
4-D, Periimplantitis, Gentechnologie und Membranen aus Nanofäden
27. Weltkongress des ICOI in Verbindung mit dem 7. Internationalen Jahreskongress der DGOI brachte spannenden Mix aus Praxiswissen und Zukunftsthemen für die Implantologie –
Für die noch junge Deutsche Gesellschaft für Orale Implantologie (DGOI) war das letzte Augustwochenende ein großer Erfolg. Gut 900 Teilnehmer aus aller Welt waren zum 27. Weltkongress des ICOI in Verbindung mit dem 7. Internationalen Jahreskongress der DGOI von Donnerstag bis Samstag in das Congress Center Hamburg gekommen. Der Andrang auch bei Tagesanmeldungen war am Freitag so groß, dass zwischenzeitlich noch Stühle in den Hauptvortragssaal gebracht werden mussten.
Gelockt hatte viele offensichtlich das von den beiden wissenschaftlichen Leitern, Prof. Dr. Hom-Lay Wang, USA, und DGOI-Präsident Dr. Georg Bayer, Landsberg am Lech, zusammengestellte Tagungsprogramm, das einen interessanten Mix aus Praxiswissen und Blick in die Zukunft der Implantologie, vor allem in der Geweberegeneration, vermittelte. Am Donnerstagnachmittag standen moderne Wege der Diagnostik und Therapieplanung – Stichwort 3-D-Planung – im Fokus. Prof. (NYU) Ady Palti fügte noch eine vierte Dimension hinzu: Die Zeit, die als wichtige Komponente in der Planung, aber auch mit Blick auf die Langzeitstabilität des Behandlungsergebnisses unbedingt beachtet werden muss – also 4-D.
Dass Periimplantitis nicht nur eine „Mode“ ist, sondern ein ernstes Thema, das jeder Zahnarzt bedenken sollte, machte Prof. Niklaus Lang (Bern, Hongkong) in seinem Beitrag am Freitag deutlich. Bereits nach 30 Minuten haben Keime aus der Mundhöhle begonnen, die Oberflächen frisch gesetzter Implantate zu besiedeln, die Entwicklung des Biofilms beginne. Die Periimplantitis sei eine opportunistische Infektion, bei der es auf die Kontrolle der Keimbesiedlung und auf das Schaffen eines entzündungshemmenden Umfelds ankomme.
Daher sei es wichtig für den Behandlungserfolg in der Implantologie, die Zahl der Keime, die aus der vorhandenen Mundflora des Patienten, vor allem aus den Taschen, einwandern könnte, gering zu halten. Bei noch teilbezahnten Patienten müsse eine Parodontitis vor Implantation unbedingt erfolgreich behandelt werden. Bei der Planung sollte zudem die Hygienefähigkeit der Prothetik beachtet werden. In der Nachsorge gelte es, durch eine geeignete Mundhygiene und eine entsprechende professionelle Betreuung durch die Praxis die Bildung von Biofilmen auf Implantaten möglichst zu verhindern. Die supragingivale Plaque zu reduzieren leiste nach neuesten Studienergebnissen dazu einen wichtigen Beitrag.
In der Therapie der Periimplantitis komme es daher darauf an, erst das Umfeld durch Zerstören des Biofilms, Dekontamination der Implantatoberflächen etc. zu verändern, bevor Maßnahmen zur Regeneration von Defekten und zur Reossointegration greifen können. Werden Antibiotika eingesetzt, müsse die Dosis hoch genug sein, um den Biofilm zu durchdringen.
Prof. Wang, USA, stellte Entscheidungshilfen vor, die durch eine entsprechende Planung Misserfolge vermeiden helfen. Biomechanik, Knochenangebot, ideale prothetische Position und Hygienefähigkeit der Versorgung sind aus seiner Sicht die Kernpunkte für einen langfristigen Implantaterfolg. Ein oft unterschätzter Risikofaktor für Periimplantitis sei die Zementierung von Versorgungen – Zementreste seien laut Wang in 80 Prozent der Fälle ursächlich für eine Periimplantitis. Weiterer Risikofaktor für Kompressionsnekrosen, die bereits vor Belastung auftreten: zu starke Kompression des Knochens beim Eindrehen der Implantate. Wangs Tipp: Beim Eindrehen zum Abschluss wieder eine Drehung zurück, um dem Knochen die Chance zu geben, sich wieder zu entspannen.
Liegen bereits Knochendefekte am Implantat vor, sodass nur noch gut die Hälfte der Schraube im Knochen verankert sei, so sei es besser, zu explantieren, den Defekt zu decken und nach der Knochenregeneration neu zu implantieren. So könne das Implantat in eine möglichst ideale prothetische Position gesetzt werden.
Dr. Carl Misch, USA, hob auf die Frage der Misserfolge durch Versagen von Implantat oder Prothetik ab. Viele davon lassen sich durch geeignete Implantatposition und Beachten der möglichen Belastung für Prothetik und Implantat vermeiden. Dabei komme es nicht nur auf Belastungsspitzen an, sondern auf die wiederkehrende Dauerbelastung für Prothetik und Implantat und damit auf die Materialermüdung. Weitere Faktoren: Knochenqualität, Kaukraft, Bruxismus, Gegenbezahnung und Versorgung im Gegenkiefer. Schraubenbrüche seien bei Implantaten mit dickeren Durchmessern seltener. Bei Männern treten Brüche der Prothetik durch die höhere Kaukraft häufiger auf.
Dr. Maurice Salama, USA, zog an die Front: „Implantatkrieg – Regeln für die ästhetische Zone“, so sein Thema. Im Fokus stand dabei die ästhetisch wichtige, maximal 4,5 Millimeter breite Zone zwischen Knochen und Zahn. „Nicht auf die Technik kommt es an, sondern auf die Wahl der Methode. Das ist die Frage, an der sich Erfolg oder Misserfolg entscheiden“, so Salama. Je einfacher die Methode, je weniger invasiv die Eingriffe vor allem auch am Weichgewebe und je geringer das Risiko, desto besser das ästhetische Ergebnis. Die weniger invasive Piezochirurgie biete zum Beispiel für das Gewinnen von Knochenblöcken viele Vorteile. „Orthodontic Neogenesis“, das Gewinnen eines guten Knochenlagers durch kieferorthopädische Verlagerung nebenstehender Zähne bei zahnbegrenzten Lücken, sei ein weiteres Beispiel, ebenso Tunneltechniken für den Weichgewebeaufbau, bei denen die Papillen nicht verletzt werden. Bei umfangreichen, komplett implantatgetragenen Versorgungen sollten noch erhaltungsfähige Wurzeln nicht gezogen, sondern die Zähne gekappt und die Wurzeln im Kiefer vital erhalten werden, um so auch den Kieferknochen zu erhalten, wie Salama an einem Beispiel empfahl.

- Dr. Maurice Salama, USA, gehörte zu den mehr als 50 hochkarätigen Referenten des Kongresses. – Fotos: Jürgen Mai
Viele ästhetische Probleme lassen sich auch mit der Prothetik lösen, so mit entsprechenden Abutments aus Vollkeramik oder mit Zahnfleischmasken. In der Unterkieferfront sei es zum Beispiel besser, zwei fehlende Einser wegen des geringen Knochen- und Platzangebots mit nur einem Implantat zu ersetzen.
In der Risikoanalyse sollte unbedingt auch der Biotyp des Patienten beachtet werden, zudem sei es besser, aus einer schwierigen Typ-III-Ausgangssituation vor Implantation durch geeignete Maßnahmen einen Typ I oder II zu machen, um so die Ausgangssituation zu verbessern und das Risiko zu minimieren. Überhaupt komme es darauf an, mit dem Patienten einen „True informed consense“ über die geplante Behandlung mit Blick auf seine Wünsche und Risiken abzustimmen.
Einen anspruchsvollen Blick in die Zukunft der Regeneration von Knochen und Weichgewebe boten die Vorträge von Prof. Dr. William Giannobile, University of Michigan (USA), und Prof. Dr. Michael Reddy, University of Birmingham (USA). Derzeit wird auf vielen Ebenen an Möglichkeiten geforscht, die Wundheilung und die Neubildung von Knochen und Weichgewebe durch Wachstumsfaktoren, Signalmoleküle oder Stammzellen zu befördern. Viele dieser Möglichkeiten sind heute noch experimentell, einige aber bereits im Tierversuch oder sogar in ersten Pilotstudien am Menschen in Erprobung. Ein wichtiges Thema dabei sind zum Beispiel poröse, schwammähnliche Strukturen aus gewebeverträglichem oder gewebeähnlichem Material, die als Gerüste für die Knochenneubildung dienen und mit verschiedenen Präparaten beschichtet werden können. So lassen sich zum Beispiel maßgenaue Implantate für die Rekonstruktion von Kiefergelenken oder Knochenteilen fertigen.
Reddy berichtete in seinem Referat über das Thema Membranen nach einem kurzen Rückblick auf Titan, Teflon und GoreTex als Materialien über den Einsatz moderner Kollagenmembranen. Die Zukunft könnten allerdings Membranen sein, die aus dichten Geflechten superfeiner, nur Nanomillimeter dünnen künstlichen Fasern, auch gemischt mit natürlichen Fasern wie Kollagen bestehen. Diese könnten in verschiedenen Schichten mit unterschiedlichen Signalmolekülen oder Faktoren bestückt werden und so zum Beispiel an der Unterseite die Knochenbildung und an der Oberseite die Bildung von Weichgewebe anregen. Hergestellt werden diese superfeinen Fäden und Membranen durch das sogenannte Elektrospinnen.
Noch sind diese Möglichkeiten für die Praxis nicht tauglich, sie bergen – so die Verwendung mesenchymaler Stammzellen – noch nicht beherrschbare Risiken oder bieten, wie die neuartigen Membranen, durch ihre Struktur auch unerwünschten Keimen beste Lebensbedingungen. Forschung und Entwicklung schreiten hier in einigen Bereichen aber rasch voran.
Dr. Georg Bayer, seit einem Jahr Präsident der DGOI, zeigte sich im Gespräch mit der DZW hochzufrieden mit dem Kongress. Die Resonanz sei sehr gut, auch und vor allem bei den jungen Kolleginnen und Kollegen. Für sie gab es am Samstagmorgen die Möglichkeit, sich vor dem internationalen Publikum zu präsentieren. Die Zahl der Studiengruppen in der DGOI sei deutlich gestiegen, das Treffen der Studiengruppenleiter habe von einer regen und anspruchsvollen Tätigkeit dieser Gruppen gezeugt, berichtet er.
Zum ersten Mal fanden Posterpräsentationen und Table Clinics statt. Hieran hatten sich auch deutsche Implantologen und Zahntechniker beteiligt. Die besten Präsentationen wurden von einer Jury der DGOI prämiert, die Preisträger reisen zum beliebten Wintersymposium der Gesellschaft in Zürs. Großen Zuspruch fand das Podium für die Fachassistenz. Rund 40 Frauen absolvierten den ersten Teil des 8. Curriculum Implantologische Fachassistenz „2+1“. Das attraktive gesellschaftliche Programm kam ebenfalls bestens an. Und auch die begleitende Dentalausstellung war vonseiten der Unternehmen mit 80 Ausstellern gut besetzt und in den Pausen viel genutzter Treffpunkt für Austausch und Information.
MM
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