
Kultur des Misstrauens in der Politik
Zahnärztekammer Niedersachsen bot in Braunlage erneut einen hervorragenden und gut besuchten Winterfortbildungskongress –
Der 59. Winterfortbildungskongress der Zahnärztekammer Niedersachsen hat erneut mit nationalen und internationalen Referenten eine hervorragende Fortbildung geboten. Das diesjährige Thema „Kontroversen in der Zahnmedizin – Was Sie als Zahnarzt schon immer wissen wollten“ zeigte anhand zahlreicher Vergleiche die oftmals sehr unterschiedlichen Therapiemöglichkeiten auf. Dass diese Kontroversen selbstverständlich ausschließlich mit wissenschaftlichen Argumenten ausgefochten wurden, dafür garantierten Dr. Michael Sereny, Präsident der Zahnärztekammer Niedersachsen, und Prof. Dr. Thomas Attin, langjähriger Kongressleiter von der Universität Zürich.
Gut 680 Kongressteilnehmer ließen sich von den Referenten die in den Vorträgen aufgeworfenen Fragen zu den Behandlungsalternativen kompetent und praxisnah vortragen, um anschließend in die engagierten Diskussionen einzusteigen.
„Ökonomie dient nicht der Medizin“
Vor einer weiteren „Ökonomisierung der Medizin“ warnte der Freiburger Ethik-Experte Prof. Dr. Giovanni Maio in seinem Vortrag. Denn die „Ökonomie dient nicht der Medizin“, so Maio. Der Wandel „einer sozialen Handlung des Arztes in einen Kundendienst gegen Geld“ sei aber „ein Symptom unserer Zeit“. Das gelte für alle Bereiche der Gesellschaft, so der Ethiker.
Ursprünglich seien Wirtschaftskonzepte vorwiegend für die industrielle Produktion gedacht gewesen, welche rentabler und damit kostengünstiger werden sollten. Inzwischen würden aber auch „soziale Bereiche als Prozesse des Herstellens begriffen“, was zu einer „Industrialisierung der Medizin“ führe, die dadurch effizienter werden solle. Doch bei der medizinischen Behandlung gehe es um den Einzelfall. Es könne hier „keine Therapie von der Stange“ geben.
Zwar sei auch „in der Zahnmedizin ökonomisches Denken wichtig“, aber „die Ökonomie hat nur dort Raum, wo sie der Zahnmedizin hilft, ihre Ziele zu erreichen“. Ziel sei es, anderen Menschen zu helfen. „Man hilft, weil der andere Hilfe braucht. Die Hilfe ist der Zweck an sich“, sagte Maio. Derzeit sei es eher umgekehrt: „Die Lokomotive ist die Ökonomie, die Vorgaben macht, was sich lohnt, damit am Ende die Zahlen stimmen“. Damit aber „verabschieden wir uns von bestimmten Werten in der Gesellschaft“.
Politiker wünschten sich letztlich „keine wirklichen Ärzte mehr, sondern Manager“. Deshalb werde jede Behandlung „modularisiert, in ihre Bestandteile zerlegt“, wodurch aber die „ureigene ärztliche Qualifikation entwertet und herabgesetzt wird“.
Deutsche mit ihrem Zahnarzt sehr zufrieden
Die Einstellung der Politiker zu den Ärzten machte auch Sereny zum Thema. 91 Prozent der Bundesbürger seien mit ihrem Zahnarzt „sehr zufrieden oder zufrieden“, habe eine repräsentative Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie ergeben. „Ich halte das Ergebnis für fabelhaft“, sagte Sereny. Die Politik aber habe dieses Vertrauen gegenüber der Zahnärzteschaft nicht: Vielmehr herrsche eine „Kultur des Misstrauens“, bedauerte Sereny.
Er machte diese Einschätzung an der seit dem 1. Januar geltenden novellierten Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) fest: Sie führe nicht zu einem Abbau von Bürokratie, sondern zu „neuen, unnötigen Belastungen“. Vor allem aber sei die GOZ 2012 „von der Beschreibung einer wissenschaftlich fundierten, modernen, präventionsorientierten, minimal-invasiven Zahnheilkunde Lichtjahre entfernt“, kritisierte der ZKN-Präsident. „Eine große Chance wurde verpasst.“ Auch bei der Honorierung sei die GOZ mehr als nur von gestern: Der Leistungsteil sei in nur wenigen Positionen verändert worden. Der größte Teil der Leistungen werde weiterhin zum 1988, also vor fast 25 Jahren eingeführten Preis berechnet. Damit liege das Honorar für die Behandlung von Privatpatienten und Beihilfeberechtigten, die über die GOZ abgerechnet werden, in vielen Positionen „noch unter dem Honorar der Gesetzlichen Krankenversicherung“.
Wieder ein voller Erfolg
In seinem Fazit am Ende des Kongresses brachte Sereny es auf den Punkt: „Wir freuen uns, dass es uns mit diesen Themen wieder gelungen ist, fast 700 Teilnehmer nach Braunlage zu locken, trotz zunehmender sonstiger Pflichtveranstaltungen für die Kollegenschaft. Aus vielen Gesprächen mit den Teilnehmern wissen wir: Es sind nicht die Fortbildungspunkte, sondern das hervorragende Programm und das sehr persönliche Ambiente, welches viele zu ,Wiederholungstätern‘ macht.“
Attin ergänzte: „Der Erfolg von Braunlage ist neben einem interessanten Thema natürlich auch von den Referenten abhängig. Und da hatten wir erneut mit den diesjährigen Referenten Fachleute, die nicht nur über einen ausgezeichneten wissenschaftlichen Ruf verfügen, sondern die auch für ihre hervorragende klinische Tätigkeit bekannt sind.“
Der nächste Winterfortbildungskongress mit dem Thema „Digitale Medien in der Zahnarztpraxis“ wird vom 23. bis 26. Januar 2013 wieder in Braunlage stattfinden.
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