
„Familie schon lange kein Gedöns mehr“
Arbeitsministerin von der Leyen ermahnte Medizinischen Fakultätentag –
Anhaltenden Beifall erntete Arbeitsministerin Ursula von der Leyen bei der Eröffnung des 71. Ordentlichen Medizinischen Fakultätentags (MFT) Anfang Juni in Hannover. Wie der Dentista Club berichtet, gab die Ministerin den Hochschulen und Kliniken das Thema Frauen- und Nachwuchsförderung in ihrem praxisbezogenen und eindringlichen Appell für mehr Familienfreundlichkeit an den Hochschulen als Zukunftsaufgabe.
Das Thema sei „schon lange kein Gedöns mehr“, erklärte die Ministerin. Deutschland und seine Hochschulen stünden „im Wettbewerb um die besten Köpfe und damit auch im Wettbewerb um gute Ideen“. Die Medizin habe ein Nachwuchsproblem – ebenso die Forschung. Die Arbeitsministerin verwies auf die steigende Zahl von Ärztinnen und machte ihr Anliegen deutlich: „Es ist wichtig, die Weichen hier richtig zu stellen.“ Deutschland rutsche in einen Fachkräftemangel, viele Stellen im Gesundheitsbereich könnten nicht besetzt werden. Zwar seien die jungen Frauen und Männer von der Bildung erreicht worden, nun zeige sich aber, dass „wir uns dieser Entwicklung nicht angepasst haben“. Es sei nach wie vor schwer, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, dabei seien junge Menschen ein Riesenpotenzial, das dem Land zur Verfügung stehe, so von der Leyen weiter: „Wir kennen die Bruchstellen in Karrieren ziemlich gut – tun wir etwas dagegen?“
Die aktuellen Zahlen stimmten bedenklich. Von den Medizinstudenten seien 60 Prozent weiblich, 86 Prozent hätten einen klaren Kinderwunsch – aber 79 Prozent seien der Ansicht, Kind und Beruf ließen sich nicht vereinbaren. Von der Leyen: „Das ist ein fatales Signal.“ Was wie ein Frauenproblem wirke, sei in Wahrheit ein Thema für Frauen und Männer. Auch junge Männer wünschten sich mehr Zeit für die Familie – ein Ziel, das mit dem Aufstieg in höhere Qualifikationen immer ambivalenter werde. Es sei wichtig, dass sich auch junge Männer für ihre Familieninteressen einsetzten und mit ihren Kolleginnen die Kombination von „care & career“ einforderten. Kümmern und Karriere müsse sich verbinden lassen, betonte die Ministerin, gerade in der Medizin mit ihrer Betonung von „care“ und ihrer langen Ausbildungszeit in der klassischen Phase der Familiengründung.
In der Altersklasse 28 bis 35 Jahre brächen die Frauen trotz hochqualifizierter Ausbildung weg. Während der Anteil der Frauen unter den Promovierenden rund 50 Prozent ausmache, schrumpfe ihre Zahl bei den Habilitierenden auf 30 Prozent, und unter den C-4-Professoren schließlich seien gerade einmal 4 Prozent Frauen. Mit einer eindringlichen Denkpause fragte von der Leyen das mit Hochschulleitern hochkarätig besetzte Auditorium: „Wo sind alle diese Frauen geblieben?“ Noch heute bedeute das Unterbrechen einer Karriere zugleich oft ihr Ende – die Hochschulen und Kliniken müssten wegkommen vom Denken in Blockmodellen und Karriere in Phasen ermöglichen.
Dies erfordere kluge Leitungsentscheidungen. Das Signal an junge Ärztinnen und Ärzte müsse lauten: „Sie sind uns willkommen mit Ihrem Fachwissen – und mit Ihren Kindern!“ Das Auditorium forderte sie auf: „Schauen Sie nicht, was nicht geht mit Kindern, sondern was mit Kindern geht.“ Es gelte, gebildete junge Menschen mit Schaffenskraft zum Hierbleiben zu motivieren: Wenn 67 Prozent aller Nachwuchswissenschaftler, die sich eine Tätigkeit im Ausland vorstellen könnten, dies mit „dort besser zu vereinbarenden Möglichkeiten von Beruf und Familie“ begründeten, sei das ein deutliches Warnsignal. An einigen Universitäten ließe sich bereits ablesen, mit wie wenig Aufwand eine Hochschule elternfreundlicher werden könne, so mit speziellen Prüfungsterminen, Kontaktbörsen, kinderwagenfreundlichen Gebäuden und mehr E-Learning.
Auch die Rückkehr von Ärztinnen und Ärzten nach der Familienphase müsse verbessert werden. Kinder seien ein Grund zur Freude – nicht zum Karrierebruch, und Eltern seien keine Bittsteller. „Werden Sie Trendsetter und ergreifen Sie die Chance für eine familiengerechte Medizinerlaufbahn“, forderte von der Leyen von den Konferenzteilnehmern. Eltern zeigten hohe Verantwortungsbereitschaft, Schaffenskraft und ein langfristiges Bindungsverhalten – wenn dies in Ausbildung und Beruf mehr berücksichtigt würde, so die Ministerin, „dann ist mir um dieses Land nicht bange“.
Sie habe vor Leitpersonen gesprochen, antwortete Prof. Dr. Dieter Bitter-Suermann, Präsident des Medizinischen Fakultätentags, nach dem anhaltenden Applaus. Sicher sei nicht in zwei Jahren mit einem Babyboom an den Hochschulen zu rechnen, „aber wir müssen einen Weg finden“.
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