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12. März 2010 |  Zahnmedizin kompakt

Doppelkronen: „Totgesagte leben länger“

Dr. med. dent. Karlheinz Kimmel über eine sinnvolle Versorgungsart –

 

Die Doppelkrone, mittlerweile 120-jähriges „Uralt“-Konstruktionselement (R. W. Starr, USA, 1886) – so J. Setz in einem QZ-Editorial [1] – ist auch heute noch ein wichtiger technisch-funktioneller Bestandteil der rekonstruktiven Zahnmedizin. Wenn auch die Doppelkrone in ihren verschiedenen Formen insbesondere durch die Implantologie – allerdings nur scheinbar – an Bedeutung verloren hat, ist sie vor allem für ältere Menschen eine optimale Versorgungsart. Obgleich eine amerikanische Erfindung, wird sie vor allem wegen ihrer Weiterentwicklung in Deutschland [6–17] international die „German Crown“ genannt. Es mag auch an dem hohen Stand der deutschen Zahntechnik gelegen haben und liegen, dass sie gerade hierzulande so aktuell geblieben ist.

Langzeitbewährung von Doppelkronen

Die Kardinalfrage ist bei den verschiedenen rekonstruktiven Möglichkeiten, wie sie sich langfristig bewähren und welche Chancen der Wiederherstellung oder sogar Ergänzung bestehen. Bei den Doppelkronen ist die Meinungsbildung überaus heterogen, was auch an der Art der Studien und der Qualität der zahnärztlichen und zahntechnischen Leistungen sowie am Verhalten der damit versorgten Patienten liegen mag [2–5].

Die ausführliche Darstellung der Doppelkronen-Entwicklung von H.-J. Wenz und M. Kern [2] von der Teleskopkrone [H. Böttger 1961, 6] über die Doppelkrone mit Spielpassung [M. Hofmann 1966, 7; K. M. Lehmann 1971, 8] und die Konuskrone [K. H. Körber 1968, 9] und den Doppelkronen mit zusätzlichen Halteelementen [K. M. Lehmann et al. 1996, 10] bis zum Galvanoteleskop [G. Diedrichs 1991, 11] und den Zirkonoxid-Primärkronen [P. Weigl et al. 1996, 12] zeigt die vielseitige Anwendung allein schon von den Konstruktionsformen und Werkstoffen her.

Bei einem Vergleich der sogenannten Überlebenswahrscheinlichkeit spielt die Pfeilerselektion eine besondere Rolle, da bei festsitzendem Zahnersatz in der Regel keine parodontal geschädigten Zähne ausgewählt werden. Bei der Versorgung mit Doppelkronen im Zusammenhang mit dem herausnehmbaren Zahnersatz und seinen eventuellen Ergänzungsmöglichkeiten kann dies aber durchaus der Fall sein [2].

Neben der Pfeilerbeschaffenheit wirken sich die folgenden Kriterien konstruktions- beziehungsweise systemübergreifend auf die Langfristigkeit der mit Doppelkronen versorgten Pfeilerzähne aus [2]: eine parodontalhygienische Gestaltung des Prothesenkörpers, die Vitalität der Pfeilerzähne, eine möglichst hohe Pfeilerzahl, eine günstige Verteilung der Pfeilerzähne und eine kontinuierliche Nachsorge (Recall).

Insbesondere beim stark reduzierten Lückengebiss und bei ungünstig verteilten Pfeilerzähnen besteht die Tendenz, dass hier Konuskronen nicht günstig sind, Doppelkronen mit Resilienzspielraum bessere Werte ergeben und Konstruktionen mit Friktionsteleskopen eine Mittelstellung einnehmen [2].

Die Marburger Doppelkrone

Das ursprünglich von K. M. Lehmann (Marburg) entwickelte Doppelkronensystem [2, 8, 10] ist seit Jahren klinisch bewährt und lässt sowohl eine starre (Teleskop- und Konuskronentyp) als auch bewegliche Prothesenlagerung zu. Es weist die folgenden Merkmale auf:
• Fertigung der Primärkronen, sowie der Sekundärkonstruktion aus derselben Legierung (ohne Verbindungstechniken wie Löten oder Schweißen),
• problemlose Kombination von Doppelkronen mit Gussklammern,
• vertretbarer technischer Aufwand bei der Herstellung,
• einfach zu erweitern beziehungsweise zu unterfüttern,
• durch den Patienten einfach zu handhaben.

In der Ruhelage der Prothese besteht zwischen der Primär- und der Sekundärkrone ein okklusaler Abstand von 0,3 bis 0,5 Millimetern. Bei Belastung des Zahnersatzes werden dadurch primär die zahnlosen Kieferabschnitte belastet. Die Prothese senkt sich entsprechend der Schleimhautresilienz in das zahnlose Tegument ein, der Resilienzspielraum zwischen Primärkrone und Sekundärkrone wird aufgehoben. Bei Nachlassen des Kaudrucks wird die Prothese durch die zurückstellende Schleimhaut wieder in ihre Ausgangslage zurückgeführt, ein Prinzip, welches schon Dolder für die Steg-Gelenk-Prothese angegeben hat. Dieses Einsenken und Rückstellen wiederholt sich bei jedem Kauvorgang. Mit dem integrierten TK-Snap-Halteelement (Sitec) wird ein optimaler Halteeffekt ohne Verkeilung bewirkt. Bei Doppelkronen aus einer Kobalt-Chrom-Molibdän (CoCrMo)-Legierung liegen die Haltekräfte bei ca. 2 Newton [10].

Möglichkeiten der CAD/CAM-Technologie

Im Beitrag von H. Geiselhöringer et al. über teleskopierende Doppelkronen und CAD/CAM-Technik [13] wird das Procera Overdenture Concept (Nobelbiocare) vorgestellt, das auf der Anwendung von Zirkoniumdioxid als Werkstoff beruht und vor allem in Verbindung mit einer Versorgung mit Implantaten interessant erscheint. Die Argumentation für die CAD/CAM-Technik geht dahin, dass damit eine extrem hohe Passgenauigkeit erreicht und die Biokompatibilität als sehr gut angesehen werden kann. Die Hygienefähigkeit dieser Rekonstruktionen wird besonders hervorgehoben. Diese Publikation ist zudem ein Musterbeispiel für die Zusammenarbeit von Zahnmedizin und Zahntechnik.

Qualität der Verblendungen wesentliches Element

Neben der Verblendung von Doppelkronen mit Keramikwerkstoffen gewinnt die Anwendung geeigneter Verblendkunststoffe an Bedeutung. Entscheidend für deren langfristige Qualität sind die positiven Eigenschaften der Kunststoffe, die zahntechnische Verarbeitung und die Pflege durch den Patienten. Wenn auch durch die Verblendkomposite Fortschritte bewirkt werden konnten, gibt es immer noch erhebliche Unterschiede insbesondere hinsichtlich der Biegefestigkeit, des Verbundes und der Oberflächenbeschaffenheit beziehungsweise Widerstandsfähigkeit gegen äußere Einwirkungen.

In einer Studie von A. Rzanny et al. [14] wurden elf Verblendkomposite getestet, deren Eigenschaften insgesamt ein heterogenes Bild ergaben. Die Auswertung der vielfältigen Resultate hat ergeben, dass Vita VM LC (Vita), Estenia (Kuraray), Sinfony (3M Espe) und Cristobal (Degudent) die besten Werte zeigten.

Die klinische Bewährung eines Verblendkunststoffs für Doppelkronen (hier: Konuskronen) wurde mit einer Langzeitstudie von S. Scholz et al. [15] mit dem Komposit Signum (Heraeus Kulzer) an 248 Verblendungen erprobt. Nach fünf Jahren betrug die geschätzte Frakturrate 20,6 Prozent, während die ermittelte Verfärbungsrate 16,3 Prozent betrug. In der Schlussfolgerung heißt es, es sei anzunehmen, dass Verblendfrakturen in dem angewandten Beobachtungszeitraum ein für Doppelkronen spezifisches Problem darstellen.

Die wirklich perfekte Behandlungsplanung

Die optimale prothetische Behandlungsplanung bei kombiniert festsitzend/herausnehmbarem Zahnersatz auf natürlichen Zähnen, Implantaten und deren Kombination – sie ist wahrlich eine komplette Kurzbeschreibung der Anwendung von Doppelkronen – wird in einem ausführlichen QZ-Beitrag von M. Hopp und R. Biffar [16] aufgezeigt. Die Autoren stellen dabei fest, dass gegenwärtig ein Wechsel von der komplizierten Attachmenttechnik zu einfach umzusetzenden Doppelkronensystemen zu beobachten ist.

Erfolgsraten

In seinem QZ-Beitrag „Auf ein Wort“ [17] berichtet W. Bücking über eigene positive Erfahrungen mit Doppelkronen und begründet dabei auch die Bevorzugung der Doppelkronen- gegenüber der Attachment-Technik. Die von ihm zitierte Ergebnisrecherche von D. Hess (Schweiz) zeigt die folgenden Ergebnisse: Für den festsitzenden Ersatz (Brücken) beträgt die Überlebensrate nach zehn Jahren 92,75 Prozent, die nur vom festsitzenden Ersatz auf Implantaten (96,2 Prozent) übertroffen wird. Die Erfolgsrate der Versorgung mit Doppelkronen (plus Prothese) wird mit 79,25 Prozent angegeben, während die Konstruktionen mit an Attachments verankerten Freiendprothesen mit nur 54,25 Prozent schlecht abgeschnitten haben. Bücking dazu: „Diese klassische „starre Lagerung“ hat vor allem das deutsche Gesundheitswesen viel Geld gekostet – mit doch mäßigem Erfolg.“

Fazit

Aus der Gesamtheit der vorliegenden und der vor allem zuvor zitierten Publikationen geht eindeutig hervor, dass Doppelkronen (als Halteelemente für den herausnehmbaren Zahnersatz) in zahlreichen Fällen indiziert sind.

Aufgrund eigener Erfahrungen in der Praxis und als Patient (bisherige Überlebensdauer der OK-Kombination mit fünf Doppelkronen bei einer Verblendfraktur nach 14 Jahren: 15 Jahre; UK-Modellgussprothese ohne Veränderung: ebenfalls 15 Jahre) sind die erwähnten positiven Bewertungen in sehr hohem Maße gerechtfertigt. Voraussetzung hierfür sind aber eine systematische Indikationsstellung, eine optimale Präparations- und Abformtechnik sowie eine bestmögliche zahntechnische Qualität. Alles muss da zusammenpassen.

Karlheinz Kimmel   

Das Literaturverzeichnis kann hier heruntergeladen oder per E-Mail unter leserservice@dzw.de angefordert werden.

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