Chance Praxis - Das Fachmagazin für Praxisgründer

02. März 2011 |  Assistenten

„Fehlentscheidungen bringen rasch den Ruin“

Was in der Ausbildung zu kurz kommt, bietet der Berufsverband der deutschen Kieferorthopäden (BDK) werdenden Fachzahnärzten seit drei Jahren in einer eigenen Veranstaltungsserie an: „Begriffe wie BWL, Marketing oder Kommunikation kommen weder im Studium noch in der Weiterbildung realitätsnah vor“, sagt Dr. Gundi Mindermann, Bundesvorsitzende des BDK: „Es ist daher das Ziel unserer Veranstaltungsreihe, mindestens ein Gefühl dafür zu vermitteln, was man bedenken muss und wie man bestimmte Fragestellungen praktisch angehen kann.“

Dr. Hans W. Seeholzer

Dieses Konzept kommt dem Bedarf offenbar entgegen. Die meisten Teilnehmer, darunter viele aus den Hochschulen, geben der Veranstaltung gute Noten. Die überwiegenden Themen der Young-Orthodontists-Seminare vermitteln zwar spezielle Aspekte für die Niederlassung als Kieferorthopäde, geben aber auch Empfehlungen, die für alle Zahnärzte und Fachzahnärzte in dieser Berufsphase gelten.

Der Kieferorthopäde Dr. Stefan Schmidt (Kassel), Moderator und Referent der dritten Veranstaltung dieser BDK-Reihe in Dresden: „Fehlentscheidungen bei der Praxisgründung können zu einem unerwartet raschen Ruin führen: falscher Ort, falscher Partner, falsche Finanzierung, falsche steuerliche Konzepte. Rasch hat man einen Berg Probleme am Hals, von denen man sich nur schwer erholt.“ Bei den heutigen komplexen Anforderungen sei eine fundierte Beratung im Vorfeld der Niederlassung geradezu existenziell.

Was auf die To-Do-Liste einer Gründung gehört, beschrieben erfahrene Praxisinhaber, Anwälte und Steuerberater. Dr. Hans W. Seeholzer, Kieferorthopäde aus Erding, stellte mit Blick auf die Praxisplanung die Frage: „Was macht eigentlich Ihren Lieblings-Italiener so besonders, dass Sie dort immer wieder hingehen?“ Das kommende Zeitalter sei das Emotionszeitalter: Vertrauen und Emotion seien wichtige Faktoren für die Patientenbindung, hier müsse man allerdings in Vorleistung gehen.

Nüchterner gingen die Stuttgarter Steuerberater Michael K. Munding und Oliver Drifthaus an das Thema Praxisgründung: Betriebswirtschaftliche Kennzahlen seien hervorragende Seismographen. Sie spiegelten die aktuellen Entwicklungen in der Praxis und signalisierten, wann und wo eventuell die Reißleine gezogen werden müsse. Einer ihrer Tipps gegen ungesunde Anreize ist: „Steuern sparen um jeden Preis kann sehr teuer werden!“ Ein weiteres entscheidendes Thema für Niederlassungswillige sei die Standortwahl. Je nachdem, was die Praxis den Patienten anbieten wolle, sei hier besser eine Statistik zuviel als eine zu wenig zu prüfen, empfahl Dr. Achim Nesselrath, Mitglied des BDK-Bundesvorstands. Mit dem Blick auf Fachzahnärzte für Kieferorthopädie sei die Bevölkerungsstruktur wichtig: „Double-Income/No Kids – das spricht für eine gute Einkommenslage, aber gegen Kinder.“ Eine auf Kinder ausgerichtete Praxis brauche andere lokale Rahmenbedingungen als eine mit Fokus auf Erwachsenenbehandlung.

Auch auf juristischer Ebene gab es praxiserfahrene Tipps. Rechtsanwalt Stephan Gierthmühlen (Kiel): „Man muss lange vorausplanen und veränderte Rahmenbedingungen und mögliche Präferenzverschiebungen in den Verträgen berücksichtigen, aber auch eher fernliegende Dinge wie den Tod eines Praxispartners und die dann einzuleitenden Schritte.“

Eher fachlich als strukturell relevant sei die Beschäftigung mit unerwarteten Ergebnissen. PD Dr. Dankmar Ihlow, Kieferorthopäde aus Bad Schwartau, beleuchtete für die Young Orthodontists die Frage „Warum haben wir es eigentlich immer wieder mit Rezidiven zu tun?“. Entwicklungsgeschichtlich bedingte Veränderungen im Faserverbund veränderten die Zugkräfte im Kiefer und seien für eine Retention mitverantwortlich.

In diesem Zusammenhang stellte er den in Zusammenarbeit mit dem BDK entwickelten Retentionskatalog als hilfreiche Unterlage zur Patienteninformation vor. Für die Behandler sei eine Dokumentation der Aufklärung anhand des Retentionskatalogs auch forensisch von Vorteil: „Sie müssen wissen, Retention ist auch ein häufiges Problem für den Gutachter“.

Birgit Dohlus, Berlin    

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