
Freude an der „Endo“? Das ist eine gute Frage
von Dr. med. dent. Karlheinz Kimmel *
Wer sich gegenwärtig – wie zum Beispiel eine engagierte Gruppe von DAZ-Mitgliedern – intensiv mit den Anforderungen, Möglichkeiten und Grenzen endodontischer Maßnahmen beschäftigt, sieht sich mit einer Fülle fachlicher, mentaler, ethischer und ökonomischer Probleme konfrontiert. Da erscheint die Frage wohl angebracht, ob Wurzelbehandlungen zu den erfreulichen Aufgaben im Praxisalltag eines Zahnarztes ohne spezielle Orientierung zu diesem Teilbereich der Zahnerhaltung gehören.
Wenn dann noch kürzlich ein weithin bekannter Professor bei einer Fachtagung freimütig äußert, dass sich Wurzelkanalbehandlungen bei ihm keineswegs einer besonderen Beliebtheit erfreuen [1] und anderswo ein anderer Professor bei einer Fortbildungsveranstaltung mitteilt, dass dichte Wurzelkanalfüllungen ein „Mythos“ seien [2], ist es sicherlich verständlich, wenn – bei dazu noch weltweit durch zahlreiche Studien dokumentierten Misserfolgsraten von ungefähr 50 Prozent [3–5] – die Endodontie nur akribischen Könnern Freude zu bereiten scheint.
Kürzlich hat einer der prominenten europäischen Endodontologen, der niederländische Wissenschaftler Dr. Luc van der Sluis (bisher Amsterdam, jetzt Universität Toulouse), in einem Leitartikel unter der Schlagzeile „Enjoy your life and work“ [3] für einen Versuch der Endo-Lehrer plädiert, den Zahnärzten die endodontische Behandlung wie ein gutes französisches Dinner schmackhaft zu machen, um so endlich eine bessere Akzeptanz der „Endo“ zu erreichen. Er meint auch, dass unterschiedliche Honorare – 30 Euro für die Wurzelkanalbehandlung eines Schneidezahns und 160 Euro eines Molaren in Frankreich sowie 200 Euro und 300 Euro für die gleichen Leistungen in den Niederlanden – für den Erfolg nicht ausschlaggebend seien, da die Misserfolgsquoten in beiden Ländern sehr ähnlich sind.
Er stellt dabei auch die Frage, ob die endodontische Lehre vielleicht zu kompliziert und damit für den Allgemeinzahnarzt zu schwierig sei. Auch ob es sinnvoll sei, ständig neue Aufbereitungssysteme zu entwickeln und in den Markt einzuführen, ohne dass diese technologischen Fortschritte bisher eine Optimierung bewirken konnten. Und ob es vernünftig sei, dass Endo-Spezialisten in der Hauptsache damit beschäftigt sind, misslungene Wurzelkanalfüllungen zu revidieren. Es sei wohl an der Zeit, diesem Circulus vitiosus ein Ende zu bereiten. Eine Problemlösung wäre auch, wenn (1.) durch mehr Prävention die Kariesentwicklung überhaupt verhindert werden könnte, (2.) durch eine bessere Therapiequalität die Sekundärkaries unter nicht optimalen Füllungen zu vermeiden wäre und (3.) durch eine qualitativ bestmögliche Präparationstechnik mit einer ausreichenden Kühltechnik (Minimum 50 Milliliter Kühlflüssigkeit pro Minute) die Pulpa nicht mehr gefährdet werden würde [5–7].
Als wir älteren Zahnärzte die Pulpa noch mit Arsen töteten und mit sehr einfachen technischen Mitteln die Wurzelkanäle aufbereiten mussten, waren wir weit von den derzeitigen Möglichkeiten entfernt. Wie diese Situation in den vergangenen Jahren kontinuierlich verändert werden konnte, wurde mir bei einem Gespräch mit einem namhaften Standespolitiker bewusst, der meine Meinung über die Problematik des Allgemeinzahnarztes mit der „Endo“ nachdrücklich bestätigte, aber gleichzeitig darüber berichtete, dass er mit der maschinellen Aufbereitungstechnik mit NiTi-Instrumenten, einem Spezialgerät für die Längenmessung und einer Lupenbrille zu viel mehr Erfolgen als bisher gekommen ist. Er zeigte sich sicher, dass mit einer Anpassung an den technischen Fortschritt typische Endo-Probleme viel besser bewältigt werden könnten.
Wer da bei der Internationalen Dental-Schau 2011 einige der innovativen Produkte und Verfahren kennengelernt und bereits angewandt hat, kann sehr wahrscheinlich die Aussage unseres Kollegen bestätigen. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis erste konkrete Erfahrungsberichte über die neuen „Einfach-Systeme“ publiziert werden, die anlässlich der DGZ/DGEndo-Tagung in Düsseldorf von Endo-Experten in Workshops vorgestellt und eingeübt wurden (DZW 20/11, Seite 4).
Alles in allem bestehen – über die unbestreitbaren Probleme (zum Beispiel mit den horizontalen Ramifikationen) hinaus – gegenüber früheren Zeiten wesentlich bessere Chancen, einen Zahn via „Endo“ zu retten, wenn dabei die Geduld und ein gewisser ökonomischer Altruismus nicht überstrapaziert werden.
Aber Freude an der „Endo“? Da fürchte ich, dass weder der Vergleich der „Endo“ mit einem erfreulichen französischen Dinner noch die Vereinfachung der endodontologischen Lehre zu mehr Freude an den Wurzelkanalbehandlungen führen, wenn es keine Anpassung der eigenen Verfahrensweise an die klinische und technische Entwicklung sowie keine Optimierung der ökonomischen Verhältnisse im GKV-Bereich gibt. Von der Wissenschaft her sind mehr Studienergebnisse mit einem höheren Evidenzgrad zu erwarten, an denen es bisher mangelte [8].
Quellen
[1] P. Schmidt: Bericht über das Referat von Prof. Dr. M. Noack (Köln) anlässlich der DAZ-Jahrestagung 2011 in Frankfurt (Main). daz_yahoo.groups.de
[2] Löw J: Demut vor Mikrobiologie. Bakteriendichte Wurzelkanalfüllungen sind ein „Mythos“, meint Gängler. Spectator 2011;Nr. 6:7
[3] van der Sluis L: Enjoy your life and work. ENDO 2011;5(2):83
[4] Schäfer E: Endodontic errors. ENDO 2010;4(3):167
[5] Kimmel K: Endodontie: Sind Wurzelkanalbehandlungen die problematischste
Aufgabe für den Allgemeinzahnarzt?
Dtsch Zahnärztl Z 2011(in Vorbereitung)
[6] Kerschbaum Th: Das Risiko des Vitalitätsverlustes bei Überkronung. DGZMK-Stellungnahme. In: Ketterl W (Hrsg): Deutscher Zahnärztekalender 1984. Hanser, München
[7] Vitalariu A, Caruntu I-D: Morphological changes in dental pulp after tooth
treatment preparation procedure. Romanian Dent J 2005;46(2):131-136
[8] Sonntag D: Empirischer Erfolg versus Evidenz. Welche Evidenz gibt es in der Endodontie? Quintessenz 2008;59(9):947-954
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