
Prävention versus Augmentation
Die 5. Swiss Biomaterial Days in Luzern am Vierwaldstättersee –
Die Swiss Biomaterial Days haben sich unter Experten einen Namen als exklusive Veranstaltung erworben. Und genau diese meist für einen regional begrenzten oder fachlich spezialisierten Zuhörerkreis gedachten Symposien sind das Salz in der Suppe oder besser das Highlight in jedem Kongresskalender eines ambitionierten Zahnarztes.
Unter dem Motto: „Prävention versus Augmentation“ lud die Firma Degradable Solutions AG aus Schlieren, Schweiz zu dieser fachübergreifenden Veranstaltung nach Luzern. Denn am wundervollen Vierwaldstättersee lässt sich, so Firmengründer Dr. Kurt Ruffieux, „der wissenschaftliche Austausch besonders gut mit kollegialen Gesprächen verbinden.“
Dabei ging vor allem um Anwendungsmöglichkeiten und die entsprechenden Techniken rund um die Augmentation. Natürlich kam hier die Frage auf, welches Material wann verwendet werden soll. Easy-graft Classic und Easy-graft Crystal sind modellierbare, synthetische Knochenaufbaumaterialien, die direkt aus der Spritze appliziert in einem Defekt zur Anwendung kommen. Sobald sie mit Blut in Berührung kommen, beginnt der Aushärtungsprozess. Dabei wird eine feste, aber poröse Form gebildet. In der überwiegenden Zahl der Fälle wird keine Membran angewendet. Die Materialien unterscheiden sich in ihrer Zusammensetzung: Easy-graft Classic besteht aus phasenreinem, abbaubaren β-TCP (Trikalziumphosphat), Easy-graft Crystal dagegen aus biphasischem Kalziumphosphat (40 Prozent β-TCP und 60 Prozent Hydroxylapatit, HA), – wobei der HA-Anteil integriert in Knochen verbleibt und so für eine nachhaltige Volumenstabilität sorgt.
Und um es vorweg zu nehmen: Die Ansprüche einer fortgeschrittenen Anwendergruppe wurden durch diese exzellent konzipierte Veranstaltung voll erfüllt. Workshops, abwechselnd auf Englisch und auf Deutsch gehalten, wurden durch Vorträge im Plenum abgerundet. Eines der Highlights dieses Kongresses war der Schwerpunkt Tunneltechnik, bei der Biomaterialien eine herausragende Rolle spielen.
Dr. Dr. Karl-Heinz Heuckmann aus Chieming, Leiter des renommierten Chiemsee-Instituts stellte die Entwicklung des Instrumentariums Tunnel Control als minimal-invasive Alternative zu herkömmlichen Verfahren der vertikalen Auflagerungsosteotomie im atrophen Ober- und Unterkieferseitenbereich vor, die gemeinsam mit Prof. Dr. Benner und Dr. Memari entwickelt wurde. Bei dieser Methode erweisen sich initial modellierbare und aushärtende Materialien als besonders vorteilhaft. So wird das Risiko der Verschiebung des Knochenaufbaumaterials minimiert. Außerdem können sie zur Stabilisierung der umgebenden knöchernen Strukturen beitragen. Ebenfalls nicht alltäglich war der Workshop zu minimal-invasiver Augmentation unter Anwendung endoskopischer Methoden.
Mit Dr. Dr. Angelo Trödhan aus Wien stellte den Einsatz der vertikalen ultraschallgestützten Kieferkammosteotomie am zahnlosen Kiefer vor, die durch das Aufkommen der synthetischen Ersatzmaterialien mit den Eigenschaften von Easy-graft erst ermöglicht wurde.
Bewusst provokant formuliert war die Frage: ist die Therapie der Periimplantitis nur die (bekannte) Parodontitistherapie auf Titan? Dass beide Behandlungen nicht unbedingt gleichzusetzen sind, liegt auf der Hand. Auch kann man sich nicht darauf verlassen, dass Patienten, die einmal eine Parodontitis hatten, automatisch für die Periimplantitis vorbelastet sind. Viele Patienten, die noch nie eine Parodontitis hatten, entwickeln plötzlich eine Periimplantitis.
Dr. Patrick Schmidlin (Zürich) schlussfolgerte, dass die Regeneration sehr wohl funktioniert, aber gewissen Einschränkungen unterworfen ist. Dazu gehören bestimmte systemische Erkrankungen und Rauchen. Zwingend notwendig ist eine perfekte Compliance.
Auch die Frage nach der Verwendung von Easy-graft Classic oder Easy-graft Crystal lässt sich klar beantworten: Es gibt keine einheitliche Empfehlung. Die Anwendung ist schlicht indikationsabhängig und kann damit von Fall zu Fall variieren. Der Vorteil von Easy-graft Classic liegt in der vollständigen Resorption und wird damit von Anwendern bevorzugt, die auf genau diese Eigenschaft Wert legen. Easy-graft Crystal kommt vorwiegend bei Indikationen zum Einsatz, bei denen genau diese Eigenschaft vermieden werden sollte. Dazu zählt die Ridge Preservation oder die Befüllung von Knochendefekten, bei der unter normalen Umständen eine Atrophie erwartet werden muss. Ein Teil des Materials verbleibt im Knochen integriert und sorgt an dieser Stelle für eine langfristige Volumenstabilität. Ähnliches lässt sich für die Frage nach der Notwendigkeit einer Membran sagen, wobei man aber grundsätzlich davon ausgehen kann, dass diese primär nicht notwendig ist.
Prävention, Motivation und die entsprechende Einbindung in ein Prophylaxekonzept lassen Periimplantitis und Parodontitis schon gar nicht aufkommen. Für den Fall des Falles hat der versierte Anwender aber einen exzellenten Therapiepfeil im Köcher, um den Schaden bestmöglich zu beheben.
ZA Tobias Bauer, Singen
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