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18. Juni 2010 |  Politik aktuell

Boom di falsi dentisti und Bogus Dentists

ZA Carlheinz Swaczyna vergleicht italienische Verhältnisse mit denen in den USA –

 

Aktuellen Medienberichten zufolge praktizieren in Italien etwa 15.000 (!) Nichtzahnärzte „Zahnmedizin“ oder was sie darunter verstehen. Dennoch wurden bislang nur 120 dieser „Praxen“ geschlossen und vermutlich kurz darauf anderswo wieder eröffnet. Es wird vermutet, dass es mehr falsche als echte Zahnärzte in Italien gibt. Mit gefälschten Zertifikaten aus dem Internet oder einem kurzerhand angebrachten Praxisschild betätigt sich ein illustres Sammelsurium von Berufen wie Schneidern, Installateuren, Angestellten des Öffentlichen Dienstes und Zahntechniker in der Zahnarztbranche.

Füllen, extrahieren, Prothetik und sogar implantieren, alles im Angebot. Untragbare hygienische Verhältnisse sind die Regel und tödliche Ereignisse nicht auszuschließen. Aber auch „echte“ Zahnärzte fallen – wie etwa zuletzt in Genua – auf, die unqualifiziertes Personal beschäftigen und diesem invasive Behandlungen bis hin zu Operationen gestatten. 

Ursache ist zum Einen das italienische Gesundheitssystem. Zahnbehandlungen sind entweder nicht mitversichert oder werden nur von wenigen Zahnärzten im Rahmen der Krankenversicherung angeboten, sodass in der Regel Privatbehandlungen erfolgen, die sich allerdings auf dem (Preis-)Niveau der USA befinden. Unbezahlbar für viele Italiener. Ein weiterer Grund ist die illegale Einwanderung und ein entsprechender Bedarf. „Zahnärzte“ aus China und Sri Lanka bedienen in erster Linie diesen „grauen Markt“ mit einem jährlichen Umsatz von 720 Millionen Euro. Jeden dritten Tag wird eine illegale Praxis von der italienischen Gesundheitspolizei Nucleo Antisofisticazione E Sanita-Carabinieri (N.A.S.) geschlossen. Dank geringer weiterer Konsequenzen mit nur geringem Abschreckungspotenzial. Dies wird in einem Bericht der italienischen Zahnärzteorganization  CAO (Commissione Albo Odontoiatri) dargestellt und entsprechende Maßnahmen angekündigt. Allerdings hat sich am Sachverhalt in den vergangenen Jahren so gut wie nichts geändert.

Horror-Movie-Dentistry auch in den USA

Praktisch um die Ecke von einer mit dem Berichterstatter befreundeten mexikanischstämmigen US-Zahnärztin in Chicago hob erst im April die Polizei eine Primitivpraxis aus. Francisco Rendon (49) betrieb einem Beitrag der Chicago Tribune zufolge illegal und ohne Zulassung eine „Praxis“ in Minimalausstattung. Angeblich hatte er einen für Illinois nicht gültigen mexikanischen, von seinem hispanischen Klientel jedoch akzeptierten Abschluss.

Angesiedelt war das Etablissement zwischen einer Karosseriewerkstatt und einem Schrotthandel, von dem wahrscheinlich auch die Einrichtung stammte. Ein Büroarmlehnstuhl zum Sitzen, ein Mülleimer als Speibecken und ein Dremel-artiges Gerät zur Behandlung. Nebenan wurde passenderweise Schrott mit einer Maschine zerkleinert, die als „Bone Crusher“ (Knochenbrecher) bekannt ist. Beim Illinois State Department of Financial and Professional Regulation gingen allein in den vergangenen 16 Monaten 30 Beschwerden über unzulässige Berufsausübung ein, und erst kürzlich wurde auch hier ein „echter“ Zahnarzt in Macon County angeklagt, weil sein Personal unzulässige Behandlungen durchführte.

Ähnliches wird auch aus anderen US-Bundesstaaten berichtet. Da die State Dental Boards nur lizensierte Zahnärzte regulieren können, sind ihnen gegenüber den nichtlizenzierten illegalen Praxen kurioserweise die Hände gebunden. Andere Behörden wie etwa die Gewerbezulassung oder die Verbraucherschutzbehörde müssen eingeschaltet werden, und entsprechend langsam mahlen die Mühlen der Bürokratie. Derzeit ist in Texas ein „Crackdown“ im Gange, der bislang fünf solcher Betriebe betrifft, von denen es erst gegen zwei ein Gerichtsverfahren gibt. Dies steht in keinem Verhältnis zum eigentlichen Umfang des Problems.

Ähnlich wie in Italien stellt sich das Bild in den USA dar: Zielgruppe sind entweder Einwanderer oder Unversicherte. In Texas wird dieser Sektor entweder von echten Zahnärzten etwa aus Mexiko oder Kolumbien bedient, die für Texas aber keine Zulassung haben, oder von Zahntechnikern oder Zahnarzthelfer(inne)n, die kurzerhand ihr Betätigungsfeld ausweiten. Letztere oft neben ihrer eigentlichen Beschäftigung und natürlich „Cash only“.  Auch Absolventen von US-Universitäten ohne das entsprechende State Board Examen befinden sich unter den Übeltätern. Die sozialen Umstände, kulturelle Loyalitäten und die gegenwärtige Wirtschaftslage begünstigen die „Underground-Dentistry“, die zugegebenermaßen oft Patienten als letzte Hoffnung der Zahnbehandlung anbietet. Oft geschieht dies in Kirchengemeinden, auch Hausbesuche werden angeboten. Patienten beschweren sich ungern über diejenigen, die Ihnen letztlich zumindest gefühlt geholfen haben. Hinzu kommt, dass man nicht zugeben möchte, dass man sich eine Versicherung nicht leisten kann oder letztlich doch abgezockt wurde.

Am meisten beunruhigt die Texas Dental Association (TDA) und andere US-Zahnärzteorganisationen das hohe Gefährdungspotenzial für die Patienten. Bei der Mehrzahl der Behandlungen handelt es sich um Extraktionen, mit der Notwendigkeit einer Anästhesie oder Röntgen. Auch die Verabreichung anderer Medikamente und deren Wechsel- und Nebenwirkungen sowie die Infektionskontrolle geben Anlass zur Besorgnis.

Weit entfernt von solchen Problemen wie in Italien und den USA bietet das deutsche Gesundheitswesen hier kaum Möglichkeiten für eine Guerillazahnmedizin, wobei offensichtlich Wachsamkeit auch gegenüber vorgelegten EU- und anderen Qualifikationen durchaus geboten ist. Auch sollte der US-Midlevel-Provider nicht aus dem Auge verloren werden, finden doch oft solche Entwicklungen in den USA irgendwann auch gerne Befürworter hierzulande.

ZA Carlheinz Swaczyna, Krefeld

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