
Anästhesieprofil der intraligamentären Anästhesie – Nutzen für Behandler und Patienten
Lothar Taubenheim zu Fragen der intraligamentären Anästhesie – Stichpunkt Anästhesie (11) –
Die Kooperationsbereitschaft (Compliance) des Patienten ist eine wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche zahnärztliche Behandlung – eine Binsenweisheit. Dass die Behandlung für den Patienten möglichst schmerzfrei erfolgen sollte, ist ein essenzielles Element, um seine Kooperationsbereitschaft zu erhalten beziehungsweise zu erreichen.
Neben den klassischen – weltweit gelehrten und praktizierten – Lokalanästhesie-Methoden der Leitungs- und der Infiltrationsanästhesie werden unter anderem Suggestion und Hypnose, Elektro- und Magnetfeld-Therapie/-Anästhesie und auch Sedierung und Narkose individuell angewandt. In den vergangenen Jahren und auch in einigen Lehrbüchern wird auch die intraligamentäre Anästhesie (ILA) hin und wieder angesprochen – als Möglichkeit der Komplettierung, wenn die Basismethoden der Lokalanästhesie nicht zielführend waren. Die ILA – wie ist sie im Rahmen der Methoden der Lokalanästhesie aktuell zu positionieren?
Die intraligamentäre Anästhesie (ILA) unterscheidet sich signifikant von der Terminal-(Infiltrations-) und der Leitungsanästhesie, wie aktuelle klinische Vergleichsstudien gezeigt haben (Dirnbacher et al. 2003, Zugal et al. 2005, Glockmann et al. 2005 und 2007, Weber et al. 2006, Prothmann et al. 2010). Das Anästhesieprofil dieser Lokalanästhesie-Methode zeigt, dass ILA die Möglichkeit öffnet, die zahnärztlichen Behandlungsabläufe zu optimieren.
Durch die zahnnahe Injektion des Anästhetikums in den Desmodontalspalt wird eine enge Begrenzung des Anästhesiebereichs – im Prinzip nur der zu behandelnde Zahn – erreicht und dadurch eine gezielte Einzelzahnanästhesie ermöglicht. Dadurch ist es möglich, in derselben Sitzung problemlos Zähne in verschiedenen Quadranten zu anästhesieren und zu behandeln, zum Beispiel auch im 3. und im 4. Quadranten. Die Beeinträchtigung des Patienten ist minimal, auch wenn – in derselben Sitzung – Zähne sowohl im 3. als auch im 4. Quadranten anästhesiert werden. Es ist sogar problemlos möglich, mehrere Zähne im selben Quadranten einzeln zu anästhesieren, ohne dass die ungewünschten Effekte der Infiltrations- und mehr noch der Leitungsanästhesie auftreten.
Da praktisch keine Latenz zwischen intraligamentaler Injektion des Anästhetikums und Anästhesieeintritt besteht, ist der Behandler in der Lage, den Anästhesieerfolg unmittelbar nach erfolgter Injektion festzustellen (Sensibilitätsprüfung); die Behandlung kann in der Regel unverzüglich beginnen. Das bei Infiltrations- oder Leitungsanästhesie übliche „Room hopping“ kann entfallen. Sollte der Patient bei der Sensibilitätsprüfung (Kältetest, Sondierung) noch Reaktionen zeigen, so ist eine intraligamentale Komplettierung angezeigt, die in aller Regel zu einer für die indizierte Behandlung ausreichenden Analgesie führt (Csides et al. 2009, Prothmann et al. 2010).
Die ILA zeichnet ein hoher Anästhesieerfolg aus, das heißt, es muss nur mit einer sehr geringen Versagerrate gerechnet werden. Im direkten Vergleich der Lokalanästhesie-Methoden liegt der primäre Anästhesieerfolg der intraligamentären Anästhesie signifikant über denen der Infiltrations- und der Leitungsanästhesie (Dirnbacher et al. 2003, Weber et al. 2006, Prothmann et al. 2010). Komplettierungen unzureichender primärer Lokalanästhesien – vor allem der Infiltrations- und der Leitungsanästhesie – sollten immer durch intraligamentale Komplettierungen erfolgen, da dadurch die Belastung des Patienten durch das – bei der Nachinjektion – injizierte Agens und das Risiko einer Nervläsion und auch eines Gefäßkontakts deutlich geringer ist.
Die ausgeprägte Anästhesietiefe der intraligamentären Anästhesie macht diese Lokalanästhesie-Methode uneingeschränkt geeignet für nahezu alle Indikationen und für alle Zähne. An allen Zähnen, sowohl im Ober- und im Unterkiefer als auch im Front- und im Seitenzahnbereich, können sowohl Extraktionen – bekannt seit 100 Jahren – als auch zahnerhaltende Behandlungen uneingeschränkt durchgeführt werden. Lediglich bei lang dauernden und großflächigen chirurgischen Maßnahmen kann die intraligamentäre Anästhesie die Anforderungen nicht erfüllen.
Die benötigte Menge Anästhetikum ist bei der intraligamentären Anästhesie signifikant geringer als bei der Leitungs- und der Infiltrationsanästhesie (Dirnbacher et al. 2003, Weber et al. 2006, Prothmann et al. 2010). Für die Leitungsanästhesie und auch für die Infiltrationsanästhesie ist ca. das Dreifache an Anästhetikum erforderlich, um eine Schmerzausschaltung zu erreichen. Aufgrund der geringeren Menge des Wirkstoffs ist die Gefahr einer systemischen Reaktion reduziert.
Die Patienten werden durch die ILA nicht beeinträchtigt, das heißt, es besteht keine Einschränkung von Artikulation und Mastikation nach Abschluss der Behandlung. Nach Abschluss einer Behandlung unter intraligamentärer Anästhesie ist die Dispositionsfähigkeit des Patienten nicht beeinträchtigt (Dirnbacher und Weber 2006), der Patient kann unverzüglich seinen beruflichen, sozialen oder persönlichen Verpflichtungen nachgehen – anders als bei Leitungs- und auch unter Infiltrationsanästhesie.
Die Anästhesiedauer ist kurz (20 bis 30 Minuten), aber ausreichend lang für fast alle anstehenden Behandlungen. Durch intraligamentale Nachinjektionen können sowohl die Dauer als auch der Ausbreitungsraum problemlos ausgedehnt werden (Prothmann et al. 2009). Es besteht kein Risiko unkontrollierter postoperativer Verletzungen (keine Taubheit in Wangen, Lippen und Zunge).
Bei der intraligamentären Anästhesie ist kein Risiko von Nervläsionen, zum Beispiel des N. lingualis, gegeben. Eine Aufklärungspflicht zu Risiken und Alternativen, wie bei der Leitungsanästhesie, besteht nicht (Taubenheim und Glockmann 2006, Kaltenbach et al. 2006, Bluttner und Taubenheim 2009); bei einer geplanten intraligamentären Anästhesie kann die erforderliche Patientenaufklärung minimiert werden.
Voraussetzung für eine erfolgreiche intraligamentäre Anästhesie ist die sichere Beherrschung dieser Anästhesie-Methode durch den anwendenden Zahnarzt/die anwendende Zahnärztin, die intraligamentale Injektion mittels Instrumentarien, die dem Stand von Wissenschaft und Technik des Jahres 2012 entsprechen, und die Applikation von bewährten Anästhetika, zum Beispiel Articain mit Epinephrin (Adrenalin).
Lothar Taubenheim, Erkrath
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