
Allergien gegen Füllungsmaterialien nehmen zu
Toxikologie zahnärztlicher Füllungsmaterialien ist Sach- und Problemkomplex von erheblicher Bedeutung – Interview mit Prof. Dr. Franz-Xaver Reichl, LMU München –
Wer zum Beispiel im Kapitel 6 „Zahnerhaltung“ der neuen (zehnten) Ausgabe des BZÄK/KZBV-Produktwegweisers Das Dental Vademekum (DDV) nach geeigneten Füllungsmaterialien sucht, wird mit einer Fülle von Informationen konfrontiert, zu denen auch Hinweise auf toxikologische Aspekte gehören.
So erhebt sich wohl für jede Zahnärztin und jeden Zahnarzt in Klinik und Praxis die Frage, welche Tragweite diese Hinweise und daraus entstehende Probleme für die Versorgung der Patienten, aber auch sie selbst und ihr Team haben. DZW-Chefkorrespondent Dr. Karlheinz Kimmel befragte dazu mit Prof. Dr. rer. nat. Dr. rer. biol. hum. habil. Franz-Xaver Reichl einen der kenntnisreichsten Wissenschaftler, der schon seit Jahren auch in der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie der Ludwig-Maximilians-Universität in München aktiv ist.
DZW: Herr Professor Reichl, in Ihrem Referat zur Toxikologie der Zahnfüllungsmaterialien anlässlich der Jahrestagung 2009 der Schweizerischen Gesellschaft für ganzheitliche Zahnheilkunde (SGZM) und ebenso beim 8. Netzwerk-Kongress Systemische ZahnMedizin im Mai 2009 in Leipzig haben Sie von einer dramatischen Zunahme der Allergien gegenüber Zahnfüllungsmaterialien gesprochen. Wie ist das zu verstehen?
Prof. Dr. Franz-Xaver Reichl: Die Zahlen stammen vorwiegend aus skandinavischen Untersuchungen zur Bevölkerungsgesundheit und aus meiner eigenen beruflichen Erfahrung in Deutschland. Die Häufigkeit der bekannten Allergien gegenüber Inhaltsstoffen in Zahnmaterialien, zum Beispiel Methacrylaten, hat sich bei Zahnärzten und bei zahnärztlichem Personal innerhalb der vergangenen zehn Jahre fast verdoppelt, bei Zahn-Patienten fast verzehnfacht. Insgesamt reagieren in diesen Ländern schon fast 3 Prozent der Bevölkerung allergisch gegenüber Methacrylaten, und es werden immer mehr. Zahnärzte und ihr Personal sind weit häufiger betroffen als die übrige Bevölkerung. Das ist eines ihrer Berufsrisiken. Allergien entstehen so: Je öfter und/oder je länger der Kontakt gegenüber einer Substanz besteht, desto schneller und häufiger kann sich eine Allergie entwickeln. Zahnfüllungsmaterialien mit Methacrylaten gibt es noch nicht sehr lange. In vielen Ländern werden sie erst jetzt richtig populär. Auch dort beobachten wir in der Bevölkerung, dass die Allergien gegen Methacrylate aus Zahnmaterialien häufiger werden, jedoch immer erst mit einigen Jahren Verzögerung.
DZW: Warum mit einigen Jahren Verzögerung?
Reichl: Weil der Körper normalerweise erst nach längerem und wiederholtem Kontakt mit einer Substanz eine Allergie gegen sie entwickelt. Die Allergie bleibt danach oft lebenslang erhalten. Deshalb beobachten wir nach vermehrtem Einsatz von zum Beispiel Kompositen immer mehr Leute, die so ein Problem haben beziehungsweise bekommen. Wenn die Allergie einmal da ist, bleibt den Betroffenen oft nur noch die Möglichkeit, den Kontakt mit der auslösenden Substanz so gut es geht zu vermeiden. Das ist aber schwierig bei einer Substanz, die bereits in den Zähnen eingebaut ist. Dazu kommt, dass die Substanz auch an anderen Orten vorkommen kann.
DZW: Wie äußern sich diese Allergien? Worunter leiden die Patienten beziehungsweise das Zahnarztpersonal?
Reichl: Die Symptome reichen von Entzündungen der Mundschleimhaut über Hautausschläge bis hin zu respiratorischen Hypersensibilisierungen wie zum Beispiel Asthmaanfällen. Zahnärzte und Praxispersonal leiden auch zunehmend an Kontaktallergien. Latex-Handschuhe bieten dem Zahnarzt hier nur wenig Schutz, da die Substanzen schnell hindurchgehen.
DZW: Sie haben erklärt, dass bei den Kompositen sogenannte Methacrylate freigesetzt werden können und haben zwei Beispiele von Inhaltsstoffen genannt mit den Namen „HEMA“ und „TEGDMA“, die in Bezug auf Allergien und auch toxikologisch problematisch sind. Was sind das für Substanzen?
Reichl: In Kompositen und in Adhäsiven finden wir eine ganze Reihe kritischer Substanzen, zum Beispiel auch Methacrylate. Methacrylate werden mit Licht vernetzt. Dadurch wird die Füllung hart und belastbar. Leider wird aber nur etwa die Hälfte dieser Methacrylate in der Füllung vernetzt. Nicht vernetzte Moleküle können mit dem Speichel aus der Füllung ausgewaschen werden und in den Körper gelangen – das macht sie potenziell gefährlich. Uns Toxikologen interessiert aber weniger, was drinnen ist, sondern vielmehr, was und in welcher Menge freigesetzt wird. Beispiele solcher freisetzbarer Methacrylate sind „HEMA“ (Hydroxyethylmethacrylat) und „TEGDMA“ (Triethylenglykoldimethacrylat). Wir haben in unserem Labor Dutzende von Kompositen und Adhäsiven auf ihr Freisetzungsverhalten von Inhaltsstoffen untersucht. Aus diesen Ergebnissen konnte mittlerweile die weltgrößte Datenbank aufgebaut werden. Das Bild ist fast überall das Gleiche: Selbst aus den gehärteten Füllungen gelangen Methacrylate, zum Beispiel HEMA oder TEGDMA, in den Speichel und auf die Mundschleimhaut. Der Kontakt mit den nicht gehärteten Produkten ist noch kritischer. Zur allergischen Reaktion gehören Rötungen oder Entzündungen an Zahnfleisch, Zunge, Lippen und Gesichtshaut. Bei betroffenen Zahnärzten und Zahnpersonal kommt es nicht selten zum Entstehen von Kontaktekzemen an den Händen.
DZW: Sind HEMA und TEGDMA die einzigen kritischen Bestandteile in Füllungskunststoffen?
Reichl: Als Inhaltsstoffe in Kompositen und Adhäsiven finden wir eine ganze Reihe von chemischen Substanzen, von denen einige auch problematisch sind. Wichtig ist aber immer, welche Menge freigesetzt werden kann. Nur daraus freigesetzte Substanzen können auch eine Schadwirkung verursachen. Eine weitere aus vielen Kompositen freisetzbare, aber nicht zu den Methacrylaten zählende Verbindung wäre die sogenannte Initiatorsubstanz Benzoylperoxid, das auch sehr häufig Allergien auslösen kann. Langkettige und gut eingebundene Moleküle, wie zum Beispiel das lipophile BisGMA (Bisphenol-A-Glycidylmethacrylat) können aus der ausgehärteten Füllung hingegen nur schwer eluiert werden und stellen deshalb kein großes Gesundheitsrisiko dar.
DZW: Gibt es darüber klinische Studien?
Reichl: Ja. In Bezug auf Allergien stammen diese, wie oben bereits erwähnt, vorwiegend aus skandinavischen Ländern. In unserem Labor in München haben wir Dutzende von Kompositen und Adhäsiven auf ihr Freisetzungsverhalten von Inhaltsstoffen untersucht. HEMA oder TEGDMA werden aus vielen Produkten freigesetzt. Wir haben des Weiteren von vielen relevanten Inhaltsstoffen auch ihre Toxizitäten, das heißt, ihre zytotoxischen, mutagenen, genotoxischen bis hin zu den karzinogenen Eigenschaften untersucht. Im Laufe unserer Tätigkeit auf dem Gebiet der Analytik haben wir nunmehr die weltgrößte toxikologische Datenbank insbesondere zum Freisetzungsverhalten von Inhaltsstoffen aus Kompositen und Adhäsiven aufgebaut und können mit diesen Informationen den Betroffenen gut helfen.
DZW: Was kann der Zahnarzt tun, um das Allergierisiko für sich und seine Patienten auszuschließen? Da ist doch die Wahl des jeweiligen Produkts sowie dessen Ver- und Bearbeitung von erheblicher Bedeutung?
Reichl: Zur Vorbeugung gegen Allergien gibt es eigentlich nur eines: Den Kontakt mit den allergieauslösenden Substanzen von Anfang an vermeiden. Das ist machbar. Deswegen raten wir dringend jedem Patienten, sich vor einer anstehenden Zahnrestauration auf die Verträglichkeit von Zahnmaterialien testen zu lassen, zum Beispiel im Epikutantest gegen die allergisch/toxikologisch relevanten Inhaltsstoffe aus Kompositen/Adhäsiven. Natürlich können auch Unverträglichkeiten gegenüber metallischen Zahnmaterialien getestet werden. Nach der Testung kann dann für jeden Patienten durch Auswahl aus der vorhandenen Datenbank das für ihn optimale Zahnmaterial ausgewählt werden. Reagiert ein Patient allergisch etwa gegen HEMA oder TEGDMA, könnten zum Beispiel die Komposite els extra low shrinkage aus der Schweiz oder Filtek Silorane aus Deutschland eingesetzt werden, bei denen keine Freisetzungen von HEMA oder TEGDMA gefunden wurden. Durch Auswahl des richtigen Zahnmaterials vor einer Zahnrestauration sind deshalb Zahnarzt und Patient immer auf der sicheren Seite. Unsere Beratungsstelle an der Zahnklinik der Universität München (Info unter E-Mail: reichl@ lmu.de) kann somit jedem Patienten helfen, dem Entstehen von unangenehmen Nebenwirkungen durch Auswahl des richtigen Zahnmaterials (Komposit/Adhäsiv) vorzubeugen.
DZW: Gibt es weitere Testmethoden?
Reichl: Ja, zunehmend werden auch andere allergologische/immunologische Tests für die Bestimmung einer Unverträglichkeit bei Patienten gegenüber Zahnmaterialien herangezogen, so der sogenannte Lymphozyten-Transformationstest (LTT). Der LTT hat zwar den Vorteil, dass der Betroffene nicht unmittelbar mit den zu testenden Substanzen in Berührung kommt, weil nur in seinem entnommenen Blut die allergische Bestimmung erfolgt, dennoch zeigt dieser Test auch Nachteile: Viele Patienten zeigen zum Beispiel im LTT eine Unverträglichkeit gegen Zahnmaterialien. Der Untersucher wählt dann das Material aus, das im LTT beim Patienten keine Reaktion gezeigt hat. Auffällig ist aber, dass nach der Testung des im LTT für gut befundenen Materials dennoch bei Patienten häufig und zunehmend Unverträglichkeiten beobachtet werden, die dann eine erneute Zahnrestauration notwendig machen. Noch größere psychische und physische Belastungen für die Betroffenen sind dann die Folge. Diese Mängel im LTT erklären sich aus den Ergebnissen eigener Untersuchungen, die gezeigt haben, dass viele Substanzen nur sehr langsam und oft erst während des Kauvorgangs aus Zahnmaterialien freigesetzt werden. Diese Substanzen können im LTT nicht erfasst werden. Es ist deshalb nicht möglich, nur allein aus den LTT-Ergebnissen das für den Patienten verträglichste Material zu ermitteln. Interessanterweise konnten solche Mängel/Fehler nicht in dieser Häufigkeit beim Epikutantest beobachtet werden.
DZW: In Deutschland gilt vermehrt das Motto: Schön muss es aussehen. Aber welchen Preis zahlen wir längerfristig dafür?
Reichl: Die Fakten liegen auf der Hand. Wir haben in München schon viel zum Thema „Toxikologie von Kunststoff-Zahnmaterialien“ publiziert. Interessant ist, dass fast nur in den nördlichen Ländern der EU Untersuchungen zum Thema „Allergien durch Zahnmaterialien“ durchgeführt worden sind. Die Diskussionen darüber sind aber jetzt vermehrt weltweit im Gange.
Es ist wichtig, dass die Zahnärzte die Allergierisiken kennen, damit die Prävention beginnen kann. Toxikologie und Immunologie werden in Deutschland mittlerweile vermehrt für Personen in der zahnärztlichen Ausbildung gelehrt. Des Weiteren gewinnt die Toxikologie, Biokompatibilität und die Verträglichkeit von Zahn-Restaurationsmaterialien für Zahnärzte und auch für Patienten zunehmend an Bedeutung. Denn „schöne Zähne“ müssen nicht nur gut aussehen, sondern sie müssen auch gut verträglich sein.
DZW: Herzlichen Dank, Herr Professor Reichl, für dieses ebenso interessante, instruktive wie aktuelle Interview.
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