Chance Praxis - Das Fachmagazin für Praxisgründer

19. Dezember 2011 |  Kommentar

Rückblick ernüchternd, Ausblick durchwachsen

von Chefredakteurin Dr. Marion Marschall –

 

Anfang dieses Jahres schrieb Dr. Dirk Erdmann in einem Kommentar, 2011 sei im chinesischen Kalender das „Jahr des Hasen“, da würde in der Regel eh nicht viel passieren, man könnte dem Kommenden also gelassen entgegensehen. Nicht nur für die Zahnärzteschaft aber war 2011 ein an Ereignissen reiches Jahr – aber die Ausnahme bestätigt ja die Regel.

Aufregerthemen gab es wahrlich viele. Allen voran die GOZ-Novellierung mit der „Begleitmusik“ vonseiten der PKV, der Krankenkassen und der Medien, die wieder einmal die Maschinerie der üblichen „Abzocke“-Berichterstattung über Zahnärzte in Gang setzten. Für die Zahnärzteschaft einer der größten Aufreger und die größte Enttäuschung jedoch war, ist und bleibt die GOZ-neu selbst, die den Namen „neu“ nach mehr als 46 Jahren Stillstand beim Punktwert und ihrer Minimal-Kosmetik an den Inhalten absolut nicht verdient.

Enttäuschung über die eigene Standespolitik, von der man mehr und glücklicheres Agieren erwartet hätte und deren weitgehende Machtlosigkeit gegenüber der Politik man erkennen musste, und die sich in wütenden Kommentaren Luft machte. Enttäuscht sind viele aber auch von eben dieser Politik, vor allem von der FDP, deren Wahlversprechen, deren Koalitionsvertrag und deren eigene Zusagen ihrer Gesundheitsminister Rösler und Bahr sich im Gegenwind der „Realpolitik“ in nichts auflösten (fast nichts, die Öffnungsklausel gab es für die GOZ immerhin nicht, aber die kostet ja auch nichts).

Die vielen anderen, zum Teil regionalen „Aufreger“ rücken da in den Hintergrund, so die Wahl des Vorstands der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, bei dem dann trotz aller Machtkämpfe im Vorfeld doch der alte auch der neue wurde. Die in Berlin noch immer anhaltenden Diskussionen um die Erstattung von Kosten für zwei Vorstände in einem schon sechs Jahre zurückliegenden Rechtsstreit, bei dem jüngst die Aufsichtsbehörde „beratend“ in Erscheinung trat. Der im hessischen Heilberufegesetz vorgesehene (und inzwischen wieder gestrichene) „Fachzahnarzt für Allgemeine Zahnheilkunde“. Die Vorbereitung der „papierlosen“ Abrechnung mit digitaler Laborrechnung, bei der es vielfach hakt und knirscht und die den Praxen noch mehr Arbeit beschert. Und erst jüngst die Berichterstattung im Stern.

Was ist positiv zu vermerken? Es ist ein erster Schritt in Richtung Entbudgetierung getan, der Bundesrat hat das GKV-Versorgungsstrukturgesetz am Freitag vergangener Woche endgültig abgesegnet. Und es wird erstmals eine eigene Bema-Position für die aufsuchende zahnärztliche Betreuung pflegebedürftiger und behinderter Menschen geben. Wie sich beides auswirken wird, hängt nun aber auch entscheidend von den KZVen und der KZBV und dem Verhandlungsgeschick der Standespolitik ab. Die Patienten sind trotz anhaltender Finanzkrise zur Behandlung in die Praxen gekommen, noch hält Deutschland mit Wachstum und Beschäftigung gegen die Krise. Das Interesse an fachlicher Fortbildung ist weiter ungebrochen, der Blick geht immer häufiger über den Tellerrand der Zahnmedizin hinaus. Der Wandel im Berufsstand mit mehr Zahnärztinnen und mehr angestellten Zahnmedizinern, der stärkere Wunsch nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist auch in der Standespolitik bei einigen Körperschaften angekommen und angenommen worden, so bei Bundeszahnärztekammer und KZBV und in der Bayerischen Landeszahnärztekammer.

Die Internationale Dental-Schau in Köln hat sich erneut als erfolgreiches und positives Fenster auch der deutschen Dentalindustrie, Zahnmedizin und Zahntechnik positioniert und Rekorde gebrochen – auch wenn Zahnärzte und Zahntechniker hierzulande vielfach längst nicht mehr so investieren können, wie sie gerne möchten. „Ich bin mir vorgekommen wie ein DDR-Bürger, der sich die schönen und nützlichen Dinge ansehen, aber nicht kaufen konnte“, so ein IDS-Besucher.

Dennoch ist die Bilanz alles in allem eher ernüchternd, vor allem wegen der GOZ und ihrer Entstehung. Und so fallen auch die Aussichten für 2012 eher durchwachsen aus. Die Praxen erwartet nicht nur wegen der neuen GOZ und der „papierlosen“ Abrechnung noch mehr Bürokratie. Die Zahnärzte werden das Thema GOZ in den Griff bekommen, so wie sie die vielen anderen Zumutungen aus der Politik in den vergangenen Jahren immer wieder auch im Interesse der Patienten „irgendwie“ in den Griff bekommen – und dabei oft draufgezahlt – haben. Die möglichen Konsequenzen der neuen Qualitätssicherungsrichtlinie aus dem Gemeinsamen Bundesausschuss werden wir erst im kommenden Jahr wirklich erkennen können. Das gilt auch für die Folgen der neuen Trinkwasserverordnung. Das Patientenrechtegesetz wird uns 2012 ebenfalls beschäftigen.

Anfang 2012 wird die Klage zur GOZ an das Bundesverfassungsgericht gehen. Entscheidet das Gericht im Interesse der Zahnärzte, worauf alle hoffen, wird aber doch einige Zeit ins Land gehen, bis die Politik die Entscheidung in die Praxis umsetzt. Mit Sorge muss man daher trotz der Enttäuschung über die GOZ auf den scheinbar unaufhaltsamen Niedergang der FDP schauen, der für die bürgerlich-liberale Koalition nichts Gutes verheißt. Scheitert sie, wird eine neue Regierung über kurz oder lang den Weg in eine Einheitsversicherung beschreiten, die Ärzte und Zahnärzte dann noch stärker zu „Angestellten“ des Gesundheitswesens machen wird.

Wir werden Sie, unsere Leserinnen und Leser, auch im kommenden Jahr durch all diese und viele weitere Themen begleiten, darüber informieren, sachlich und kritisch berichten und kommentieren und Ihnen vor allen Dingen gerne ein Forum bieten. Denn Ihre Meinung ist gefragt, Sie sind uns wichtig.

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