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13. Januar 2012 |  Praxismanagement und Praxismarketing

Professionelle Prophylaxe – Win-Win-Situation für Zahnarzt, Team und Patient

PZR erfolgreich in der Praxis umsetzen – DH Sylvia Fresmann über die nötigen Schritte zur perfekten Prophylaxesitzung (1) –

 

Steigende Kosten im Gesundheitssystem, knapper werdende Ressourcen und eine älter werdende Bevölkerung werden die Prophylaxe nicht nur im zahnärztlichen Bereich weiter an Bedeutung gewinnen lassen. Entsprechend aufgestellte Zahnarztpraxen werden dieser Entwicklung gelassen entgegensehen. Bei professioneller Planung und Umsetzung ist eine Win-Win-Situation für den Zahnarzt, dessen Team und den Patienten zu erwarten. Wie eine perfekte Prophylaxesitzung gestaltet werden sollte, ist Thema dieses zweiteiligen Beitrags.

Dentalhygienikerin Sylvia Fresmann

Prophylaxesitzungen werden in den Zahnarztpraxen häufig sehr unterschiedlich durchgeführt und organisiert. Die Preise unterscheiden sich sehr stark. Die Spanne reicht von kostenlos bis mehr als 200 Euro. Entsprechend unterschiedlich ist auch die Erwartungshaltung der Patienten. Hinzu kommen sehr häufig auch Verunsicherungen beim Praxisteam, wenn es um die Frage der „Angemessenheit“ und Realisierung der Kosten geht.

Schaut man genauer hin, stellt man sehr schnell fest, dass Behandlungsdauer, einzelne Behandlungsschritte, verwendete Materialien und die Qualifikation der Behandlerinnen von Zahnarztpraxis zu Zahnarztpraxis stark differieren.

Die Integration eines professionellen Prophylaxekonzepts in die Zahnarztpraxis stellt einerseits zwar Anforderungen an das gesamte Team, bietet andererseits aber auch interessante wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten und Spezialisierungspotenziale. Zahnärztekammern und deren Fortbildungsinstitute bieten diesbezüglich gute theoretische und praktische Unterstützung in Form von Kursen und Seminaren. Viele Praxen haben jedoch Schwierigkeiten bei der konkreten praktischen Umsetzung.

Ablauf einer professionellen Prophylaxesitzung

Nachfolgend werden anhand eines Ablaufdiagramms (siehe Abb. 1 und Kasten ) die wesentlichen Elemente und Phasen einer professionellen Prophylaxesitzung dargestellt. Je nach individuellem Befund dauert die Sitzung ca. 60 Minuten. Die Behandlungsabläufe werden standardisiert unter Gesichtspunkten des Qualitätsmanagements beschrieben.

Einführungsgespräch: Zu Beginn der Prophylaxesitzung wird der Patient von der behandelnden Prophylaxeassistentin aus dem Wartezimmer abgeholt. Danach wird im Einführungsgespräch der Ablauf der Sitzung erklärt. Eine freundliche und souveräne Gesprächsführung baut Ängste ab und schafft Vertrauen. Der kommunikativ geschulten Mitarbeiterin fällt es recht leicht, den Wissensstand des Patienten um die Mundhygiene und dessen Erwartungshaltung in Erfahrung zu bringen. Eine kurze Vorstellung der für die Prophylaxesitzung wichtigsten Geräte rundet das Einführungsgespräch ab. Gerade die Art des Umgangs mit dem Patienten, dessen Ansprache und die Gesprächsführung habe entscheidenden Anteil am Erfolg des Prophylaxekonzepts.

Vor dem eigentlichen Behandlungsbeginn spült der Patient eine Minute mit 0,2-prozentiger Chlorhexidinlösung (zum Beispiel  Curasept ADS 0,20%). Dadurch wird die Keimzahl in der Mundhöhle und im Aerosol reduziert. Dies trägt zur Sicherheit der Behandler bei (Schutz vor Infektionen), und der Patient erfährt sofort ein angenehmes und erfrischendes Gefühl.

Befundaufnahme, Indices und Risikoermittlung: Nach der gründlichen Untersuchung und Anamnese durch den Zahnarzt inklusive Erhebung eines PSI (Parodontaler Screening-Index) zur Ermittlung des parodontalen Behandlungsbedarfs beginnt die Prophylaxeassistentin mit der Sitzung. Klinische Parameter und individuelle Risikofaktoren bilden die Grundlage für die individuelle Risikoeinschätzung des Patienten mit anschließender individueller Therapie- und Behandlungsfestlegung. Die Risikofaktoren müssen dabei in ihrer Gesamtheit betrachtet werden.

Die Dokumentation der Befunde und die quantitative Einschätzung des parodontalen Risikos erfolgen häufig recht unterschiedlich. Neben den zahnbezogenen Faktoren (Furkationsbeteiligung, iatrogene Faktoren, partielle Attachmentverluste) und den stellenbezogenen Faktoren (Sondierungstiefe – ST/PSI, Suppuration, subgingivale Mikroflora) sind die patientenbezogenen Faktoren von besonderer Bedeutung:

• Blutungsindex (zum Beispiel Bleeding on probing – BOP): Erhoben wird hier der Anteil der Stellen in Prozent, die bei der Sondierung des Sulkusbodens geblutet haben (sechs Messpunkte pro Zahn, ein Mal pro Jahr). Dieser Wert ist ein Maß für die subgingivale Entzündung. Zu berücksichtigen ist, dass Nikotin die Blutungsneigung signifikant vermindert.

• Gesamtzahl der residualen Taschen (Sondierungstiefe > fünf Millimeter): Pathologisch vertiefte Zahnfleischtaschen weisen auf eine subgingivale Entzündung hin. In einem Teufelskreis erhöht sich mit zunehmender Sondierungstiefe das Risiko eines weiteren Abbaus. Die Wahrscheinlichkeit zur Entwicklung einer Parodontitis steigt mit der Anzahl der über fünf Millimeter tiefen Zahnfleischtaschen.

• Parodontaler Knochenabbau, Zahnverlust: Knochenabbau in Relation zum Lebensalter und Zahnverlust weisen als Indikatoren auf ein erhöhtes Parodontitisrisiko hin.

• Patientenverhalten und allgemeingesundheitliche Verhältnisse: Rauchen/Nikotin ist der stärkste extrinsische Risikofaktor für Parodontitis. Bei den systemischen und genetischen Faktoren sind Diabetes, Leukämie, Autoimmunerkrankungen, Candidiasis, Herpesviruserkrankungen, Schleimhautpemphigoid, familiäre Neutropenie und Interleukin-1-Polymorphismuskomplex zu nennen. Auch Medikamente wie Antiepileptika, Immunsuppresiva und Kalziumantagonisten sind zu beachten.

• Mundhygiene (zum Beispiel Allgemeiner Plaque-Index – API): Das Vorhandensein von Plaque ist zwar kein Risikofaktor im eigentlichen Sinne, lässt aber Rückschlüsse auf die Compliance des Patienten zu.

• Aktive Matrixmetalloproteinase-8 (aMMP-8): Ein hoher aMMP-8-Spiegel kann auf akute Entzündungsprozesse und damit auf einen sofort behandlungsbedürftigen Zustand hinweisen. Die Messung des Entzündungsmarkers kann heute mit einem einfachen Chairsidetest (Periomarker) erfolgen. Die Auswertung kann sofort in die Bewertung einfließen. Aufgrund der Komplexität der Parodontitis mit ihren zahlreichen Einflussfaktoren und dem ständigen Gegenspiel von Noxen und Immunantwort muss eine Bewertung des individuellen Risikos umfassend vorgenommen werden. Einschätzungen auf Grundlage einzelner Parameter werden dem multifaktoriellen Geschehen nicht gerecht.

Je nach ermittelten Befunden erfolgt die Zuordnung des Patienten zu einer von drei Risikogruppen. Eine farbliche Darstellung der unterschiedlichen Gruppen (Ampelfunktion) dient der zusätzlichen optischen Orientierung.

Die Skalierung der Parameter erfolgt in den Stufen „niedriges“, „mittleres“ und „hohes Risiko“. Daraus ergeben sich die Empfehlungen für individuelle Recallfrequenzen und Therapiemaßnahmen. Niedriges Risiko – Prophylaxesitzung alle sechs Monate; mittleres Risiko – Prophylaxesitzung alle vier bis fünf Monate, hohes Risiko – Prophylaxesitzung alle drei Monate.

Eine erneute Risikoeinstufung nach ca. einem Jahr bietet sich an, um Krankheitsverlauf und Behandlungserfolg dokumentieren und verfolgen zu können. Auf Grundlage der sich verändernden Risikoeinstufung (positiv oder negativ) können Behandlungsschritte und Maßnahmen zur Intensivierung und Verbesserung der Patientencompliance sowie die Recallabstände individuell angepasst werden. Damit entsprechen sie optimal dem Erfordernis eines kontinuierlichen Risikomanagements bei unseren Patienten. Bei konsequenter Durchführung der Prophylaxe in risikoorientierten Zeitabständen können bei den meisten Patienten die parodontalen Verhältnisse über längere Zeiträume stabilisiert werden.

Dokumentation und Qualitätssicherung: In Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DGP), der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DG ZMK) und verschiedenen Universitäten wurde mit dem ParoStatus.de ein besonders benutzerfreundliches Programm entwickelt, dessen Befunddokumentation und Verlaufsanalyse von der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DGP e.V.) akkreditiert wurde (www.ParoStatus.de). Mit dem Programm werden die erhobenen Befunde sehr übersichtlich und nachvollziehbar dokumentiert, wobei die Dokumentation einem wiederkehrenden logischen Ablauf folgt. Dadurch wird kein Parameter unbeabsichtigt vergessen und die Einarbeitung in das Programm auf ein Minimum reduziert. Die Dateneingabe kann per Fußsteuerung, per kabelloser Tray-Tastatur oder alternativ per Sprachsteuerung vorgenommen werden. Ohne zusätzliche Assistenz können so die oben genannten Parameter in wenigen Minuten lückenlos erhoben werden.

Nach abgeschlossener Befunderhebung steht eine Auswertung zur Verfügung, aus der das individuelle Erkrankungsrisiko, die empfohlene Recallfrequenz sowie Behandlungs- und Therapievorschläge hervorgehen. Im zweiten Teil dieses Beitrags geht es unter anderem um Motivation und Instruktion und die eigentliche Zahnreinigung.

Sylvia Fresmann, Dentalhygienikerin, Dülmen

Der vollständige Beitrag kann unter leserservice@dzw.de angefordert werden.

Sylvia Fresmann leitet die Prophylaxeabteilung der Zahnarztpraxis Dr. Strenger in Dortmund im Herzen von Nordrhein-Westfalen. Im Rahmen ihrer Praxistätigkeit hat sie sich, neben der Betreuung von Parodontalpatienten, auf Prophylaxebehandlungen bei Kindern und Erwachsenen spezialisiert.

Ein weiterer Schwerpunkt ihrer beruflichen Tätigkeit ist die Referenten- und Fortbildungstätigkeit in Deutschland, Österreich, Spanien, Holland und Wales. Zahlreiche Fachartikel und Buchbeiträge im In- und Ausland wurden von ihr veröffentlicht. Sie ist Mitautorin des aktuellen Fachbuchs Die Einführung der Prophylaxe in die Zahnarztpraxis (Zahnärztlicher Fach-Verlag, Herne, ISBN 978-3-941169-17-3). Seit vielen Jahren berät sie außerdem erfolgreich Zahnarztpraxen in Deutschland und Österreich auf dem Weg zur serviceorientierten Prophylaxepraxis (www.fresmann-simply-more.de).

Im Januar 2011 unterstützte sie mit Dentalhygienikerinnen aus sieben weiteren Nationen ein zahnmedizinisches Hilfsprojekt in Nepal, das sich zur Aufgabe gemacht hat, die Prophylaxe in diesem Entwicklungsland zwischen Indien und China aufzubauen. Sie ist Mitglied in verschiedenen Fachgesellschaften und Erste Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Dentalhygieniker/Innen (www.dgdh.de). Kontakt zur Autorin unter E-Mail: Fresmann@t-online.de.

 

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