Chance Praxis - Das Fachmagazin für Praxisgründer

14. Juni 2011 |  Zahnmedizin kompakt

Überlebensrate als Kriterium der Produkt- und Verfahrensqualität

Die Überlebensrate beziehungsweise Verweildauer von zahnmedizinischen Restaurationen und Rekonstruktionen ist ein ebenso aktuelles wie interessantes Thema von individuellen Vergleichsstudien und Übersichtsreferaten mit einem mehr oder weniger hohen Evidenzgrad. Die folgenden Beispiele in dieser „ZahnMedizin kompakt“-Folge dokumentieren einerseits den langfristigen Erfolg von Versorgungsarten, andererseits auch deren immer wieder vorkommende Unzulänglichkeiten. Sie zeigen darüber hinaus die Heterogenität der Untersuchungsansätze, wobei immer wieder ein weiterer Forschungsbedarf offenkundig wird. Eine gute Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis (Die mit * markierten Autoren stammen aus der zahnmedizinischen Praxis) ist hier von erheblicher Bedeutung.

Überlebens- und Komplikationsraten von konventionellen Brücken

Diese weltweit – auch in einer DGZMK-Stellungnahme [1] – zitierte systematische Übersicht von Tan, Pjetursson, Lang und Chan [2] offenbarte erst einmal, dass die Zahl evidenzkräftiger Studien gegenüber der Menge der Publikationen zu einem bestimmten Thema sehr klein ist. Von einer ursprünglichen Auswahl von 3.658 Artikeln aus den Jahren 1966 bis 2004 konnten nur 19 die Anforderungen für einen hohen Evidenzgrad von Aussagen über die Überlebens- und Komplikationsraten von konventionellen Brücken erfüllen. Es wurden prospektive und retrospektive Studien mit einer mittleren Beobachtungszeit von mindestens fünf Jahren für die Meta-Analysen ausgewählt, in denen Patienten kontinuierlich klinisch nachuntersucht wurden. Die Überlebensrate über zehn Jahre betrug 89,1 Prozent. Karies (2,6 Prozent), Parodontitis (0,7 Prozent), Retentionsverlust (6,4 Prozent), Pfeilerfrakturen (2,1 Prozent) und Materialdefekte (3,2 Prozent) waren die Risiko- beziehungsweise Verlustgründe.

Überlebensraten doppelkronenverankerter herausnehmbarer Prothesen

In der systematischen Literaturübersicht über die Überlebensraten von Zähnen, Implantaten und von doppelkronenverankerten Prothesen von Koller, Att und Strub [3] ging es hauptsächlich um den kombinierten Zahnersatz. Von den 512 ursprünglich gefundenen Beiträgen aus den Jahren 1973 bis 2010 zu diesem Thema blieben nur elf übrig, die einigermaßen aussagekräftig waren. Die Verweildauer zahngetragener doppelkronenverankerter Prothesen betrug zwischen 90 und 95,1 Prozent nach vier beziehungsweise 5,3 Jahren, während bei implantatgetragenen doppelkronenverankerten Prothesen im Unterkiefer als Überlebensraten 95 Prozent und 100 Prozent nach neun beziehungsweise 10,4 Jahren angegeben wurden. Bei im Oberkiefer zahn- und implantatgetragenen Prothesen wurden 100 Prozent nach 3,2 Jahren als Verweildauer festgestellt. Die gegenwärtige Literatur liefert nicht genug ausreichende Daten über die langfristige Überlebensdauer eines kombinierten Zahnersatzes, sodass hier – so die Freiburger Autoren – noch ein erheblicher Forschungsbedarf über die Verfahrensmodalitäten bei dieser Versorgungsart besteht.

Überlebenszeitanalysen teleskopverankerter Teilprothesen

Wo im vorangegangenen Absatz von doppelkronenverankerten herausnehmbaren Prothesen die Rede ist, wird bei der Überlebenszeitanalyse von Weber [4] der Begriff „teleskopverankerte Teilprothese“ gebraucht. Im Rahmen einer retrospektiven Longitudinalstudie wurden die Daten von 554 Patienten ausgewertet, die in der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik der Gießener Universität mit einer sogenannten Teleskopprothese versorgt worden waren. 26 Prothesen mussten ersetzt werden (4,7 Prozent), 15 mit einer neuen Teleskop- und elf Versorgungen mit einer totalen Prothese. Die 90-prozentige (50-prozentige) Überlebenswahrscheinlichkeit wurde nach 6,4 und 9,34 Jahren unterschritten. Von den 1.758 Pfeilerzähnen wurden 66 (3,8 Prozent) aus verschiedenen Gründen extrahiert. Die Recallteilnahme hatte einen signifikanten Einfluss auf die Überlebensdauer von Prothesen und Pfeilerzähnen.

Verweildauer von Teilkronen-, Extensions- und Endpfeilerbrücken

Die retrospektive vergleichende Untersuchung von Schnaidt, Kahlstorf* und Tschernitscheck [5], auf die schon im DZW-Bericht über die 60. Jahrestagung der DGPro in Hamburg hingewiesen wurde (DZW Nr. 21/11, Seite 4), beruhte auf der Auswertung von 434 Patientenakten mit 79 Teilkronen-, 63 Extensions- und 292 Endpfeilerbrücken (ausschließlich im Seitenzahnbereich) als Studienobjekten. Nach zehn Jahren ergaben sich folgende Überlebenswahrscheinlichkeiten: Teilkronenbrücken 77 Prozent, Extensionsbrücken 77,2 Prozent und Endpfeilerbrücken 85,5 Prozent. Die häufigsten Erneuerungsgründe waren endodontische Komplikationen (21 Prozent), Retentionsverluste (17,7 Prozent) und Karies (14,5 Prozent). Die Faktoren Geschlecht (61,5 Prozent Männer, 38,5 Prozent Frauen), Parodontalerkrankungen und Stiftaufbauten wurden als weitere negative Einflussgrößen ermittelt. In der Frauengruppe war die Verweildauer signifikant niedriger. Verglichen mit anderen Studien lagen die Überlebensraten im unteren Drittel. In Übereinstimmung mit der vorliegenden Literatur sind Endpfeilerbrücken prognostisch am günstigsten, wobei Teilkronen- und Extensionsbrücken – bei strenger Indikationsstellung, guter Mundhygiene und fehlenden Parafunktionen – durchaus empfohlen werden können.

Überlebensdauer implantatgetragener Unterkiefer-Totalprothesen

An der Longitudinalstudie von Malo et al. [6] waren 245 Patienten der Malo-Klinik in Lissabon beteiligt, die jeweils mit von vier Implantaten getragenen Unterkiefer-Totalprothesen sofortversorgt worden waren. 21 von 980 Implantaten mussten bei 13 Patienten explantiert werden. Die Überlebensrate betrug patientenbezogen 94,8 Prozent und implantatbezogen 94,8 Prozent in fünf Jahren und 93,8 Prozent beziehungsweise 94,8 Prozent in zehn Jahren. Die Verweildauer der Prothesen wird mit 99,2 Prozent mit bis zu zehn Jahren angegeben. Beim Einsatz von vier Implantaten zur Verankerung von UK-Totalprothesen können – so die Autoren – hohe Verweilzeiten erreicht werden.

Überlebensraten und Erfahrungswerte kurzer Implantate

Im BDIZ-EDI-Konsensuspapier über kurze und angulierte Implantate [7] wird über Resultate von vorliegenden retrospektiven Studien berichtet, die eine durchschnittliche Verweildauer von zwei bis maximal fünf Jahren zeigen. Aus aktuelleren Studien liegen günstige Überlebensraten zwischen 95 und 99 Prozent vor. Für den Oberkiefer-Seitenzahnbereich werden mit 94 bis 96 Prozent nach zwei Jahren etwas ungünstigere Werte angegeben. Literaturhinweise ergeben, dass bei Verwendung von Implantaten, die nicht nur in der Länge, sondern auch im Durchmesser reduziert sind, mit einer erhöhten Verlustrate von bis zu 10 Prozent nach drei bis fünf Jahren zu rechnen ist. Zurzeit ist der Evidenzgrad generell niedrig. In einer Vergleichsstudie, wo bei 15 Patienten mit 5 bis 6 Millimeter (mm) subantralem und 15 Patienten mit 5 bis 6 mm Knochenangebot oberhalb des Canalis mandibulae in der Studiengruppe kurze Implantate und in der Kontrollgruppe Augmentationen mit Standardimplantaten eingesetzt wurden, zeigten sich wenig klinische Unterschiede bei den Komplikationen in der Einheilphase und der frühen prothetischen Gebrauchsperiode. Zu diesem Thema sind keine randomisierten, kontrollierten Studien (RCT) oder andere systematische, klinische Studien bekannt.

Vergleich von Zirkondioxid- und Titanimplantaten

In der retrospektiven Studie von Lambrich und Iglhaut [8] wurden Überlebensraten von angerauten Titan- und Zirkondioxid-Implantaten analysiert und verglichen. Bei 124 unselektierten Patienten wurden insgesamt 361 (234 Titan- und 127 Zirkondioxid-Implantate) von 376 inserierten Implantaten nachuntersucht (Verlustrate 3,98 Prozent). Bei der Versorgung von der Einzahnlücke bis zum zahnlosen Kiefer wurden Implantate als Spät-, verzögerte Spät- und Sofortimplantate inseriert. Die mittlere Liegedauer betrug 21,4 Monate. Bei den einteiligen Zirkondioxid-Implantaten wurden in der Einheilphase Schutzschienen oder Schutzprothesen eingegliedert, um eine frühzeitige Belastung zu vermeiden. Die Überlebensrate der Titanimplantate lag im Oberkiefer bei 98,4 Prozent und im Unterkiefer bei 97,2 Prozent, während die Überlebensrate der Zirkondioxid-Implantate im Oberkiefer 84,4 Prozent und im Unterkiefer 98,4 Prozent betrug. Die um 14 Prozent statistisch signifikant geringere Überlebensrate der Zirkondioxid-Implantate im Oberkiefer scheint in der zu geringen Primärstabilität (weniger als 35 Newtonzentimeter, Ncm) in weichem und augmentiertem Knochen und in der frühzeitigen Belastung durch mangelnden Schutz unter gingival gelagerten Schutzprothesen begründet zu sein. Mit einer zu erreichenden Primärstabilität von 35 Ncm und der Applikation dental getragener Schutzschienen scheinen Zirkondioxid-Implantate eine vergleichbar gute Prognose zu besitzen wie die verwendeten Titanimplantate. Langzeitstudien sind notwendig, um insbesondere die dauerhafte mechanische Belastbarkeit von Zirkondioxid-Implantaten zu ermitteln.

Überlebensrate von Totalprothesen

Bei der Studie von Kerschbaum, Irland, Teeuwen und Faber [9] wurden die Karteidaten von 332 Patienten einer sogenannten Kassenpraxis ausgewertet, die von 1986 bis 2006 mit insgesamt 908 OK- und UK-Totalprothesen versorgt worden sind. Die durchschnittliche Nutzungszeit lag bei rund zehn Jahren, wobei es keine signifikanten Unterschiede für OK- und UK-Prothesen gab. Die UK-Prothesen wurden – vor allem in den ersten Jahren – häufiger unterfüttert und verursachten mehr Druckstellen als der OK-Zahnersatz, der aber mehr repariert werden musste. Die Untersuchung hat gezeigt, dass totaler Zahnersatz oft länger getragen wird, als dies sinnvoll erscheint.

Kimmel  
 

Eine Literaturliste zu diesem Artikel kann unter leserservice@dzw.de

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