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13. Dezember 2011 |  Politik aktuell

„Ergebnisse und Schlussfolgerungen nicht nachvollziehbar“

Studie von Stern und Ergo: nicht mal ein Drittel der Zahnärzte in Befundaufnahme und Beratung gut – Körperschaften wollen „genau prüfen“ –

 

Nicht einmal ein Drittel der Zahnarztpraxen sei in Befund und Beratung „so gut, wie es der Patient erwarten darf“, verkündeten das Magazin Stern und die Ergo Direkt Versicherung (Fürth) am Mittwoch vergangener Woche auf einer Internetpressekonferenz als Ergebnis einer Stichprobenstudie. 30,7 Prozent der Praxen hätten auf einer Notenskala von 1 bis 6 mit den Noten 5 und 6 schlecht abgeschnitten. In 35 Prozent der untersuchten Praxen hätte der Befund „zu einer Über- oder Unterversorgung geführt“, heißt es. Das Hamburger Magazin titelte dann auch in seiner aktuellen Ausgabe vom Donnerstag vergangener Woche „Vorsicht, Zahnarzt!“.

Man hoffe, mit der Untersuchung „eine Diskussion anzustoßen, die Patienten zu einer besseren Behandlungsqualität verhilft“, so der Stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn anlässlich der Pressekonferenz. Auch der Vorstandsvorsitzende der Ergo Direkt, Peter M. Endres, stieß in dasselbe Horn und beklagte, dass der Patient die Zeche zahle und häufiger zum Zahnarzt müsse, „es wird teurer. Irgendwann müssen dann auch die Versicherer die Tarife erhöhen, weil immer mehr – unnötige – Rechnungen eingereicht werden.“ Die Patienten verlören durch die „schwarzen Schafe“ auch „das Vertrauen in eine ganze Zunft“.

Grundlage für diese Feststellungen und die Titelstory ist eine von der Ergo finanziell unterstützte Studie „Die Qualität des zahnärztlichen Erstbefundes. Eine Studie zur Befund- und Beratungssorgfalt des niedergelassenen Zahnarztes“. Autoren der in Zusammenarbeit mit dem Kölner Institut für angewandte Verbraucherforschung (IFAV) entstandenen Studie sind Dr. med. dent. Florian Grummt, Fürth, Dr. med. dent. Hans-Georg Melchers, Hannover, und Dr. med. dent. Eberhard Riedel, München. Riedel hatte sich, auch in seiner Zeit als Vorsitzender des Deutschen Arbeitskreises für Zahnheilkunde (DAZ) im NAV-Virchowbund, in der Vergangenheit mehrfach und kritisch zum Thema Qualitätssicherung in der zahnärztlichen Behandlung geäußert. Melchers arbeitet auch für den Medizinischen Dienst der Krankenkassen in Niedersachsen als Gutachter.

Der Stern nahm die Studie zum Anlass, gleich die Qualität und das hohe Niveau der zahnmedizinischen Versorgung in Deutschland als reine Behauptung der Standesorganisationen zu diskreditieren und den gesamten Erfolg der zahnärztlichen Prophylaxe allein dem besseren Zähneputzen zuzuschreiben. Als eine der Ursachen für die „Missstände“ wird „Geldgier“ angeführt. Die Titelstory der Stern-Redaktion mit den üblichen Erfahrungsberichten der Probanden, Expertenzitaten und den Statements der drei Studienautoren steht allerdings im Kontrast zu den „Tipps für die nächste Behandlung“, die von den drei Autoren recht sachlich zusammengestellt wurden.

Für die mit Anhang 48 Seiten starke Studie wurden insgesamt 23 Probanden mit unterschiedlichen Befunden und Behandlungsbedarf ausgewählt und der Befund von jeweils einem der Autoren nach einem umfangreichen Standardbefunderhebungsbogen erhoben. Danach wurden die Probanden laut Autoren umfassend über ihre Befunde und deren Behandlungsbedürftigkeit und die Behandlungsalternativen aufgeklärt. Sie erhielten zudem eine Instruktion und einen Fragenkatalog, um die Befunderhebung und die mitgeteilten Ergebnisse verstehen und nachfragen zu können.

Die Probanden suchten dann in sechs Testregionen (Berlin, Frankfurt, Hamburg, Hannover, München, Nürnberg) jeweils fünf Praxen als Neupatienten auf und beurteilten anschließend mithilfe eines umfangreichen Testbogens die Praxis, die Befundaufnahme und die Behandlungsempfehlungen. Die Testbesuche fanden vom 12. Januar bis 24. März 2010 statt. 114 Berichte flossen schließlich in die Auswertung ein.

Ziel der Studie war es laut Autoren festzustellen, wie sorgfältig die Befunderhebungen beim Zahnarzt und wie verlässlich zahnärztliche Beratungen und Therapieempfehlungen sind. „Zugrunde gelegt wurden dieser Studie eher maßvolle Befundkriterien unter den meist einschränkenden realen Alltagsbedingungen einer durchschnittlichen Zahnarztpraxis“, so die Autoren.

In ihrer Bewertung heißt es: „Die Ergebnisse zeigen ein ernüchterndes Bild. So kann im Notenbereich von 1 bis 6 eine Gesamtdurchschnittsnote aller Testpraxen von 3,53 nicht befriedigen. Noch drastisch darunter liegt mit 4,40 die Durchschnittsnote bei den ‚schweren‘ Patientenfällen.“ Lediglich bei 28,9 Prozent der Untersuchungen (Noten 1 oder 2) seien die Erwartungen an die Qualität der Befunderhebungen weitestgehend erfüllt, bei gewissen Abstrichen (Schulnote 3) erfüllten die Hälfte der Praxen (50,9 Prozent) die Erwartungen. „Das bedeutet, dass die Befundleistungen bei fast jedem zweiten Zahnarzt deutlich bis ganz erheblich zu wünschen übrig lassen.“ Laut Autoren „sehr auffallend ist ferner die enorme Streuung der Befundqualität bei ein und demselben Probanden, was darauf schließen lässt, dass etwaige Besonderheiten der objektiven Befundsituation des Probanden als Grund für die Befunddefizite des Zahnarztes ausscheiden.“

Die Autoren appellieren an die Standespolitik, „die gefundenen Missstände anzuerkennen und bei der Verringerung der offenkundigen Defizite tatkräftig mitzuwirken“. Befundmaßnahmen nach allgemein anerkannten Regeln müssten zum Bestandteil des Qualitätsmanagements werden. Zugleich wird an die Wissenschaft und die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde „die Bitte herangetragen, ein Standardbefundprotokoll für Erstpatienten“ zu entwickeln und als Leitlinie zu veröffentlichen.

Für Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) sind die Ergebnisse dieser „nicht repräsentativen Studie“ nicht nachvollziehbar. Sie verunglimpfe den ganzen Berufsstand und verunsichere die Patienten, heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung. „Wir werden diese Studie genau prüfen. Die vorgelegten Ergebnisse und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen können wir nicht nachvollziehen“, so BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel.

Der KZBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Jürgen Fedderwitz erklärte: „Diese einseitig angelegte Studie hilft erst einmal niemandem. Untersuchungsziel und Untersuchungsvorgehen passen fachlich nicht zusammen. Dennoch nehmen wir diesen Rundumschlag gegen den gesamten Berufsstand ernst – und natürlich kann jeder von uns noch immer etwas besser machen.“

„Der Patient steht immer an erster Stelle. Umfang und Aufwand einer zahnmedizinischen Leistung hängen ganz wesentlich vom Einzelfall und der Patientenerwartung ab“, so Engel.

Die Kassenzahnärztliche Vereinigung Niedersachsen sieht die Studie „auf tönernen Füßen“, Methoden aus der Marktforschung seien nicht geeignet, wissenschaftlich abgesicherte Therapiealternativen zu vergleichen. Die angewandte Methodik sei unklar. „Geradezu fahrlässig wird hier mit einer methodisch schlecht gemachten Untersuchung, die noch nicht einmal repräsentativ ist, billig Meinung gemacht“, so Dr. Ute Maier, Vorstandsvorsitzende der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Ohne Grund werde das gewachsene Vertrauensverhältnis der Patienten untergraben. „Dass dies auch noch von einer Versicherung kommt, das spricht Bände“, so Maier.

Dr. Helmut B. Engels, Präsident des Fachverbands DZOI, sieht im Stern-Beitrag „eine Verunglimpfung des ganzen Berufsstands auf der Grundlage einer Stichprobe“, die tatsächliche Versorgungsqualität könne nur durch eine repräsentative, wissenschaftlich fundierte Studie überprüft werden.

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