Chance Praxis - Das Fachmagazin für Praxisgründer

07. November 2011 |  Berichte

Techniken und Produkte für moderne Behandlungsmethoden

Vom Nanokomposit bis zum Kurzimplantat – 52. Bayerischer

Zahnärztetag 2011 stellt Innovationen auf den Prüfstand (1) –

 

Der auch mit einem DZW-Interview (DZW Nr. 42/2011) angekündigte 52. Bayerische Zahnärztetag vom 20. bis 22. Oktober 2011 in München war mit seinem interessanten Programm und rund 1.000 Teilnehmern einer der besonders bemerkenswerten diesjährigen Veranstaltungen in unserem Fachgebiet. Mit dem Themenkomplex „Praxisreife Innovationen:

Bei der Eröffnung des Bayerischen Zahnärztetags: Dr. Dr. Jürgen Weitkamp, Ehrenpräsident der Bundeszahnärztekammer, BLZK-Präsident Prof. Dr. Christoph Benz, Focus-Herausgeber Helmut Markwort und BLZK-Vizepräsident ZA Christian Berger (v. l.) Foto: BLZK

Techniken und Produkte für moderne Behandlungsmethoden“ sollten vor allem die niedergelassenen Zahnärztinnen und Zahnärzte über die gegenwärtige Entwicklung der Arbeitsmittel und Werkstoffe für zahnmedizinische und zahntechnische Zwecke informiert werden. Dabei wurde auch der eine oder andere Blick in die Zukunft gewagt, sodass nicht generell – und dies aus verschiedenen Gründen – von bewährten Methoden und Erzeugnissen die Rede sein konnte.

War es die Erwartung, dass der Focus-Herausgeber und Hildegard-von-Bingen-Preisträger, Helmut Markwort, bei seinem Festvortrag „Wie viel Macht hat die ‚vierte Gewalt‘? Zur Rolle der Medien in Zeiten von Web 2.0“ aus seinem journalistischen „Nähkästchen“ einiges zum Besten geben würde, oder gab es einen anderen Grund, warum anstatt der sonst üblichen 200 bis 250 „Früh“-Teilnehmer schon mehr als 400 nach Bogenhausen gekommen waren? Jedenfalls enttäuschte keiner der Redner – Prof. Dr. Christoph Benz, Präsident der Bayerischen Landeszahnärztekammer (BLZK), der noch amtierende Bayerische Staatsminister für Umwelt und Gesundheit, Dr. Markus Söder (CSU, inzwischen Finanzminister des Freistaats), der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Computergestützte Zahnheilkunde (DGCZ), Dr. Bernd Reiss, und eben Helmut Markwort – seine Zuhörer. Insbesondere für die Nicht-Bayern war es erfreulich zu hören, dass zwischen der bayerischen Staatsregierung – anwesend auch noch der Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) – und der BLZK und Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns (KZVB) eine gute Atmosphäre besteht.

Zurück zu Markwort: Er geht davon aus, dass die Selektionsmacht der Medien dazu führt, dass nur das ein Thema ist, was von ihnen – je nach vor allem politischer Einstellung – ausgewählt wird. Gleichzeitig erweist sich die „Minutenaktualität" der neuen digitalen Medien wie Online, Twitter oder Facebook mehr und mehr als unschlagbar. Der Wermutstropfen sei dabei, dass solche nur kurzfristig aktuellen Informationen sehr oft nicht nachprüfbar sind. Hier ging es auch um einen Blick hinter die Kulissen und um die tägliche Arbeit des Journalisten mit seinen Herausforderungen und oft schwierigen Entscheidungssituationen, wobei die gegenseitige Abhängigkeit der Medien, der Politik und der Wirtschaft nicht selten eine wenig positive Rolle spielt.

An der Begrüßung der Teilnehmer am nächsten Morgen waren nicht nur der BLZK-Präsident und Christian Berger als sein „Vize“ und Kongressleiter, sondern auch KZVB-Chef Dr. Janusz Rat beteiligt, um die mit großem Beifall aufgenommene Botschaft zu verkünden, dass der nächste Bayerische Zahnärztetag von BLZK und KZVB gemeinsam ausgerichtet wird.

Nanokomposite: Gleich der erste der jeweils 45-minütigen Fachvorträge befasste sich mit dem Thema „Nanocomposites – Wunsch und Wirklichkeit“ und ließ erkennen, welche Fortschritte im Bereich der Füllungswerkstoffentwicklung in den vergangenen Jahrzehnten erreicht werden konnte. Die Zahl der aufeinanderfolgenden Kompositgenerationen ist kaum noch genau zu eruieren. Prof. Dr. Jürgen Manhart (München) konzentrierte sich zwar auf die Nanokomposite, um aber doch einen Gesamteindruck von den gegenwärtigen Möglichkeiten und Grenzen der direkten Füllungstherapie zu vermitteln. Es hat sich jedenfalls gezeigt, dass auch der jetzige Stand der Technik noch nicht ausreicht, die Vision vom idealen Füllungsmaterial zu realisieren.

Toxikologie: Was in einem DZW-Interview mit dem Münchner Toxikologen Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Franz-Xaver Reichl bereits angeklungen war (DZW 2010) hat sich inzwischen als noch gravierender herausgestellt: Die toxikologischen Nebenwirkungen durch die unter Umständen sogar bis zu 50-prozentige Freisetzung von Inhaltsstoffen von Kompositen, wobei insbesondere die Methacrylate (zum Beispiel HEMA und TEGDMA) die Verursacher sind. Der Leiter des Internationalen Beratungszentrums für die Verträglichkeit von Zahnmaterialien an der LMU München plädierte dafür, dass zumindest in Zweifelsfällen bei Patienten ein Allergietest ausgeführt werden sollte, um festzustellen, welcher Werkstoff für diesen tatsächlich geeignet ist. Er hat dabei einen sogenannten Behandlungspfad empfohlen.

Provisorien: Je nach der Komplexität und dem zeitlichen Ablauf einer Versorgung ist es notwendig, für die sogenannten Provisorien die bestmögliche Lösung zu finden. „Aus der Praxis für die Praxis“ erläuterte Horst Dieterich (Winnenden) die verschiedenen Möglichkeiten, wobei es vor allem bei Langzeitprovisorien darauf ankommt, dass sie vom Werkstoff und von der Verarbeitung her eine gute funktionell-technische Qualität aufweisen. Wichtig ist hier, dass die Weichgewebe nicht durch schlechte Behelfe gefährdet werden, wie auch der Patient nicht dauernd Angst um die Haltbarkeit haben darf.

Die totale Prothese: Mit der Möglichkeit der Anwendung von Implantaten hat die Totalprothetik ihren Stellenwert zur funktions- und ästhetikgerechten Rehabilitation des zahnlosen Patienten enorm erweitert. Festsitzende Suprakonstruktionen sind dabei beim Zahnlosen häufig nur mit übermäßigem Aufwand möglich, während herausnehmbare Prothesen – auch mit Implantatfixierung – nicht zuletzt auch aus technischen und hygienischen Gründen eher empfehlenswert sind. Erfolg stellt sich – so Dr. Wolfgang Boisserée (Köln) – nur bei richtiger Vorgehensweise ein. Dazu gehört zum Beispiel die Erfassung der Schleimhautverhältnisse durch die erste und zweite Funktionsabformung mit dem Ziel, saugende Ober- und Unterkieferprothesen zu „kreieren“. Kieferrelationsbestimmungen unter Berücksichtigung des muskuloskelettalen Systems sind erforderlich. Ästhetik und Phonetik des Patienten sind individuell zu erfassen und prothetisch umzusetzen.

Implantologische Erkenntnisse auch für Nicht-Implantierer: Der in einem glänzenden Deutsch gehaltene Vortrag von Prof. Dr. Mauro Marincola (Rom) war so richtig angetan, auch die implantologisch nicht aktiven Teilnehmer über die Fortschritte in diesem so wichtig gewordenen Teilgebiet der Oralmedizin zu informieren. In den vergangenen Jahren haben Implantate mit reduzierter Länge (< 10 Millimetern) neue Indikationen erobert. Das „Kurzimplantat“ wurde dadurch zu einem eigenen klinischen Begriff. Diese Implantate mit spezifischen Designmerkmalen haben inzwischen gezeigt, dass ihr klinischer Langzeiterhalt vergleichbar mit dem von konventionellen, längeren Implantaten ist. Da viele Implantatpatienten nur über eine geringe Knochenhöhe verfügen, stellt sich somit die Frage, ob durch den Einsatz von Kurzimplantaten das Risiko von augmentativen Verfahren vermieden werden kann. Abgesehen von den Erfahrungen des römischen Wissenschaftlers mit kurzen Implantaten war sein Plädoyer für glatte Implantatkonfigurationen (wie Korken für den Verschluss von Weinflaschen) für die Teilnehmer mit implantologischer Praxis höchst interessant.

Osseointegration: Das Ziel der Versorgung mit Implantaten, eine Osseointegration zu erreichen, wird entscheidend durch das Interface Knochen/Implantat beeinflusst. Erfolg oder Misserfolg spielen sich an dieser Grenzfläche ab. Neben verschiedenen Faktoren spielt die Implantatoberfläche eine wichtige Rolle in der Osteokonduktivität eines Implantats. Sie wird – so PD Dr. Wael Att (Freiburg) – durch die Oberflächentopografie und -chemie beeinflusst. Bisher war nicht bekannt, ob die Osteokonduktivität über die Zeit stabil bleibt. Es hat sich jetzt erwiesen, dass sie sich von Implantatoberflächen über die Zeit reduziert. Gleichzeitig wurde aufgezeigt, wie sie wiederhergestellt werden kann, um die Osseointegration zu regenerieren.    

Kimmel

(wird fortgesetzt)

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