
Der Patient ist kein „Kunde“ – erfolgreiche Beratung und Praxismanagement
Der erste DZW-Bericht über das 15. BDIZ-EDI-Symposium, den 8. Internationalen DGOI-Jahreskongress und das 8. European ICOI-Meeting (DZW 40/11, S. 9 und unter www.dzw.de) war insbesondere auf das Hauptprogramm, das Forum „Junge Implantologen in der DGOI“ und die Workshops ausgerichtet, während im diesem zweiten Teil das Programm für die zahnmedizinischen Assistenzberufe und die Dentalausstellung die Schwerpunkte bilden. Der Kongress wurde von rund 600 Angehörigen der Fachwelt besucht und war auf bewährte Weise vom Münchner Büro des BDIZ EDI und der DGIO-Geschäftsstelle organisiert.
Die Veranstaltung am 16. und 17. September war – nicht zuletzt wegen ihrer Vielseitigkeit – erfolgreich. Am Vorabend und ersten Tag des Oktoberfestes war München wiederum ein Magnet.
Der Begriff „Management“ spielte auch bei diesem Kongress eine beachtliche Rolle, was mit den folgenden Beispielen aufgezeigt wird.
Komplikationsmanagement bei überwiesenen Patienten: Das differenzialtherapeutische Vorgehen und die Systematik der chirurgischen Handlungsabläufe bei Weich- und Hartgewebekomplikationen sind bisher – so PD Dr. Dr. Michael Stiller (Berlin) – in der wissenschaftlichen Literatur zu kurz gekommen, was – zumindest momentan – die Erwartungen der Patienten enttäuschen können. Hier ist es notwendig, die Eingriffskategorien in Abhängigkeit des zeitlichen Intervalls und der Defektmorphologie der periimplantären Gewebe einzuteilen, um ein präzises und vorhersehbares Resultat nach Korrekturoperationen erreichen zu können.
Teamplay Chirurgie/Prothetik – Patientenmanagement: Bei dem Referat von Dr. Fred Bergmann (Viernheim) sollte es eigentlich um das gemeinsame Vorgehen von Zahnarzt, Chirurg und Zahntechniker und das damit verbundene Patientenmanagement gehen. Heraus kam aber eine Falldemonstration, wo bei einer Patientin mit einem vollständigen Oberkiefergebiss und bis auf das Fehlen der Zähne 37, 38 sowie 47, 48 auch im Unterkiefer alles bestens in Ordnung war. Da das Gebiss komplettiert werden sollte, die Kieferknochensituation aber keine Implantation im Bereich 37 und 47 erlaubte, wurden mit einer kieferorthopädischen Maßnahme die Zähne 36 und 46 „distalisiert“, um zwei Lücken für zwei Implantate zu gewinnen, was dann auch erreicht wurde. Inwiefern ist es hier um das Patientenmanagement gegangen, wenn man an die neueren Erkenntnisse bei der prothetischen Versorgung denkt, dass auf die besagten Zähne durchaus verzichtet werden kann?
Die erfolgreiche Praxis als Team: Eines der Referate mit besonderem Applaus wurde von Prof. Dr. Gerhard Riegl (Augsburg) gehalten, der jetzt schon seit drei Jahrzehnten als Praxis- und Klinikanalyst, Patientenforscher und Gesundheitsmarketing-Experte einer der unermüdlichen Wegbereiter für eine erfolgreiche Praxisgestaltung und -führung ist. Nicht nur BZÄK-Ehrenpräsident Dr. Dr. Jürgen Weitkamp hat sich nach diesem Feuerwerk an kreativ-konstruktiven Ideen spontan für die nachdrückliche Anmerkung bedankt, dass der in Praxis oder Klinik betreute Mensch ein Patient und kein „Kunde“ ist. Allzu viele Marketing- und Managementkonzepte beruhen da auf völlig falschen Vorstellungen, was auch für das Image einer Praxis gilt: Nicht die TÜV-Plakette, sondern der individuelle Ruf des Chefs und seines Teams ist von der größten Bedeutung. Das kann auch keine Internetwerbung ersetzen. „Teammitglieder wirken wie Lügendetektoren, wenn es an Aufrichtigkeit oder patientenorientierter Praxiskultur fehlt.“
Zahntechnisch/prothetische Komplikationen und Gewährleistung: Ein extraordinärer Berufsweg und ein außergewöhnliches Referat – ein Zahntechnikermeister, der nach 30-jähriger Berufstätigkeit im Jahre 2005 sein ZMK-Studium beginnt, 2010 in Frankfurt am Main sein Staatsexamen macht und 2011 in Erlangen promoviert wird, begeisterte sein Auditorium mit seiner facettenreichen Darstellung der im Bereich der Implantologie möglichen klinischen und zahntechnischen Komplikationen. ZTM und Dr. med. dent. Peter Finke (Erlangen) wird demnächst auch in einem Interview mit dem Autor darüber diskutieren. Dort wird ebenso detailliert über die tatsächlichen Garantie- und Gewährleistungsansprüche in juristisch relevanten Fällen informiert.
Das Kongressmotto „Implantologie im Team“ war auch das Thema zahlreicher Referate, wobei im Assistenzprogramm die Patientenberatung, das Qualitätsmanagement und die Praxishygiene die Hauptrolle spielten. Wegen der Teilnehmerzahl musste diese Kongresskomponente in das benachbarte Hotel Le Meridien „ausgelagert“ werden.
Erfolgreiche Patientenberatung Schlüssel zum Praxiserfolg: Das Beratungsgespräch über notwendige und dabei mögliche Maßnahmen ist eine wesentliche Grundlage der Kommunikation mit dem jeweiligen Patienten. Insbesondere bei der Versorgung mit Implantaten ist eine ebenso intensive wie kompetente Aufklärung von enormer Bedeutung. Hier ist es auch wichtig, dass das Praxispersonal Fragen der Patienten beantworten kann und zum Beispiel diese über Hygienefragen berät. Das Referat von Dr. Dirk Duddeck (Köln) vermittelte einen lebendigen Eindruck von den Spielregeln, ohne dabei mit sogenannten Verkaufstricks hantieren zu müssen, wenn es um eine überzeugende Darstellung der Leistungen der Praxis geht.
Qualitätsmanagement in der chirurgischen Praxis: Nur mit konsequenter Systematik zum Erfolg: Wenn auch die ursprünglich als Zahnmedizinische Fachangestellte (ZFA) ausgebildete und aktive TÜV-Auditorin Dora M. Tarnoki (München) für ein offizielles QM-System als Grundlage für ein erfolgreiches Arbeiten plädierte, ist es prinzipiell wichtig, gerade im chirurgisch-implantologischen Bereich eine konsequente Systematik aller organisatorischen und fachlichen Aspekte anzuwenden, die Teil eines professionell durchdachten Qualitätssicherungskonzepts sind. Die Antwort auf die Frage „Pflichterfüllung oder Chance?“ ist bei einem kompetenten Team ganz eindeutig: Alle Aufgaben sind auch ohne amtliche Zwänge bestmöglich zu erfüllen.
Optimaler Infektionsschutz obligatorisch: Die fachgerechte Aufbereitung der Arbeitsmittel für die chirurgische Praxis gehört zu den wesentlichen Elementen des Qualitätsmanagements und der mit ihr verbundenen Qualitätssicherung. Die Autorin des Fachbuchs Chirurgie für die Zahnarzthelferin und ebenfalls QM-Auditorin Maria Nörr-Müller (München) erläuterte die verschiedenen Anforderungen bei den Infektionsschutzmaßnahmen im chirurgischen Bereich, wobei es hauptsächlich um Instrumente, die als „kritisch B“ und damit mit einem optimalen Sterilisationsverfahren gemäß DIN EN 13060 aufzubereiten sind. Auch mit diesem Referat wurde eindeutig klar gemacht, dass alle Maßnahmen diszipliniert umgesetzt werden.

- Internationale Referenten zu Gast (von links): Prof. Dr. Giuseppe Cardaropoli (Newark/USA), Dr. Eduardo Anitua (Vitoria/Spanien) und Dr. Henry Salama (Atlanta/USA)
OP-Assistenz in der Implantologie: Aller guten Dinge sind drei: Die auch als Technische Sterilisationsassistentin und Röntgenbeauftragte ausgebildete ZFA Tina Vetters (Berlin) war die dritte im Bunde, die die optimale Teamarbeit im Allgemeinen und den Infektionsschutz im Besonderen in den Mittelpunkt ihres Referats stellte. Dabei ging es auch um die systematische Schulung der Teammitglieder, um dadurch die Perfektion der chirurgisch-implantologischen Maßnahmen zu gewährleisten. Die Aussage, dass „in Zeiten des QM-Managements es unerlässlich erscheint, die genauen Abläufe und (RKI-)Richtlinien zu kennen und in die Tat umzusetzen“, gibt Anlass anzumerken, dass der Begriff „Qualitätsmanagement“ vor nicht allzu langer Zeit noch ein fachliches Fremdwort war, aber der optimale Infektionsschutz schon davor für das gewissenhafte Praxisteam eine Selbstverständlichkeit war.
Die neue GOZ: Mit den Referaten von Dr. Stefan Liepe (Hannover) und RA Dr. Thomas Ratajczak (Sindelfingen) wurden die Teilnehmerinnen auf die neue GOZ eingestimmt, über die aber erst nach ihrer amtlichen Verkündung ganz Genaues vermittelt werden kann.
Neues von der Dentallausstellung: Die 30 Aussteller boten einen konzentrierten Überblick über das derzeitige Angebot im Implantologiebereich und zeigten sich erfreut, dass sich zwei wichtige implantologische Organisationen eine gemeinsamen Kongress entschlossen hatten.
Die Laser-Lok-Mikrorillen um den Hals der BioHorizons-Implantate (3,0 Millimeter) sollen eine natürliche Bindegewebsverbindung aufbauen und die Hart- und Weichgewebe stabilisieren.
Die Conelog-Implantatsysteme ergänzen mit ihrem konischen Titanimplantaten das bisherige Programm von Camlog. Sie können mit dem Camlog-Chirurgiesystem inseriert werden.
Mit dem neuen Replace-TC-Titanimplantat (Nobel Biocare)kann vor allem die Versorgung mit Deckprothesen vereinfacht werden.
Die auch in einem Referat von Dr. Stefan Reinhardt (Münster) und einem Workshop mit Dr. Holger Jannsen (Berlin) vorgestellte Mucograft-Kollagenmatrix (Geistlich Biomaterialien) kann die Transplantation von Bindegewebe zur Stabilisierung der periimplantären Weichgewebe ersetzen.
Der Implantologie-Almanach 2011 (Teamwork Media) vermittelt einen informationsreichen Überblick über Implantatsysteme, Knochenersatzmaterialien, Barrieremembranen, Planungssoftware und implantatprothetische Laboratorien. Bezüglich der klinischen Zulassung ist das Impla-System von Schütz Dental das älteste Produkt (1963), während die letzten notierten Zulassungen 2010 die zuvor erwähnten Camlog- und Nobel-Biocare-Produkte betreffen.
Als sich die Vorstände von BDIZ EDI und DGOI vor über einem Jahr entschlossen, ihren Jahreskongress gemeinsam zu veranstalten, war dies eine richtige Entscheidung, die – gerade in diesem Fachgebiet – nachahmenswert erscheint. Der Präsident der Bayerischen Landeszahnärztekammer, Prof. Dr. Christoph Benz, zeigte sich in seinem Grußwort beeindruckt von der Leistung der beiden Gesellschaften, deren Präsidenten – das merkte man deutlich – durch eine vieljährige Freundschaft verbunden sind. In ihrem Schlusswort brachten sie ihre Freude über das gelungene Pilotprojekt zum Ausdruck, das für die Teilnehmer – über die Fortbildung hinaus – auch Zeit für persönliche Dialoge bot, nicht zuletzt beim BDIZ EDI/DGOI-Oktoberfest im Löwenbräukeller am Stiglmaierplatz.
Kimmel
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