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02. Februar 2010 |  Zahnmedizin kompakt

Auch Übergewicht und Adipositas erhöhen Risiko für Parodontitis

Erkrankungen kontrollieren und negative Folgen minimieren – Prof. Dr. James Deschner über Wechselwirkungen von Parodontitis und Allgemeinerkrankungen –

 

Angesichts des Zusammenhangs zwischen bakteriellen Infektionen in der Mundhöhle und der Allgemeingesundheit kann durch die Behandlung von Erkrankungen in der Mundhöhle nicht nur die Mundgesundheit, sondern die Gesundheit des Gesamtorganismus verbessert werden. Andererseits führen auch Erkrankungen des Gesamtorganismus zu einem erhöhten Risiko für Krankheiten in der Mundhöhle, so Univ.-Prof. Dr. James Deschner, Poliklinik für Parodontologie, Zahnerhaltung und Präventive Zahnheilkunde der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, in seinem Vortrag auf dem Berliner Presseseminar des Freien Verbands Deutscher Zahnärzte (FVDZ) vorvergangene Woche.

Prof. Dr. James Deschner

Orale und systemische Gesundheit hängen stärker zusammen als bisher vermutet, so Deschner. Parodontitis, Diabetes und viele andere Erkrankungen können zwar nicht vollständig ausgeheilt werden, es ist jedoch möglich, diese Erkrankungen erfolgreich zu kontrollieren und negative Folgen zu minimieren. Dafür sollten die Patienten betreut, regelmäßig nachuntersucht und gegebenenfalls erneut behandelt werden. Eine erfolgreiche Parodontitistherapie bei Patienten mit Allgemeinerkrankungen erfordere daher die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt, Arzt und Patienten.

Die Erkenntnis, dass Mund- und Allgemeingesundheit untrennbar miteinander verbunden sind, berge nicht nur enormes Potenzial für eine erfolgreichere Krankheitsprävention und -therapie, sondern habe auch eine enorme gesundheitsökonomische Bedeutung. Neuere Studien belegen, dass in Deutschland zwischen 4 bis 8 Prozent der Erwachsenen und zwischen 14 bis 22 Prozent der Senioren an einer schweren Parodontitis erkrankt sind. Eine moderate Ausprägung der Parodontitis weisen rund 40 Prozent der Durchschnittsbevölkerung auf. Die Parodontitishäufigkeit steigt in Deutschland laut der 4. Mundgesundheitsstudie an. Obwohl für viele Assoziationen zwischen Parodontitis und Allgemeinerkrankungen ein kausaler Zusammenhang wahrscheinlich sei, so könne aber auch angenommen werden, dass für Parodontitis und Allgemeinerkrankungen gemeinsame Risikofaktoren existieren, vor allem Rauchen, aber zum Beispiel auch eine gemeinsame genetische Disposition.

Deschner verwies in seinem Referat nicht nur auf die vielfach genannten Wechselwirkungen von Parodontitis und Diabetes oder koronaren Herzkrankheiten. Neuere Forschungen zeigten auch Verbindungen von Parodontitis und Adipositas und Parodontitis und rheumatoider Arthritis.
Parodontitis und Diabetes weisen zahlreiche Gemeinsamkeiten auf, so Deschner: Es handele sich um sehr häufig vorkommende und chronische Erkrankungen, die oft lange Zeit unerkannt fortschreiten und die Lebensqualität beachtlich einschränken können.

Diabetes mellitus stellt eine Störung des Stoffwechsels dar und ist vor allem durch hohe Blutzuckerspiegel (Hyperglykämie) gekennzeichnet. Die erhöhten Zuckerspiegel sind auch im Speichel und in den Zahnfleischtaschen bei Diabetikern nachweisbar. Angesichts der steigenden Zahl übergewichtiger Kinder und Jugendlicher sei ein Diabetes Typ 2 häufiger nicht nur bei (oft übergewichtigen) Erwachsenen, sondern auch in dieser Altersgruppe zu finden.
„Der hohe Blutzuckerspiegel bei Diabetikern führt oft zu krankhaften Veränderungen an kleinen und großen Gefäßen (Mikro- und Makroangiopathien) und dadurch zu verschiedenen Komplikationen (zum Beispiel Herzkreislauf-, Nieren-, Nerven- und Augenerkrankungen sowie Wundheilungsstörungen).

Da Diabetiker bei schlechter Blutzuckereinstellung ein ca. dreifach höheres Risiko für die Entstehung einer Parodontitis besitzen, muss auch die Parodontitis als eine Komplikation des Diabetes mellitus angesehen werden. Aber nicht nur die Häufigkeit der Parodontitis ist bei Diabetes erhöht. Diabetiker haben im Vergleich mit Nichtdiabetikern tiefere Zahnfleischtaschen und weniger zahnumgebenden Knochen.

Deschner erläuterte die wichtigsten Faktoren, die vom Diabetes ausgehend die Parodontitis befördern. So sei die Funktion von Zellen des Immunsystems bei Diabetikern oft gestört, sodass Bakterien aus dem Zahnbelag leichter in den Zahnhalteapparat eindringen und zu dessen Abbau führen können. Die hohen Blutzuckerspiegel bei einem schlecht eingestellten Diabetes führten zu Veränderungen von Proteinen im Körper. Diese veränderten Proteine (Advanced Glycation End Products) lagern sich in den Geweben des Körpers, auch im Zahnhalteapparat, ab. Da diese Moleküle zumeist entzündungsfördernd sind, werde die durch die Parodontitis hervorgerufene Entzündung im Zahnhalteapparat zusätzlich verstärkt. Als Folge der exzessiven Entzündung entstehen vermehrt gewebeauflösende Moleküle, die zu einem verstärkten Abbau des Zahnhalteapparats führen.

Bei übergewichtigen Diabetikern (in der Regel Typ-2-Diabetiker) werden nach neueren Erkenntnissen auch Moleküle aus dem vermehrten Fettgewebe, sogenannte Adipokine, ins Blut freigesetzt. Diese Moleküle können ebenfalls die durch eine Parodontitis hervorgerufene Entzündung im Zahnhalteapparat verstärken und dadurch den Abbau des Zahnhalteapparats beschleunigen.

Zahlreiche Studien hätten gezeigt, dass durch die Beseitigung der bakteriellen Infektion und Entzündung im Zahnhalteapparat (Parodontitistherapie) der Blutzuckerspiegel bei Diabetes mellitus, vor allem bei Typ-2-Diabetes, gesenkt werden könne. Die bei einer Parodontitis in die Blutgefäße des Zahnhalteapparates gelangenden Bakterien aus den Taschen und Entzündungsmoleküle gelangen von dort über das Blut zu anderen Stellen des Körpers, wo sie zur Bildung von weiteren Entzündungsmolekülen führen. Es resultieren hohe Entzündungsspiegel im Blut. Diese hemmen die Wirkung von Insulin, wodurch der Blutzuckerspiegel steigt an. Reduziert eine PAR-Therapie die Infektions- und Entzündungsquellen in der Mundhöhle, sinken auch die Entzündungsspiegel im Blut wieder ab, das Insulin wirkt besser, der Blutzuckerspiegel sinkt.

Relativ neu sind Erkenntnisse zur Frage des Zusammenhangs von Übergewichtigkeit und Adipositas und Parodontitis. „Neuere Studien belegen eindrucksvoll, dass Parodontitis bei übergewichtigen oder sogar adipösen Patienten häufiger vorkommt“, so Deschner in Berlin. Dafür könnten Moleküle aus dem stark vermehrten Fettgewebe, die Adipokine, verantwortlich sein. Sie gelangten aus dem Fettgewebe über das Blut in die Mundhöhle, wo sie die bei einer Parodontitis stattfindende Entzündung im Zahnhalteapparat verstärken. Adipokine können auch die Wundheilung regulieren. „Ob daher übergewichtige Patienten auf eine Parodontitistherapie schlechter ansprechen, müssen zukünftige Studien zeigen“, so Deschner.

Auch die Frage, ob eine Parodontitis zu Übergewicht führen kann, weil zum Beispiel durch eine eingeschränkte Kaufunktion kalorienreichere Nahrung aufgenommen werde, sei noch zu beleuchten. In den USA sei der Anteil übergewichtiger und adipöser Menschen in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen, so Deschner auch mit Blick auf eigene Beobachtungen. Dieser Anstieg werde auch in Europa und in Deutschland beobachtet.
Patienten mit einer Arthritis leiden ebenfalls häufiger an einer Parodontitis. Bakterien aus den Zahnfleischtaschen wurden auch in der Gelenkflüssigkeit gefunden. Solche Bakterien und Entzündungsmoleküle können die Gelenkentzündung sowie den damit stattfindenden Knorpel- und Knochenabbau fördern. Zusätzlich scheinen Bakterien aus den Zahnfleischtaschen körpereigene Strukturen zu verändern, die sodann vom Immunsystem als körperfremd wahrgenommen und zerstört werden (Autoimmunreaktion).

(Artikel gekürzt)


Den vollständigen Artikel mit den entsprechenden Empfehlungen für Patienten, lesen Sie in der DZW 5/10 auf Seite 1.

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