und zweitens darf der Berufsstand nicht den Eindruck erwecken, er verweigere sich dem Thema Qualitätssicherung oder verschleppe es. Das hätte eine gesellschaftliche Ächtung zur Folge und würde den Generalverdacht nähren, bei den Zahnärzten stimme etwas nicht mit der Qualität. Dabei ist die Versorgungsqualität doch insgesamt sehr gut, und die Kollegenschaft könnte mit solchen Fragen entspannter umgehen. Dass Qualitätssicherung in aller Munde ist, gibt den Zahnärzten doch gerade die Chance, zu zeigen, welches Pfund sie da haben.
Was mit der sektorenübergreifenden Richtlinie jetzt angeschoben worden ist, sind übergeordnete Organisationsfragen. Zum Beispiel geht es um die Einrichtung von Landesarbeitsgemeinschaften (LAG) der Krankenkassen und Leistungserbringer, die die sektorenübergreifende QS auf Landesebene ausgestalten sollen. Die KZVen können und sollten diese LAG-Strukturen von Anfang an mitgestalten und damit einen Fuß in der Tür haben, wenn sie von sektorenübergreifenden Fragen eines Tages doch einmal tangiert sein sollten. Für die Praxen spielen diese Organisationsfragen eigentlich keine Rolle.
DZW: Gibt es in der Zahnärzteschaft überhaupt etwas Brauchbares im Sinne einer aus dem Berufsstand heraus selbst entwickelten Qualitätssicherung? Das Thema ist ja ähnlich wie das Qualitätsmanagement von der Berufs- und Standespolitik lange verteufelt worden, obwohl es zu den genuinen Aufgaben eines freien Berufs gehört, selbst Qualitätsstandards zu setzen und Qualitätssicherung zu betreiben. Haben KZVen, KZBV und auch BZÄK dafür genug geleistet? Oder kommt man auch hier zu spät und kann wieder einmal nur „das Schlimmste verhindern“?
Fedderwitz: Die Grundlagen für einen konstruktiven Umgang mit dem Thema Qualität in der Zahnarztpraxis haben KZBV und BZÄK mit der Agenda Qualitätsförderung schon vor langen Jahren gelegt. Im Jahr 2007 haben wir, damals noch im alten Bundesausschuss der Zahnärzte und Krankenkassen, die QS-Leistungen des Berufsstands aufgezählt und konsentiert. Wir wollten, dass man die Zahnmedizin auch in der Qualitätssicherung als eigenen Versorgungssektor mit eigenen Gesetzmäßigkeiten anerkennt, und das ist erreicht. Das bietet die Chance, innerhalb unseres Sektors praktische und unbürokratische Maßnahmen zur Qualitätssicherung zu installieren. Theoretisch wäre zum Beispiel denkbar, pseudonymisierte QS-Daten über ein modifiziertes Bema-Modul aus den Abrechnungsdaten zu generieren, ohne dass der Zahnarzt zusätzlichen Aufwand hat.
DZW: Jetzt wird sQS als neue Bedrohung der Zahnärzteschaft verteufelt. Stecken darin nicht doch auch Chancen für den Berufsstand, sich in diesem wichtigen Feld auch aktiv zu positionieren – nicht zuletzt im Interesse der Patienten?
Fedderwitz: Natürlich. Deswegen bedauere ich umso mehr, dass das Thema Qualitätssicherung jetzt im Wahlkampf verheizt werden soll, weil sich damit so schön Ängste schüren lassen. QS bedeutet nicht, dass die Qualität der Arbeit in der Praxis geprüft oder kontrolliert, der Zahnarzt beaufsichtigt oder in seiner Behandlungsfreiheit eingeschränkt wird. QS ist eine Chance zu zeigen, dass man gut ist. QS ist Bestandteil einer modernen Praxisführung. Damit könnten viele Kollegen ruhig selbstbewusster umgehen.
(Artikel gekürzt)
Das vollständige Interview mit Dr. Jürgen Fedderwitz lesen Sie in der DZW 28/10 auf Seite 1.
DZW im Abo
Jede Woche: Die
Zahnarztwoche im
Abonnement
DZW TV
Informationen aus
der Gesundheits- und
Berufspolitik, Neues
aus der Zahnmedizin,
Hinweise auf
interessante
Veranstaltungen,
Interviews u.v.m.




Eigenen Kommentar hinzufügen