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07. Oktober 2009 |  Assistenten

USA – Dritte Welt oder Industrienation?

Freiwillige sind bei Einsätzen von Hilfsorganisationen immer stärker gefordert –

Von der besseren Vernetzung der Nachwuchsorganisationen European Young Practitioners in Dentistry (EYPD) oder New Young Professionals in Dentistry (NYPD) mit Nachwuchsorganisationen anderer Regionen profitieren alle Seiten gleichermaßen. Besonders hoch ist das Interesse von Berufsanfängern wie Janina Kupka am Volonteer Work Abroad Service, den weltweiten Freiwilligendiensten, die zahlreiche Organisationen anbieten.

Truck der Hilfsorganisation RAM im Einsatz

Freiwillige lernen schnell, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, und dass selbst im reichsten Land der Welt auch das Gesundheitssystem seine Schattenseiten hat. Diese Erfahrung hat auch Janina gemacht, die bereits zweimal mit Volunteer Corps der Remote Area Medical (RAM) unterwegs war. RAM ist eine weltweit tätige Freiwilligenorganisation, die immer häufiger im Ursprungsland USA selbst benötigt wird.

Der Kontakt zu den New Dentists kam über die Army Dentists zustande. Gegründet wurde RAM im Jahr 1985 von Stan Brock, der 15 Jahre lang mit den Wapsihana- Indianern in den Regenwäldern des Amazonas gelebt hat. Er sah, wie ganze Stämme dem Untergang entgegen gingen. Zurück in den USA rief er RAM ins Leben, um eine medizinische Grundversorgung in unzugängliche Regionen zu bringen.

Viele RAM-Projekte sind Experten vorbehalten, weil sie hohe Anforderungen an die physische Leistungsfähigkeit stellen und ein hohes Maß an Erfahrung verlangen. Doch selbst in den USA ist die Tätigkeit für RAM kein Spaziergang. Die Einsatzschwerpunkte liegen in den sogenannten unterversorgten Regionen, welche bereits wenige Autostunden von der Hauptstadt Washington entfernt beginnen. Die Hilfsorganisation bietet Amerikanern, die keine Krankenversicherung haben, arbeits- oder mittellos sind, ihre Dienste gratis an.

Wenn ein Versorgungstross in diesen Region ankommt, ist es für viele mittellose Menschen wie Weihnachten. Je nach Stärke der Truppe können zwischen 1.000 und 2.000 Patienten in Zelten, unter freiem Himmel oder auch mal in einem Sportstadion behandelt werden.

Diesmal wird Station gemacht in Caros County. RAM wird erwartet. Die Beteiligten kennen die Örtlichkeiten, als in der abgelegenen Region der Blue Ridge Mountains ein regelrechtes Feldlazarett aufgebaut wird. Hinter dem Projekt steckt ein gigantischer logistischer Aufwand. Das Equipement wird mit Trucks angeliefert. Zelte werden aufgebaut, Stromaggregate in Betrieb genommen. Natürlich hat die medizinische Versorgung Vorrang. Aber auch die Zahnmedizin nimmt einen bedeutenden Raum ein. Dicht gedrängt und in langen Reihen werden graue Behandlungsstühle, oder besser Klappliegen, wie sie beim Katastrophenschutz benutzt werden, aufgestellt. Ein mobiler Röntgenwagen aus alten Militärbeständen kommt zum Einsatz. Gleiches gilt für ausgediente Spenderbrillen. Sie werden angepasst, und es werden neue Gläser geschliffen.

RAM-Team
Zahnmediziner des RAM-Teams behandeln Patienten im Notlager

Pünktlich um fünf Uhr früh geht es los mit einem kurzem Frühstück und militärisch knappem Briefing. Dann ist für Zahnärzte, Augenärzte und die Schwestern Akkordarbeit angesagt. Das Team ist eingespielt, aber Improvisation bleibt Trumpf. Es geht zu wie in einem Bienenstock: Hunderte Menschen mit roten, blauen und gelben Armbändern und schwarzen Nummern auf den Handrücken laufen umher.

Doch trotz all des Aufwands bleibt die Versorgung begrenzt. Wer es als Patient nicht geschafft hat, sich für eine Behandlung zu registrieren, kann es an einem der nächsten Tage noch einmal probieren. Viele sind schon Tage vorher angereist, um ja zu den ersten zu gehören, die in den Genuss der Behandlung kommen. Sie haben in Zelten, in Schlafsäcken unter Plastikplanen oder auf ihren alten Pick-ups campiert. Das Lager platzt aus allen Nähten. Terry, der guten Seele an der Registratur, fällt es schwer, Patienten zu vertrösten, aber es geht nicht anders: „Die Zahl der Bedürftigen wird immer größer, und wir können einfach nicht mehr als 1.500 Patienten pro Tag annehmen.“

Auf der einen Seite bewundert Janina den disziplinierten und durchorganisierten Ablauf, gleichzeitig ist es ein erschreckendes Erlebnis: „Die Zange nahm ich morgens in die Hand und legte sie erst am Abend wieder beiseite. Viele, ja eigentlich die meisten Zähne hätten gerettet werden können. Aber die Möglichkeiten sind begrenzt.“

Die Gesundheitsreform, die seit mehr als 20 Jahren in den USA diskutiert wird, aber nicht kommt, ist in Gesprächen immer wieder ein Thema. Über die Abläufe in Europa haben die Amerikaner schon vieles gehört, sind aber froh, auch einmal Informationen aus erster Hand zu bekommen. Welche Vorzüge das soziale Netz des Heimatlandes hat, lernt auch Janina erst hier so richtig zu schätzen, wo sie die Bilder aus dem Notlager so krass vor Augen hat.

Als Europäerin ist Janina der Exot und wird herumgereicht. Sie lernt Kollegen aus verschiedenen Regionen des Landes kennen und kann sich ein Bild aus erster Hand machen.
Spricht man mit den vielen Freiwilligen, die nicht selten jedes Jahr einen Teil ihres vergleichsweise geringen Urlaubs für RAM geben, kommen sie oft ins Schwärmen über „ihre“ Organisation und erzählen gerne von Projekten in Ländern wie der Dominikanischen Republik, Haiti, Honduras, Guatemala, Nepal und Indien oder Guyana, wo RAM die Amerindianer im Süden des Landes versorgt.

Spenden sind natürlich jederzeit willkommen. Über eine eigene Spendenseite im Netz kann auch per Paypal gespendet werden: www.ramusa.org/contact/donate.htm.

Tobias Bauer, Singen   

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