
125 Jahre Zahnheilkunde an der Universität Leipzig
Die erste universitäre Zahnheilkunde in Deutschland feiert großes Jubiläum
Am 16. Oktober 1884 begann der Leipziger Extraordinarius Prof. Dr. med. habil. Friedrich-Louis Hesse seine Lehrtätigkeit am ersten deutschen (halbstaatlichen) zahnärztlichen Universitätsinstitut in der Leipziger Goethestraße 5. Hesse, dessen eigentlicher Berufswunsch die Chirurgie gewesen war, hatte eine anatomische Ausbildung bei Braune und His durchlaufen und sich in diesem Fach habilitiert.
Im Jahr 1880 entschloss er sich, beeindruckt vom Stand der amerikanischen Zahnheilkunde, in New York Zahnmedizin zu studieren und erwarb den amerikanischen Abschluss eines Doctor of Dental Surgery (DDS). Damit war er (inzwischen auch nach deutschem Recht zahnärztlich approbiert) für die Leipziger Medizinische Fakultät der geeignete Kandidat, um ihre seit etwa 1877 laufenden Bemühungen um ein Zahnärztliches Ordinariat mit dazugehöriger Klinik zu verwirklichen. Von der ersten Interpellation bei der Königlich Sächsischen Regierung bis zum Start des Lehrbetriebs waren also acht Jahre vergangen. Dieses historische Ereignis, das die deutsche Zahnheilkunde in die Gemeinschaft der akademischen Heilkunde integrierte, jährt sich in diesem Jahr zum 125. Mal.
Anlässlich dessen wurde dem Leipziger Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in einem Akademischen Festakt der Name seines Gründers verliehen. Am 14. Mai 2009 übergab der Rektor der Universität Leipzig, Magnifizenz Prof. Franz Häuser, im Rahmen seiner Festansprache die Urkunde an den Geschäftsführenden Direktor Prof. Karl-Heinz Dannhauer. Nach einem Grußwort von Spectabilis Prof. Joachim Thiery und einer Laudatio auf Friedrich Louis Hesse durch Prof. Hans-Ludwig Graf umriss Dannhauer die „Entwicklungslinien des Friedrich-Louis Hesse-Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und Orale Medizin“. Für die Familie Hesse dankte Maria Schwartz (Leipzig) in einer sehr persönlich gehaltenen Ansprache. Mit einem hochinteressanten und fesselnden Festvortrag von Prof. Hartmut Zwahr über „Verfassungsstaat und Landesuniversität bei Übergabe des Augusteum an der Universität Leipzig, 1836, Aufbruch zur Exzellenz“ schloss der Akademische Festakt.
Es folgten zwei Tage Jubiläumstagung unter dem Thema: „125 Jahre akademische Zahnheilkunde in Leipzig – Aus Tradition für Innovation“. Die wissenschaftliche Leitung lag bei Prof. Dannhauer, der einen Spagat zwischen Reflexion von Erreichtem und Projektion in die Zukunft konzipiert hatte. Dies gelang über alle klassischen Teilgebiete unseres Faches. Prof. Michael Walther (Dresden) sprach über die Prothetik der Zukunft, Dr. Diether Reusch (Westerburg) über funktionelle Aspekte bei prothetischen und restaurativen Therapien. Prof. Alexander Hemprich (Leipzig) sprach im 200. Jahr der Darwinschen Theorie über „Die Evolution der Mund-, Kiefer-Gesichtschirurgie als klinisches Fach der Zahnheilkunde“. Prof. Hans-Ludwig Graf machte „Das Unerklärbare in der Implantologie“ noch unerklärbarer. Die Entwicklung von der plastisch-rekonstruktiven Chirurgie zur regenerativen Medizin beleuchtete Prof. Bernhard Frerich (Rostock), und Prof. Torsten Remmerbach (Brisbane/ Leipzig) informierte über die Mundhöhle als Spiegel systemischer Erkrankungen. Vier hochkarätige Workshops von Dr. Matthias Häfer/Dr. Matthias Busch (Leipzig) zur Endodontie, Dr. Reusch (Westerburg) zu minimal-invasiven Verfahren der Okklusionsrekonstruktion unter funktionellen Gesichtspunkten, Prof. Remmerbach (Brisbane/Leipzig) zu Mundschleimhauterkrankungen und Tumorfrüherkennung und Prof. Anton Sculean (Bern) zu Augmentationstechniken in der Parodontologie beendeten den Kongresstag, der mit einem Festabend ausklang.
Der Samstag begann mit einer Postersession, in der so kurz wie prägnant die Leistungsfähigkeit der kommenden Wissenschaftlergeneration vorgestellt wurde. Danach referierten Dannhauer und Dr. Immo Krey (Leipzig) über das Für und Wider der Extraktionstherapie in der Kieferorthopädie sowie über friktionsarme Behandlungstechniken als Zukunftskonzept. Für die Kinderzahnheilkunde stellte Prof. Christian Hirsch Erreichtes und „Dauerbaustellen“ der Kinderzahnheilkunde vor, die weit über die klassische Fluoridtherapie hinausgingen.
Die letzte Session war der Konservierenden Zahnheilkunde und Parodontologie gewidmet. Prof. Anton Sculean (Bern) behandelte neue, bewährte und weniger bewährte Konzepte der klinischen Parodontitistherapie, wohingegen Prof. Matthias Hannig (Homburg) die überbordende Innovationswelle adhäsiver Füllungsmaterialien zu systematisieren versuchte. Es folgten Vorträge von Dr. Andreas Fuchß/Dr. Regina Purschwitz (Leipzig) über die Endo-Paro-Läsion und Prof. Holger Jentsch (Leipzig) über besondere Aspekte der Parodontitis beim jungen Patienten. Mit diesem Vortrag, den man unter das Schlagwort zielgruppenorientierte Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde stellen kann, schloss eine außerordentlich interessante und schöne Tagung des selbstbewussten Feierns inmitten europäischer Größen der Zahnheilkunde, die die Entwicklung des Faches umriss und Aufgaben der Zukunft zu fassen versuchte.
Prof. Dr. Hans-Ludwig Graf, Leipzig
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