
Wichtiges Thema, aber falscher Platz und Zeitpunkt
von Chefredakteurin Dr. Marion Marschall –
Seit dem Frühjahr wegen der Novellierung der GOZ immer wieder unter – gemessen am Ergebnis erst recht absolut ungerechtfertigtem – Abzocke-Verdacht stehend, „beglückt“ nun noch der Stern die Zahnärzte mit einer „passenden“ Titelstory. „Vorsicht, Zahnarzt!“ prangte Abonnenten und Käufern des Blatts entgegen.
Die aktuelle Ausgabe reiht sich damit ein in die Vielzahl der Medizin-Titel und -Themen diverser Magazine und Zeitschriften, die mit „Bestenlisten“ oder kritischer Berichterstattung über Ärzte etc. um Käufer buhlen. Denn „Medizin und Gesundheit verkauft sich gut“, das wissen auch Chefredaktionen und Verlage. So ging bei Ärzten eine Zeitlang das Wort von der „Bunte“-Krankheit um, wenn Patienten nach Lektüre des neuesten Medizinbeitrags in diesem Blatt schon tags darauf in der Praxis vorstellig wurden und genau die dort beschriebenen Symptome schilderten.
Gerade mit kritischer Positionierung zum eigenen ärztlichen Berufsstand kann man viel mediale Aufmerksamkeit erzeugen, erinnert sei nur an das (kostenpflichtige) Zweitmeinungsportal einiger namhafter Orthopäden und Chirurgen, das in diesem Jahr durch alle Medien ging (damals hatte der Spiegel publizistisch den Aufschlag). Und genau in diese Richtung ging die Berichterstattung im aktuellen Stern.
Auch wenn die mediale Resonanz auf den aktuellen Bericht im Vergleich dazu mehr als verhalten ausfiel, einen Nachklang werden Zahnärztinnen und Zahnärzte in ihren Praxen in den kommenden Wochen oder gar Monaten noch erleben. Etwas davon bleibt immer hängen, selbst wenn die große Zahl der Patienten mit ihrem Zahnarzt zufrieden ist.
Der Zeitpunkt kurz vor dem Inkrafttreten der neuen GOZ war ganz offensichtlich bewusst gewählt, die Datenerhebung für die zugrunde liegende Studie über die Befunderhebungsqualität war schließlich bereits vor fast zwei Jahren gelaufen. Dass eine vor allem im Geschäft mit (Zahn-)Zusatzversicherungen derzeit auf dem Markt sehr aktive private Krankenversicherung durch finanzielle Unterstützung der Studie und in der medialen Präsenz breit dabei war, passt dazu wie die Faust aufs Auge. (Dass just diese Zusatzversicherung im Leistungsvergleich bei Versicherungsexperten nicht besonders gut wegkommt, sei hier nur am Rande erwähnt.)
Der eigentliche Kern des Berichts, die Studie der drei Zahnärzte Grummt, Melchers und Riedel und des Kölner Instituts über die sehr unterschiedliche Qualität der zahnärztlichen Befunderhebung und Beratung, ist allerdings nicht so leicht beiseitezuschieben. Das Problem existiert und ist eigentlich jedem Praktiker aus eigener Erfahrung bekannt. Eine kritische Auseinandersetzung der Zahnärzteschaft mit dieser Studie, nicht nur methodisch, sondern auch in der Sache, ist daher wünschenswert.
Die Gründe für diese festgestellten Unterschiede sind vielfältig, sie reichen von Stand der Aus- und Fortbildung bis hin zu den ganz individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten jedes Einzelnen. Die Streubreite insgesamt mag im Vergleich zu anderen Berufen oder „Dienstleistungsanbietern“ auch nicht überraschen. Aber sie erscheint den Patienten, die eine gute zahnmedizinische Versorgung erwarten, bei Zahnärzten zu Recht nicht tolerabel. Umso wichtiger ist es, vonseiten der Zahnärzteschaft hier selbst aktiv zu werden, auch um solchen (in diesem Fall auch interessengelenkten) Presseberichten – und den daraus ja gerne folgenden Regelungsaktivitäten der Politik – etwas entgegensetzen zu können. Daher sollten BZÄK und KZBV ihren Ankündigungen unbedingt auch Taten folgen lassen.
Mit einer guten und gründlichen Befunderhebung nach aktuellem Stand der Wissenschaft bei Neupatienten wird die Basis nicht nur für die Diagnose und die Therapie, sondern auch für eine vertrauensvolle und lang dauernde Arzt-Patienten-Beziehung gelegt. Sie ist gerade in einer Zeit, in der sich Patienten immer mehr vorab informieren und auch wechselbereiter sind, eines der Fundamente für eine medizinisch und wirtschaftlich erfolgreiche Praxis. Hier auf dem aktuellen Stand zu bleiben, ist im Praxisalltag nicht immer ganz einfach. Der Appell der drei Studienautoren an die DGZMK, dafür ein „Standardbefundprotokoll“ zu entwickeln, erscheint durchaus sinnvoll.
Die drei Autoren müssen sich allerdings der Frage stellen, warum sie ihr Anliegen, auf ein Problem im Berufsstand und in der Patientenversorgung aufmerksam zu machen, ausgerechnet mit einer privaten Krankenversicherung und einer Publikumszeitschrift umsetzen mussten. Dass sie so blauäugig waren, die Folgen und Formen dieser Zusammenarbeit nicht abschätzen und nicht erkennen zu können, dass ihr Thema für die Zwecke anderer instrumentalisiert werden würde, ist nicht anzunehmen. Die Ziele einer Versicherung und die Art der Berichterstattung gerade über kritische Medizinthemen sind jedem bekannt, der auch nur gelegentlich die Medien verfolgt.
Aus der Sicht der Fachöffentlichkeit haben sie ihrem Anliegen, wenn sie es denn ernst meinen (und das sei hier einmal angenommen), damit mehr geschadet als genutzt. Es hätte mehr als genug Möglichkeiten gegeben, dieses Problem in der Zahnärzteschaft – auch in dem von den Autoren selbst angerufenen AK Ethik (der ja jüngst so einen Fall vorstellte, siehe DZW 47/11) – zu thematisieren und zu diskutieren. So haben sie ohne Not den Keim des Misstrauens bei Patienten gelegt – auch gegenüber der großen Mehrzahl der Zahnärztinnen und Zahnärzte, die ihre Arbeit gut machen.
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