
„Schalter im Denken umlegen“
Prof. Dr. Michael J. Noack: Befund ist heute nicht mehr gleich Diagnose gleich Therapieentscheidung – Karl-Häupl-Kongress in Köln –
Für ein neues Herangehen an das Thema „Therapieentscheidung und Diagnostikrelevanz“ plädierte Prof. Dr. Michael J. Noack, Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Uniklinik Köln, in seinem Vortrag auf dem diesjährigen Karl-Häupl-Kongress Ende vergangener Woche in Köln. Der Prozess und die Form der Entscheidungsfindung, die Diagnostik als Schlüssel zur breiten Spanne der Therapiemöglichkeiten und zu besseren, reproduzierbaren Therapieentscheidungen, die Information des Patienten und die Dokumentation sind die Kernthemen, denen sich Zahnärzte heute stellen müssen, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein und für ihre Leistungen entsprechend honoriert zu werden, so das Fazit aus seinem Einführungsvortrag.
In vielen Praxen werde noch „Befund gleich Diagnose gleich Therapieentscheidung“ gesetzt. Dies sei auch eine Folge der Minimaldokumentation, wie sie der Bema vorsehe, und der nicht adäquaten Honorierung der Therapieplanung: „In der GOZ und der Honorierung insgesamt gibt es viele Macken und Unverschämtheiten. Die höchste Unverschämtheit ist aber, dass es für die Planung der Heilung kein angemessenes Honorar gibt. Das ist das schlimmste Versäumnis der Politik in der Qualitätssicherung“, so Noack.
Eine differenzierte Diagnostik eröffne auch ein differenziertes Angebot an Therapiemöglichkeiten, an „Dienstleistungen“ mit Grundversorgung und Zusatzleistungen, wie Noack am Beispiel der modernen Kariesdiagnostik zeigte. Eine entsprechend differenzierte Dokumentation führe durch bessere Kompetenz der Behandlung auch zu einer besseren Patientenbindung und zu einer verbesserten Honorarsicherung.
Mit einer neuen, differenzierten Diagnostik als Bewertung der Befunde und Symptome (für die Karies die neue WHO-Klassifikation, www.icdas.org) können präventive Maßnahmen früher einsetzen, sind je nach Risikoklasse differenzierte Therapien und begleitende Programme möglich. Die Befundung sei zwar umfangreicher und brauche Einarbeitung, sei dann aber genauso schnell durchzuführen wie beim bisher üblichen Verfahren. „Legen Sie den Schalter in Ihrem Denken jetzt um“, so Noacks Aufforderung.
Es gebe Bereiche, wo die Therapieentscheidung intuitiv fallen könne, so Noack. Liegen jedoch mehrere Therapieoptionen vor, müsse eine analytische Methode eingesetzt werden, um zur Entscheidung zu kommen. Dafür müssten auch Prognose und Risiken der Therapieoptionen bewertet werden. Das sei für den Zahnarzt in der Praxis der schwierigste Teil.
Systematische Reviews seien hier eine wichtige Hilfe, diese seien allerdings nur schwer verfügbar. Er verwies hier auf die EbM-Splitter in der DZZ und das Center of Evidence der American Dental Association. „Es wäre aber wichtig und gut, wenn eine solche Zusammenstellung der für die Praxis wichtigen Reviews zentral zum Beispiel von der Bundeszahnärztekammer und den Kammern zur Verfügung gestellt würde“, so seine Forderung. Zumal solche Reviews seiner Einschätzung nach auch in Verfahren vor Gericht immer mehr an Bedeutung gewinnen werden.
Noack empfahl, sich für die in der eigenen Praxis am häufigsten eingesetzten Therapien einen Entscheidungsbaum (Decision Tree) mit Erfolgswahrscheinlichkeiten zu erarbeiten und die systematischen Reviews dazu auszuwerten und zu archivieren. Dies gehe heute auch recht komfortabel mit passender Software (Endnote X3).
Ein weiteres entscheidendes Feld ist die Information des Patienten, die weit über die allgemein üblichen Broschüren hinausgehen müsse. „Shared decision making“ ist hier der Schlüsselbegriff, der laut Noack für den Praxiserfolg in der Zukunft entscheidend sein wird. „Ich kann allen nur dringend empfehlen, sich mit solchen Themen zu befassen“, so Noack, und verwies unter anderem auf Beiträge der Bertelsmann-Stiftung sowie einen Aufsatz von Flemmig (Decision making in implant dentistry, Periodontology 2000, Vol 50). So sei die grafische Darstellung der möglichen Therapieoptionen mit ihren Vor- und Nachteilen auch bei Kosten und Erfolgswahrscheinlichkeit für den Patienten (Decision aid) eine gute Option. In den USA gebe es hierzu bereits eine Fülle von Anbietern. Solche umfassenden grafischen Informationen seien eine echte Entscheidungshilfe für Patienten.
All diese Themen seien eine Herausforderung an die Hochschulen, auch mit einer alten Approbationsordnung neue Standards zu vermitteln. Der Berufsstand selbst müsse in der Versorgungsforschung und in der Bereitstellung von Entscheidungshilfen wie Reviews etc. aktiv werden. „Die KZVen sollten auch Erfolge und Statistiken zum Gesundheitsnutzen zur Verfügung stellen können“, so sein Wunsch. Derzeit werde „Versorgungsforschung gegen uns gemacht. Wir sollten sie aber für uns machen.“
Auf die Situation der Ausbildung hatte in seiner Einführung bereits der Fortbildungsreferent der Zahnärztekammer Nordrhein, Dr. med. habil. Dr. Georg Arentowicz, hingewiesen. „Von der Politik ist jetzt dringend eine realitätsbezogene und sachgerechte Orientierung des Studiums an einer präventionsorientierten Zahnmedizin mit einem engen Bezug zur Medizin gefordert. Wir hoffen, dass sich die Politik der Verantwortung nicht entziehen wird und die Ausbildung und damit die Betreuung der Patienten auf einem hohen Niveau sicherstellen wird“.
Einen unterhaltsamen Zugang zum Thema Ästhetik lieferte der Vortrag von Prof. Dr. Hans Jörg Staehle, Heidelberg, der die von Mauro Fradeani erarbeiteten Aspekte der ästhetischen Analyse (Quintessenz 2005) anhand von Fotos prominenter Politiker, Sportler, Stars und Sternchen vorstellte. Ein Befund dabei: „Fast alle Politiker haben ein Problem mit den Zweiern“ – auch der neue Bundesgesundheitsminister Dr. Philipp Rösler (Nichtanlage).
Der neue Kammerpräsident in Nordrhein, Dr. Johannes Szafraniak, freute sich über die gute Resonanz und dankte den Organisatoren, vor allem Georg Arentowicz und Dr. Peter Minderjahn. Insgesamt waren mehr als 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Kongress nach Köln gekommen, der neben dem wissenschaftlichen Hauptprogramm und der Fortbildung für die Helferinnen auch ein eigenes Seminar für Praxisgründer und eine gut besuchte Vortragsreihe der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Nordrhein rund um die korrekte Honorarabrechnung bot.
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