Chance Praxis - Das Fachmagazin für Praxisgründer

30. August 2011 |  Kommentar

Verantwortlichkeit zeigen und Mut zur Wahrheit haben – das brauchen die Gesundheitspolitik und alle Beteiligten

von ZA Franz Tilpe, Berlin *

 

Seit Langem ist es schick und allgemein erwünscht, sich der Armen und Bedürftigen in Debatten anzunehmen, sei es in der Politik oder nur am Stammtisch. Überall wurden die Mängel unseres Gesundheitssystems aufgetischt und ausgebreitet. Letztlich will jeder sein eigenes großes Stück vom „Gesundheitskuchen“ für sich und seine Lieben ergattern. Das ist menschlich und gut zu verstehen. Aber: Alle Wünsche gehen zu Kosten und Lasten anderer! Und wer laut nach mehr, nach „gerechter“ Umverteilung ruft, der tut dies ohne Rücksicht auf jene, welche das alles bezahlen oder die Arbeit leisten müssen.

ZA Franz Tilpe

Verantwortlichkeit ist wohl aus den Köpfen vieler Menschen verschwunden. Dieser Begriff enthält mehr als „sich verantwortlich fühlen“, denn dieses Gefühl ist noch lange keine Verpflichtung oder Anerkennung einer eigenen Verantwortung. Wohltaten zu fordern auf Kosten anderer ist leicht und macht Stimmung – bringt aber am Ende nur Verdruss.

Unser deutsches Gesundheitssystem bewältigt große Aufgaben und leistet viel. Nur ein Beispiel: Nach einem Unfall auf einer Landstraße kommt im Notfall schnell ein Rettungshubschrauber und bringt den Verletzten in die nächste Klinik mit Maximalversorgung. Ohne nachzufragen, ob und wie versichert, ob Deutscher oder nicht, ob alt oder jung. Das gilt für ganz Deutschland! Und ich finde es toll, dass wir solch ein gut funktionierendes System haben und uns leisten!

Leider versäumen es die Politiker seit Jahren, auf die funktionierenden Seiten unseres Gesundheitssystems zu zeigen, diese den Bürgern des Landes immer wieder vor Augen zu halten. Stattdessen wird immer in Einzelfalldebatten, in Grabenkämpfen über viele Mängel in Einzelabschnitten debattiert und gestritten. Das ist doch normal, das passiert in jedem Haushalt ebenso, aber dort ist doch auch die klare Haushaltslinie gegeben – wie im Kleinen, so auch im Großen.

Verantwortlichkeit hat man in sich selbst, im Kopf und im Herzen, das wird nicht in Debatten angelernt. Man überlegt bewusst, was man tut oder anordnet, damit andere etwas tun oder was man lässt oder nicht ausführen lässt und welche Konsequenzen das eine und das andere für einen selbst oder andere Menschen hat. In unserer Gesellschaft hat jeder seine eigene Verantwortlichkeit zu tragen, und zwar gemäß seinen Aufgaben, seinem Können und Wissen. Ein Friedhofsgärtner hat geringere Verantwortlichkeit als ein Busfahrer, ein selbstständiger Zahnarzt weniger als ein Klinikchef etc.

Einfach nur am Leben teilnehmen – ohne Verantwortung für irgendetwas –, das ist nicht in Ordnung, immer nur andere machen lassen, von anderen alles Mögliche zu fordern, ist mehr als unfair! Exkulpiert sind natürlich Kinder und Personen, denen es nicht möglich ist, aufgrund persönlicher Schwächen Verantwortung zu übernehmen.

Nun aber zu unserem deutschen Gesundheitssystem: Wir alle haben über Jahrzehnte eine Vollkasko-Mentalität entwickelt, jeder erwartet, dass ein anderer für eventuelle Schäden, Krankheiten aufkommt, wenn es ums Geld geht. Nicht zuletzt hat unsere Politik jahrzehntelang dafür gesorgt! 90 Prozent der Bürger sind im GKV-System versichert, und dieses wird im SGB I bis XII geregelt.

Wir Zahnmediziner kennen das SGB V. Wenn man jedoch die Präambel, den Paragrafen 1 liest, kann es einen nur erschrecken: „… die Krankenkassen sind für die gesundheitlichen Belange der Versicherten zuständig …“. Was soll das? Es ist doch klar, dass ein jeder für sich selbst und seine eigene Gesundheit verantwortlich ist! Ebenso ist jeder für seine Kinder und die (alten, kranken) Eltern verantwortlich, soweit er dazu in der Lage ist. Die Krankenkassen erhalten lediglich das Geld als monatlichen Versicherungsbeitrag zum Bezahlen der medizinischen Leistungen, die notwendig, zweckmäßig, ausreichend und wirtschaftlich sind. Aber das SGB ist seinerzeit (in den 70ern) von der SPD gestrickt worden und wird heute wie die Bibel gehalten. Wir haben zwar eine CDU- und FDP-Regierung, aber selbst die FDP hat sich noch nicht an dem oben genannten Paragrafen 1 gestört! Das wäre nach meiner Meinung der allererste Schritt, diesen Paragrafen 1 zu streichen und auf die Eigenverantwortung jedes Einzelnen zu verweisen (Subsidiarität, nicht nur finanziell!).

Ich weiß, ich stehe mit dieser Meinung nicht alleine da. Alle wundern sich über die dauernden Querelen und Mangelverwaltungen im Gesundheitssystem, dauernd werden Ausschüsse gebildet, die auch nichts Durchgreifendes bewegen können – warum? Weil den Krankenkassen per Gesetz eine Macht und eine Verantwortung übertragen wurde, die sie nie erfüllen können.

Zur Heilbehandlung sind nur wir approbierten Ärzte/Zahnärzte zugelassen und das entsprechende Fachpersonal. Niemand anderes! Aber wir werden als „Leistungserbringer“ abgestempelt (den Nummernstempel haben wir ja) und sollen abarbeiten, was sich Politik und Krankenkassen ausgedacht haben, um ihr (vom Autor unterstrichen) System zu halten, nicht um unsere Patienten, jeden individuell zu behandeln.

Viele Verantwortliche aus Politik und Krankenkassen wissen um diese Misere – aber sie halten in der Öffentlichkeit ihren Mund! So möchte ich noch von dem Pfarrer in Brandenburg schreiben, der vor ca. 140 (!) Jahren von der Kanzel rief: „Gott gebe uns Politiker, die gute Arbeit tun, und nicht solche, die nur Gutes tun möchten!“ Mehr Mut und Verantwortlichkeit zeigen tut uns allen gut.

Eigenen Kommentar hinzufügen

* - obligatorisches Feld

*




*

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.
Drucken / als PDF ausdrucken
DZW im Abo

DZW im Abo

Jede Woche: Die
Zahnarztwoche im
Abonnement

DZW TV

DZW TV

Informationen aus
der Gesundheits- und
Berufspolitik, Neues
aus der Zahnmedizin,
Hinweise auf
interessante
Veranstaltungen,
Interviews u.v.m.

Kommende Veranstaltungen

Abrechnung Frühjahrs-Seminar 2012: GOZ 2012 – Annehmen – Umsetzen – Durchsetzen 22.05 Bad Zwischenahn
Abrechnung Frühjahrs-Seminar 2012: GOZ 2012 – Annehmen – Umsetzen – Durchsetzen 22.05 Neuss
Abrechnung Mit uns an die Spitze: Das GOZ 2012–Update 23.05 Willich
alle Termine öffnen

Amalgam ist nicht unumstritten: Es gibt viele Befürworter, aber ebenso auch viele, die Amlagam ablehnen. Wie halten Sie es in Ihre Praxis?

Ich lehne es aus gesundheitlichen Gründen ab. Ich lehne es aus ästhetischen Gründen ab. Ich verwende es nur auf ausdrücklichen Patientenwunsch. Für mich ist Amalgam bislang ohne Alternative
Hier gelangen Sie zum Umfragearchiv.